Wir leben in einer merkwürdigen Welt. Viele Menschen glauben nicht mal, dass es einen Gott gibt. Sie glauben an die Evolution, dass alles durch Zufall ins Dasein kam.
Dabei kann man sogar ganz persönliche Erfahrungen mit Gott machen. Und er hat sogar einen Namen. Man kann ihn in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas kennenlernen.

Das Kuriose dabei: Viele, die zu der Glaubensgemeinschaft gehören, führen ein Leben, als ob auch sie kaum an Gott glauben würden. Sie beschränken sich auf den Besuch der Versammlungszusammenkünfte und verrichten auf Sparflamme auch einen formalen Predigtdienst, um sich Verkündiger und Zeugen Jehovas nennen zu dürfen. So hat man gesagt, würden sie in die von Gott verheißene neue Welt kommen.

Aber dort gibt es auch sehr eifrige Glaubensbrüder, die eine Form des Vollzeitdienstes verrichten: Pioniere, die 1000 Stunden in den Predigtdienst gehen. Einige von ihnen sind in materieller Hinsicht arm, da sie ihr Geld durch Teilzeitarbeit selbst verdienen müssen. Sie leben sehr sparsam. Denn sie haben den Christus zum Vorbild. Und die Liebe des Christus drängt sie, so opferbereit tätig zu sein.

Alle von ihnen geben vor, Jehova zu dienen und eben Zeugen von ihm zu sein, wie ihr Name sagt. Doch hier stellt sich die Frage, wer von ihnen Jehova wirklich ehrt.

Was es mit Jehova auf sich hat und warum Zeugen Jehovas diesen Gottesnamen verwenden, siehe in „Über uns“.

In dieser Erzählung geht es um meine Erfahrungen, die ich mit dem unsichtbaren Gott und der Pionierschwester gemacht habe, die mir zu Beginn, als ich noch kein Zeuge Jehovas war, Zeugnis gab (siehe dazu den Erwachet!-Artikel „Wissenschaft und Bibel haben mir geholfen, den Sinn des Lebens zu finden“).

Die wichtigste Frage, die sich jeder Zeuge Jehovas stellen sollte

Bei meinen Erfahrungen in der Glaubensgemeinschaft und mit der Pionierschwester stand eine entscheidende Frage im Vordergrund: Wer wird Jehova ehren? Diese Frage wird besonders in 1. Samuel 2:30 thematisiert. Es geht um eine Rivalität zwischen der Ehre, die man Menschen und den eigenen Söhnen und Verwandten entgegenbringt, und der Ehre, die man dem wahren Gott Jehova entgegenbringt. Jehova hat doch seinem Volk versprochen, dass sie im Haus ihres Vorvaters auf Dauer vor Jehova wandeln dürfen. Genauso glauben Zeugen Jehovas, dass ihr Haus, die „Organisation“, von dauerhaftem Bestand ist und man in ihr bis in die von Jehova verheißene neue Welt hinein, wandeln wird.

Jetzt aber sagt Jehova gemäß 1.Samuel 2:30: „das ist für mich undenkbar“. Wie kam es zu dieser Änderung? Was ist der Standpunkt Gottes? Das wird gleich im Anschluss gesagt:

Lies 1. Samuel 2:30 (NWÜ 1986)

Der Grundsatz, mit dem Jehova Gericht halten möchte, lautet einfach: Die mich ehren, werde ich ehren, die mich verachten, werden von geringer Bedeutung werden (Wiedergabe aus NWÜ 1986).

Mit dieser einfachen Formel möchte Jehova die Organisation auch heute richten. Das hat er mir in Verbindung mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, mitgeteilt. Und so steht es auch in der Bibel.

Wie ich ein Zeuge Jehovas wurde und was es mit der Pionierschwester (im Folgenden Rosa genannt) auf sich hat, findet man schon im Erwachet!-Artikel „Wissenschaft und Bibel haben mir geholfen, den Sinn des Lebens zu finden“. Rosa ist eine der beiden Frauen, die in dem Erwachet!-Artikel erwähnt werden. Weitere Artikel sind „Wann immer sie sagen: Glaubensschwestern der Zeugen Jehovas halfen mir, den Schatz zu finden“ und „Erfahrungen mit dem unsichtbaren Gott Jehova“.

Hier möchte ich nur kurz einmal zusammenfassen.

Die Pionierschwester Rosa

Die Pionierschwester Rosa besuchte mich im Haus-zu-Haus-Dienst und erklärte mir die Bibel, besonders, warum wir glauben können, dass wir in den letzten Tagen leben. Rosa gab mir das Buch: „Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben“. Ich habe die Argumente geprüft und erkannt, dass sie wirklich plausibel sind. Durch die ermunternden Worte Rosas wurde mein Herz berührt und ich lernte auch Jehova kennen, indem ich gleich zu Beginn persönliche Erfahrungen mit dem unsichtbaren Gott machte (siehe in der Abhandlung „Wann immer sie sagen“). Auch wollte ich mit Rosa in dem verheißenen Paradies sein. In dieser heutigen Welt hingegen wollte ich nicht mehr heiraten. Ich fühlte mich schon mein ganzes bisheriges Leben wie ein Fremdling in einer mir fremden Welt. Ich war 30 Jahre alt.

So wurde ich schließlich ein Zeuge Jehovas. Dann ging ich für ein gutes Jahr in den Pionierdienst, der damit endete, dass ich ins sogenannte Bethel, das Zweigbüro der Zeugen Jehovas, eingeladen wurde. Ich wurde ein Bethelmitarbeiter in einer ordensähnlichen Gemeinschaft, wo man für Kost und Logis und ein Taschengeld arbeitet, um etwa die Druckschriften herzustellen. In dieser Zeit kam auch der Erwachet-Artikel über mich zustande.

Rosa hingegen blieb im Pionierdienst und lernte Spanisch und ging in die Dominikanische Republik, um dort als Missionarin auf eigene Faust und Kosten, also nicht von der Organisation gesendet, tätig zu sein und den Menschen dort zu helfen, Jehova kennenzulernen.

Doch machte man ihr schwere Vorwürfe, die man hier in Deutschland gar nicht richtig verstand. Sie erhielt eine sogenannte Zurechtweisung. Das bedeutete, sie wurde von drei Ältesten in einer langen Sitzung verhört, in der man ihr viele üble Dinge vorwarf. Danach erhielt sie zahlreiche Auflagen. Man war nicht weit davon entfernt, sie aus der Glaubensgemeinschaft auszuschließen. Wenn sie das getan hätten, wäre sie anschließend wie eine Verstoßene geworden. Selbst hier in Deutschland wären dann ihre Glaubensbrüder dazu angehalten worden, keinen Kontakt mehr zu ihr zu haben. Das ist besonders für einen Menschen, der so eifrig in Verbindung mit dem Glauben tätig ist, ein absolutes Horrorszenario, das sofort Suizidgedanken aufkommen lässt. Das war im Herbst 2003.

Obwohl sie danach ihren Dienst weiter verrichtete und alle Auflagen, die man ihr machte, einhielt, blieb die verurteilende Haltung der Ältesten bestehen. Ein halbes Jahr nach der Zurechtweisung erhielt sie noch einmal ein Gespräch mit den Ältesten, das ziemlich unversöhnlich war. Dann entschied sie sich, fluchtartig das Land zu verlassen.

Hier in der Augsburger Versammlung, fand man keinen Grund, weshalb man die Auflagen, die man ihr dort auferlegt hatte, aufrechterhalten sollte, und man hob sie auf. Eine einschränkende Auflage bestand darin, sich in der Versammlungszusammenkunft nicht zu Wort melden zu dürfen, um sogenannte Kommentare zu Fragen zu geben. Sie wurde aber für drei Jahre vom Pionierdienst gesperrt. Die Ältesten in der Dominikanischen Republik waren weiter gegen sie.

Für sie begann eine schwere Zeit aufgrund der abrupten Beendigung des Missionardienstes und der fehlenden Anerkennung, da es ja weiter im Raum lag, vielleicht doch etwas Böses getan zu haben. Das wurde ja nicht wirklich ausgeräumt. Aber sie war weiter sehr fleißig mit Predigtdienst beschäftigt, während sie ja nebenher noch ihren Lebensunterhalt bestreiten musste. Auch das war jetzt schwer. Sie hatte keine solide Arbeitsstelle, sondern nur wechselnde Jobs.

Unter diesem Eindruck besuchte ich dann im Sommer 2009, wie jedes Jahr, den Bezirkskongress der Zeugen Jehovas. Es war dieses Mal ein internationaler Kongress und viele Delegierte aus anderen Ländern kamen auch.

Von diesem Besuch an machte ich ganz besondere Erfahrungen mit dem unsichtbaren Gott Jehova, von denen ich nun berichten möchte.

Mein jährlicher Besuch in Augsburg im Jahr 2009

Ein ganz besonderes Erlebnis war die Woche vor dem Bezirkskongress 2009 „Wacht beständig“. Wie üblich, kam ich nach Augsburg, um den Bezirkskongress zu besuchen. Nur dieses Mal schon eine Woche vorher, um auch etwas Zeit mit den Glaubensbrüdern zu verbringen. Schließlich war es die Versammlung, in der ich die biblische Wahrheit kennengelernt hatte. Und ich kam bis zu diesem Zeitpunkt jedes Jahr.

Doch es war dieses Mal gleich zu Beginn irgendwie anders. Es schien, als ob Jehova mir eine Aufgabe gegeben hatte und zu mir sagte: „Beobachte die Versammlung genau, denn ich möchte sie richten.“ Ich spürte, dass Jehova mit seinem Geist bei mir war.

Gleich am Freitag, den 03.07.2009, als ich die Zusammenkunft der Versammlung besuchte, merkte ich, dass die Glaubensbrüder in geistiger Hinsicht keine sehr gottergebene Einstellung hatten. Wo ist der Eifer und die Liebe zu Jehova? Wollen sie Jehova ehren?

Einer von den Dienstamtgehilfen meinte, dass die Ältesten nicht viel tun würden, sondern das meiste die Dienstamtgehilfen machen würden. Und die Hoffnung, einmal zum Ältesten ernannt zu werden, würde ihn aufrecht halten. Ist dies nicht eine merkwürdige Einstellung? Der eigentliche Zweck unseres Daseins als Zeugen Jehovas ist doch der Predigtdienst. Jehova hat dieses ganze Werk mit seiner Organisation in Gang gebracht, damit Matthäus 24:14 in Erfüllung geht.

Solche Dinge, die im Nachhinein wie Belanglosigkeiten erscheinen, fielen mir auf, weil es war, als ob Jehova zu mir sagte: „Beobachte die Versammlung ganz genau. Ich bin im Begriff, sie zu richten“.

In der Woche vor dem Kongress hatte ich auch etwas mehr Kontakt zur Rosa. Gleich am Samstag verteilten wir in München Einladungszettel für den Kongress. Und Rosa war auch dabei.

Dann durfte ich in der darauffolgenden Woche beim Studium mit einer Interessierten dabei sein, das normalerweise Rosa und eine andere Glaubensschwester leiteten. Da ich das einzige männliche Wesen war, musste ich es leiten. Natürlich gelang es mir nicht so gut wie Rosa. Die Interessierte hat sich auch beschwert. Sie war Rosa gewohnt, und niemand kann es lebendiger gestalten als sie. Rosa hatte aber keine Probleme gehabt, sich zurückzuhalten und es mir zu überlassen.

Anschließend sind wir nach München gefahren, um uns an der Reinigung des Stadions zu beteiligen. Rosa war natürlich auch dabei und sehr fleißig im Einsatz.

Trotzdem schienen einige in der Augsburger Versammlung nicht so positiv zur Rosa eingestellt zu sein, und man hörte allerlei Kritik. Das fand ich ziemlich merkwürdig.

Was für eine Denkweise?

Am Abend waren wir noch in geselliger Runde zusammen. Ein Glaubensbruder, den ich schon lange kannte und der nun vor nicht allzu langer Zeit zum Ältesten ernannt worden war, unterhielt sich kurz mit mir. Er meinte, dass die Druckmaschinen, die wir in Selters hätten, alle Schrott seien und nur die Augsburger MAN-Roland-Maschinen gut seien. Über diese Bemerkung wunderte ich mich sehr. Ist das eine geistig gesinnte Haltung oder Gottergebenheit? Die Denkweise ist doch wie Nationalismus. Man macht Werbung für die eigene Stadt.

Dann wollte er wissen, ob ich denn nicht heiraten wollte und es in Selters keine Passende gäbe. Dies sagte er mit einem Wink zu Rosa, der ich mich zugewandt hatte. Er wollte mir wohl erklären, dass sie nichts Rechtes für mich wäre. Was haben sie nur gegen Rosa, dachte ich. Rosa ist im Pionierdienst, er selbst wollte nicht Pionier sein. Ihn hatte man aber nun zum sogenannten Dienstaufseher ernannt. Ich kann mich noch erinnern, dass ich vor der Bethelzeit diesen Glaubensbruder, der bereits in Rente war, gefragt hatte, ob er nicht in den Pionierdienst gehen könnte (man hatte in der Pionierdienstschule den Rat bekommen, Rentner zu ermuntern). Er sagte damals, er könne das nicht. Damals war er noch kein Ältester.

Ich wunderte mich. Ein Bruder, der sich den Pionierdienst nicht zutraut, soll sich aber als Dienstaufseher eignen, obwohl ein Aufseher doch als Vorbild vorangehen sollte. Dann hat so jemand ja Autorität und man muss gehorsam und unterwürfig sein gemäß Hebräer 13:17. Wie lange wird man solche Zustände noch ertragen müssen?

Diese Dinge nahm ich mir zu Herzen, nicht, weil ich etwas gegen die Glaubensbrüder gehabt hätte, sondern weil Jehovas Geist mich trieb. Ich möchte ihnen natürlich alles verzeihen und wünsche mir, dass sie sich in ihrem Denken korrigieren. Aber der Kontrast zwischen Rosa und den anderen Glaubensbrüdern fiel mir auf. Ist es nicht wie der Unterschied zwischen Abel und Kain? Kain war auf Abel neidisch, weil dieser Gottes Segen hatte, Kain aber nicht. Kain hätte bereuen und besser oder „gut“ handeln sollen, damit Jehova ihn auch segnen kann und es „Erhebung“ für ihn gibt (1. Mose 4:6, 7).

Dann begann der Bezirkskongress.

Der Bezirkskongress

Ich ging während der Mittagspause am Umgriff entlang und dachte über Rosa nach, über ihren Eifer, und betete schließlich zu Jehova, einer solchen Glaubensschwester, die so viel für Jehova getan hat, helfen zu wollen. Ich sagte zu Jehova, dass es nicht aus persönlichem Interesse ist, sondern weil ich die ehren wollte, die Jehova ehren.

Dann sah ich plötzlich Rosa mit der Interessierten. Ein kurzes Gespräch fand statt. Ihr Schirm sei kaputtgegangen. Sie zeigte mir ihren kaputten Schirm. Meine unbeholfenen Bemühungen, ihren Schirm zu reparieren, waren erfolglos. Geradebiegen konnte man da nicht viel. Dann hatte die Interessierte wieder ihre volle Aufmerksamkeit benötigt und so bin ich weitergegangen.

Mir ging das so zu Herzen, dass die gestresste Rosa, die in dieser Zeit auch noch mit dem Umziehen in eine neue Wohnung beschäftigt war, jetzt auch noch mit dem Schirm Pech hatte. Deswegen überlegte ich, ob ich ihren Schirm gegen meinen tauschen könnte, da ich schon irgendwie mit dem kaputten Schirm zurechtkommen würde, wenn es regnet. Aber dazu kam es dann nicht, da wir an unterschiedlichen Orten Platz gefunden hatten. Aber sie hatte am nächsten Tag einen anderen Schirm dabei.

Nachdem ich nun weitergegangen bin, habe ich wieder zu Jehova gebetet. Tief berührt von ihrem liebevollen Interesse an einer interessierten Person, hatte ich gegen Tränen zu kämpfen. Es sieht ein wenig komisch aus, wenn da jemand heulend am Umgriff entlangläuft. Da war also Selbstbeherrschung gefragt.

Da die Veröffentlichung des Artikels im Erwachet: „Wissenschaft und Bibel haben mir geholfen, den Sinn des Lebens zu finden“, in dem mein Werdegang erzählt wird, nicht lange zurücklag, waren die Glaubensbrüder mir gegenüber natürlich sehr positiv eingestellt. Ich war sozusagen eine Berühmtheit. Im Kontrast dazu waren sie Rosa gegenüber nicht positiv eingestellt. Es gab erstaunlich viele Negativäußerungen. Das war mir richtig unerträglich und ich empfand es als völligen Widerspruch. Rosa hatte mich dazu gebracht, diesen Weg zu gehen und Jehova kennenzulernen. Wenn ich eifrig für den Glauben aktiv war, dann wegen ihres anspornenden Beispiels. Wieso sollten sie gar auf mich stolz sein, während sie die Rosa gleichzeitig gering schätzen? Was sind das nur für merkwürdige Maßstäbe, die sie aufgestellt haben?

Schließlich wünschte ich mir, dass es doch besser andersherum sein sollte. Sie sollten lieber mich verachten und die Rosa sehr ehren. Ja, Rosa hätte doch alle Ehre verdient! Wegen ihres aufopferungsvollen Dienstes und echten Interesses für Interessierte. Und dann hat sie auch für den Diensteinsatz im Ausland alles gegeben. Darin hat sie schon alle übertroffen. Einfach ein aufopferungsvolles Leben im Dienst für den Glauben an Jehova.

Ich überlegte, wie ich den Glaubensbrüdern das klarmachen kann. Aber wie aus ihren Bemerkungen hervorging, schien ihnen gerade das zu befremden, so als ob Opferbereitschaft für Jehova eher etwas Schlechtes, ja wie eine Krankheit wäre. Dabei sollen wir doch dem Christus nachfolgen. Und welche Opfer hat der Christus gebracht! Aber die Glaubensbrüder achten offensichtlich auf die Etiketten und auf Dienst nach Vorschrift, um die Ältesten zufriedenzustellen.

Da waren schon einige Überlegungen, irgendetwas zu machen, was ich den Glaubensbrüdern zukommen lassen könnte, um ihnen klarzumachen, dass sie nicht auf mich, sondern auf Rosa stolz sein sollten.

An einem Kongresstag waren wir mit Toilettenreinigung dran. Wir waren nur eine kleine Gruppe dieses Mal. Besonders fleißig war erneut Rosa, und das bei ihrem Stress. Denn am Abend musste sie sich noch um den Umzug in ihre neue Wohnung kümmern. Dass wir so wenig waren, ist nicht ganz verwunderlich, denn im vergangenen Jahr haben die Glaubensbrüder aus der Versammlung gemurrt, dass wir jedes Jahr mit Toilettenreinigung dran sind.

Die Wochen nach dem Kongress

Schon bei der Heimfahrt dachte ich über das Erlebte nach. Ein Ältester meinte zuvor, Rosa hätte während der letzten Jahre um das Überleben gekämpft. Ob er eher die schwierige Arbeitssituation gemeint hat oder die Zurechtweisung durch die Ältesten in der Dominikanischen Republik, blieb offen.

Ich überlegte, ob ich irgendetwas tun, vielleicht guten Rat geben kann.

Noch am Abend war eine ungeheure Stimmung im Bethel. Eine Gruppe russischer Glaubensbrüder, die zuvor auf dem Kongress gewesen war, stellte sich zusammen mit einigen Bethelmitarbeitern an die Schranke und sang Königreichslieder. Sowohl während des Kongresses als auch an diesen Tagen im Bethel war eine ganz besondere Stimmung wie nie zuvor. Es kam mir so vor, als ob dies der letzte Kongress dieser Art sein würde, vor den dramatischen Ereignissen, die vor uns liegen, wenn Jehovas Tag kommt.

In den ersten Wochen nach dem Kongress musste ich jeden Morgen im Speisesaal während der Tagestextbesprechung und beim Frühstück mit den Tränen kämpfen, während mir das, was Rosa alles im Dienst geleistet und in welchen Prüfungen sie ausgeharrt hat, durch den Kopf ging. Während dieser Zeit betete ich immer wieder für Rosa, und dies unter starken Tränen. Mir war einfach glasklar, dass die Rosa ganz besonders zu denen gehört, auf denen Jehovas Auge ruht. Sie hat den Auftrag, den Jehova uns gegeben hat, stets mit vollständiger Hingabe ausgeführt. Wer Rosa angreift, der greift Jehovas Augapfel an, gemäß Sacharja 2:8! Für Jehova muss es nun einfach Handlungsbedarf geben.

Doch was habe ich nun für eine Aufgabe? Was kann ich tun? Ich dachte darüber nach, wie durch Zusammenarbeit mit Jehova für die Rosa etwas getan werden kann. Dabei schaute ich mir die E-Mails durch, die sie vor einigen Jahren aus der Dominikanischen Republik geschrieben hatte. Schließlich war meine Überlegung, man müsste sie irgendwie empfehlen, dass sie vielleicht in den Sonderpionierdienst kommen kann. Das war eben ein solcher Gedanke, weil gerade auch manche Bethelmitarbeiter in den Sonderpionierdienst geschickt wurden. Eine Idee muss man ja mal haben.

Ich schrieb dann erst einen Brief an einen Mitbruder aus der Versammlung, in dem ich meine Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass Jehova denen, die ihn ernstlich suchen, ein Belohner wird (Hebräer 11:6) und Jehova die Rosa ganz bestimmt belohnen wird.

Ich hatte den starken Impuls, ihren Eltern einen kurzen Brief zu schreiben, wobei ich nicht lange über die Formulierung nachdenken musste. Es kam mir einfach spontan in den Sinn. Denn ich hörte, dass man auch deshalb nachteilig über sie redete, weil auch ihr Verhältnis zu den Eltern nicht gut gewesen wäre.

Eine neue Nachricht, die nichts an meinen Vorhaben änderte

Dann rief ich erst mal Rosa an und sie sagte mir, dass sie wegen einer Sache, die sie vor Jahren begangen hatte, zu den Ältesten hingegangen war, um eine „schwere Sünde“ zu beichten, und nun eine Zurechtweisung erhalten hätte. Am kommenden Donnerstag wäre die Bekanntmachung.
Ich hätte am liebsten getauscht. Ich habe zu Jehova gesagt, dass ich die „Sünde“, die sie begangen hatte, gerne ihr abnehmen und selber tragen wollte. Nun muss ich irgendwas tun.

Dann überlegte ich erst mal, ob ich nach diesen neuen Nachrichten den kurzen Brief an ihre Eltern, den ich gerade geschrieben hatte, abschicken sollte. Doch schien es mir, dass ich das gerade jetzt tun sollte. Jehova, der ja vorher alles wusste, hatte mich dazu gedrängt und drängte mich immer noch. Also schickte ich ihn ab.

In dem Brief, den ich am 10.08.2009 abschickte, stand unter anderem folgendes:

… Obwohl sie niederschmetternde Dinge erlebt hat, hält sie an ihrem treuen Dienst fest und dies voller Liebe und Eifer für Jehova. Nun kann Jehova gemäß Sprüche 27:11 dem, der ihn höhnt, eine Antwort geben. Sie hat durch all die Jahre ihres Dienstes bestimmt schon viele geistige Kinder (mich eingeschlossen), wahrscheinlich mehr, als man buchstäbliche Kinder haben kann und das sind auch eure Enkel (Sprüche 17:6). Sie ist so geistiggesinnt, wie ich im Bethel kaum jemand in dieser Hinsicht Vergleichbares gefunden habe.

Dazu legte ich ein Bild bei, das sie mit ihrer Interessierten auf dem Kongress zeigte.

Am nächsten Tag riefen sie mich an. Der Vater war am Telefon und die Mutter im Hintergrund, die ihm zuflüsterte. Er fragte mich, was ich mit „niederschmetternden Dingen“ meine. Sie hatten Angst, dass ich sie meinen könnte. Ich erklärte ihnen, dass ich die Ereignisse in Verbindung mit der Zurechtweisung in der Dominikanischen Republik gemeint habe. Er erklärte mir, dass sie alles für ihre Tochter Rosa getan hätten. Ich habe nicht viel dazu gesagt. Er hat mir auch erklärt, dass er damals die Dienstabteilung angerufen hatte, um die Vorgänge in der Versammlung in der Dominikanischen Republik ein wenig verstehen zu können. Man gab ihm die Antwort, dass man besser nicht nachfragt, da man ohnehin keine befriedigende Antwort bekommt, sondern nur Ärger. Dann wollte er noch wissen, ob er den Brief an die Rosa weiterleiten soll. Ich sagte dann, dass der Brief für euch ist und ihr ihn als Andenken behalten könntet.

Es kam mir ein wenig merkwürdig vor, dass ein Vater, der sogar als vorsitzführender Aufseher in der Versammlung dient, keine vernünftige Antwort darauf bekommt, was seine Tochter getan hat, um so hart behandelt zu werden. Wenn jemand von einem weltlichen Gericht verurteilt wird, erfährt man doch normalerweise, was die Anklagepunkte sind, und man hat Gesetze, auf deren Grundlage ein Urteil gefällt wird. Und unter denen, die dem gerechten und heiligen Gott Jehova dienen, soll das nicht so sein?

Immerhin konnte er mit einem Mitarbeiter der Dienstabteilung reden.

Die Sache erinnerte mich an das, was mir ein Glaubensbruder aus dem Bethelbüro erzählte. Er bekam gerade in dieser Zeit viele Anrufe von Glaubensbrüdern außerhalb des Bethels zugestellt, die über Vorgänge in der eigenen Versammlung so beunruhigt waren, dass sie im Bethel anriefen. Seine Aufgabe bestand nun darin, zu ihnen einige beruhigende Worte zu reden. Als Bibeltext zitierte er Prediger 5:8: „…jemand, der höher ist als der Hohe, wacht …“, um zu erklären, dass Jehova alles sieht und wacht. Natürlich konnte er als jemand, der im Bethelbüro arbeitet, sowieso nichts Konkretes tun, um ihnen zu helfen, oder auch nur Fragen zu beantworten.

Dann überlegte ich weiter, was ich tun kann.

Der Vergleich mit Esther

Mir fiel die biblische Geschichte Esther ein. Die Juden wurden damals durch das Komplott Hamans schwer bedroht. Ich dachte darüber nach, wie durch das kluge Agieren Esthers schließlich mit der Hilfe Jehovas eine großartige Befreiung erreicht werden konnte. Interessant ist, dass nichts von dem, was Haman veranlasst und mit dem Siegelring des Königs Ahasverus versiegelt wurde, zurückgenommen werden konnte. Stattdessen wurde ein neues Schreiben aufgesetzt. Die Juden durften sich nun mit der Erlaubnis des Königs versammeln und sich wehren (Esther 8:10-14).

Ich fragte mich, wie es dadurch schon zu so einer gewaltigen Wirkung kommen konnte. Schließlich hätten die Feinde der Juden an dem besagten dreizehnten Tag des zwölften Monats trotzdem angreifen können, da das ursprüngliche Schreiben Hamans ja nicht aufgehoben wurde. Allein das Bewusstsein, den König hinter sich zu haben und sich mit Recht wehren zu dürfen, hat eine riesige Änderung herbeigeführt. Esther 8:16: „Für die Juden gab es Licht und Freude und Frohlocken und Ehre.“ Vorher waren sie noch völlig eingeschüchtert, jetzt voller Zuversicht. Das Ergebnis war die völlige Unterwerfung ihrer Feinde, die nun eingeschüchtert waren (Esther 9:1-4).

Genauso ist es doch, wenn man von Ältesten zurechtgewiesen wird. Man muss davon ausgehen, dass Jehova hinter dieser Zurechtweisung steht, da die Ältesten im Namen Jehovas handeln. Und wenn dann noch damit gedroht wird, die betreffende Person auszuschließen, dann ist es gerade so, als ob Jehova selbst diese Person missbilligt und damit droht, sie zu verwerfen. Das hat auf alle, die davon wissen, eine einschüchternde Wirkung. Manche meiden schon eine gerade zurechtgewiesene Person, weil sie denken, durch den Kontakt in Unehre zu kommen, da Jehova ja etwas gegen sie hat. Außerdem traut sich auch keiner, Ältesten zu widersprechen, da man ihnen gegenüber gehorsam und unterwürfig sein soll, als solche, die Jehova vertreten.

Wenn die Ältesten nicht mehr das tun, was recht ist, sondern zu harten Richtern und Falschanklägern werden, ist das wirklich eine unglückliche Situation.
Wie wäre es aber, wenn man schließlich den größeren Ahasverus, Jehova, hinter sich haben könnte, um sich mit Recht gegen ungerechte Behandlung durch die Ältesten wehren zu können? Genau das hat damals zu so einer großen Befreiung geführt, dass die Juden später das Purimfest feierten.
Jedenfalls stellte dieser Bibelbericht für mich eine Ermunterung dar, mir weiter Gedanken zu machen, was ich tun kann.

Am Freitag, den 9.10.2009, kamen zwei Glaubensschwestern, darunter Rosa, um zwei Interessierten das Bethel zu zeigen. Ich nutzte die Gelegenheit und lud Rosa ein, über das Wochenende im Bethel zu bleiben. Am Samstag machte ich dann einige Fotos mit Rosa im Vordergrund und Betheleinrichtungen, wie Druckmaschinen und anderen Anlagen im Hintergrund. Denn ich hatte einen Plan. Die Bilder wollte ich verwenden, um ein Fotoalbum anzufertigen. Dazu wollte ich zu jedem Bild einen Bibeltext und eine Erklärung zu den Maschinen im Hintergrund hinzufügen.

Das Fotoalbum

In den darauffolgenden Tagen fing ich also an, das Fotoalbum anzufertigen.
Die Titelseite trägt die Überschrift „Wer wird Jehova ehren?“, darunter eine Erdkugel und die Antwort: „Denn die mich ehren, werde ich ehren“ (1. Samuel 2:30). Die einleitenden Worte beginnen etwa so:

Es ist doch ein wunderschöner Anblick, wenn Brüder und Schwestern Jehova mit großem Eifer und Hingabe treu dienen und dies auch unter widrigen Bedingungen, unter Anfechtungen oder sogar Verfolgungen. Und wie wertvoll ist doch der Predigtdienst, da man Menschen helfen kann, mit Jehova versöhnt zu werden, um so sogar für das ewige Leben infrage zu kommen.

Danach schildere ich, wie Rosa mir vor 16 Jahren geholfen hat, Jehova kennenzulernen. Dann hob ich ihren Eifer und ihr Durchhaltevermögen hervor. Und schließlich erklärte ich, dass auch die Bethel-Einrichtungen mit den Druckmaschinen für die Verkündigung der guten Botschaft auf der ganzen Erde errichtet wurden.

Auf einer weiteren Seite wollte ich die besondere Opferbereitschaft und den Glauben hervorheben. Ich führte einen Dialog zweier Personen an, die sich darüber wundern, wie ein Mensch ohne Anerkennung und Ehre und ohne einen Lohn zu erhalten, so eifrig im Predigtdienst aktiv sein kann.

Denn so war es auch. Wenn jemand offiziell den Pionierdienst antritt, bekommt er den Status eines Pioniers. Das ist natürlich eine schöne Auszeichnung, und so mancher strebt diese Anerkennung an, auch wenn es eine sehr anstrengende Art ist, Anerkennung zu finden. Doch bei Rosa war es anders. Sie wurde schon durch die erste Zurechtweisung vom Pionierdienst gesperrt und jetzt erneut. Aber das bedeutete nicht, dass sie nicht weiterhin so eifrig tätig gewesen wäre. Sie war Pionier ohne Status und ohne Anerkennung.

Dann kamen die Seiten mit den Bildern und den Texten. Die Bibeltexte handeln von Verfolgungssituationen und der Zuversicht, dass Jehova seinen treuen Dienern beisteht. Viele Bibeltexte sind aus den Psalmen von David verfasst, der viele Bedrängnisse erlebt hat.

Zu den Druckmaschinen im Hintergrund gab ich Erklärungen und dass sie nur funktionieren, weil Jehova die physikalischen Gesetze gemacht hat.
Durch die Bibeltexte wollte ich hervorheben, dass das Werk einer solchen Pionierschwester wie Rosa vortrefflich ist und alle Anfeindungen und Beschuldigungen letztlich als Verfolgung von Feinden Jehovas zu sehen sind. Diener Jehovas werden verfolgt, weil Satan nicht möchte, dass die Menschen sich von ihm, dem Herrscher der Welt, abwenden und sich Jehova zuwenden. Darum wird Satan in Offenbarung 12:10 als „Ankläger unserer Brüder“ bezeichnet.

Das war natürlich sehr provokativ, denn ich gab nichts anderes zu verstehen, als dass diejenigen, die eine solche Glaubensschwester anklagen – und das sind eben auch die Ältesten – sich zu Widersachern Jehovas machen und dem Teufel in die Hände spielen. Das milderte ich dann durch die Erklärungen zu den Maschinen etwas ab. Dabei gab ich zu bedenken, dass ohne die Arbeit einer solchen Pionierschwester die Betheleinrichtung mit ihren Druckmaschinen nutzlos wäre.

Wie kann ich mir sicher sein?

Aber wenn ich die Sache so darstelle, muss ich mir ja sicher sein, dass nicht Jehova selbst etwas gegen Rosa hat. Darum fragte ich mich ständig, wie Jehova die Sache sieht und ob es irgendetwas gibt, was ich übersehen habe. Doch dann fand ich einen Beweis durch den zeitlichen Ablauf der Geschehnisse, dass Jehova nichts gegen sie hat. Im Gegenteil, Jehova wollte sie ehren.

Der Erwachet!-Artikel zu meinem Werdegang wurde im Erwachet vom 22. November 2005 veröffentlicht. Doch geschrieben wurde er in Zusammenarbeit mit der sogenannten Schreibabteilung im Jahr 2004. Ende 2003 hat man den Entschluss gefasst, diesen Artikel zu schreiben. Im Herbst 2003 begannen die Probleme, die Rosa in der Dominikanischen Republik hatte und dort durch ein Rechtskomitee zurechtgewiesen wurde.

In dem Erwachet!-Artikel wird die Glaubensschwester, die mich auf diesen Weg gebracht hat, ja erwähnt. Hätte Jehova etwas gegen sie gehabt, dann hätte er nicht veranlasst, dass der Artikel zustande kommt. Denn ich spürte Jehovas Geist durch die Art und Weise, wie dieser Erwachet!-Artikel entstanden ist. Natürlich kannten weder ich noch die Glaubensbrüder in der Schreibabteilung diese Zusammenhänge. Da jedoch Jehova alles weiß und dann diese Dinge so eingefädelt hat, war klar, dass Jehova für Rosa war und nicht für das Urteil der Ältesten.

Übrigens hat Jehova mir auch durch seinen Geist immer wieder geholfen zu verstehen, dass er positiv ihr gegenüber eingestellt ist. Und das ist bis zum heutigen Tag so geblieben!

Das Fotoalbum wollte ich dann allen Glaubensbrüdern, natürlich auch den Ältesten, in der Versammlung zeigen und sie auf einem Unterschriftenblatt um eine Unterschrift bitten. Ich machte mir genaue Gedanken, wann ich nach Augsburg komme, um die Aktion durchzuführen. Das Datum schien mir bedeutungsvoll zu sein und ich spürte in jeder Hinsicht die Führung Jehovas.

Schwimmbadtest

Als ich das Fotoalbum schon fertig hatte, zeigte ich es vorab zwei Glaubensschwestern, mit denen ich mich in Limburg, nahe am Bethel, treffen konnte, da sie sich dort ein paar Tage aufgehalten hatten. Ich wollte wissen, wie es auf sie wirkt und was sie dazu sagen würden. Sie sahen es sich erst mal an. Eine der beiden Glaubensschwestern hat mich dann ein paar Tage später angerufen, um mir gewisse Bedenken zu äußern, und ich sollte noch einmal so etwas Ähnliches wie Gideons Vliestest machen (siehe Richter 6:36–40). Und so kam ich auf den Schwimmbadtest.

Im Bethel gibt es ein kleines Schwimmbad. Zur Benutzung sollte man die Regel beachten, dass man das Schwimmbad aus Sicherheitsgründen nicht allein benutzen darf, also hauptsächlich nicht allein im Schwimmbecken sein sollte, da niemand zu Hilfe kommen kann, wenn irgendetwas passiert. Und das war die Testmöglichkeit. Ich gehe einfach zum Schwimmbad, und wenn sich im Becken noch jemand anderes aufhält, so dass ich nicht allein bin, dann ist es Jehovas Wille, dass ich die Sache mit dem Fotoalbum durchziehe. Also betete ich zu Jehova entsprechend meinem Vorhaben und ging dann gleich zum Schwimmbad.

Dass ich niemanden im Bad antreffe, war um diese Zeit durchaus nicht unwahrscheinlich. Aber was ich dann erlebte, war höchst interessant, etwas, was ich sonst nie erlebt hatte.

Zunächst war ich in der Männerumkleide allein. Als ich dann aber die Schwimmbadhalle betreten hatte, war eine Schwester schon auf der Treppe, um aus dem Becken herauszugehen. Als sie mich sah, rief sie mir zu: „Jetzt kann ich ja drin bleiben, da ich nicht allein bin“. Und sie ging wieder ins Wasser zurück! Also war die Bedingung für das Fotoalbum erfüllt. Aber wie ungewöhnlich doch die Situation. Ich war also nicht nur nicht allein, sondern habe eine Glaubensschwester davon abgehalten, wegen der Schwimmbadregel vorzeitig herauszugehen!

Und genau das waren ja meine Gedanken, als ich über das biblische Beispiel aus dem Bibelbuch Esther nachdachte. Auch meine geplante Aktion sollte eine Ermunterung sein, dass sie erkennen, dass Jehova nichts gegen Rosa hat, auch wenn die Ältesten anderer Meinung sind. Somit habe ich hier eine Bestätigung erhalten, dass meine Überlegungen richtig sind.

Und genauso sollte auch das Herumreichen des Fotoalbums zur Unterschriftensammlung dazu dienen, dass diejenige, die gegenüber der Rosa positiv eingestellt sind und am liebsten auch so ein Fotoalbum gemacht hätten, sich nicht einschüchtern lassen. Sie sollten ihr gegenüber weiterhin positiv bleiben, auch wenn einige Älteste das anders sehen. Das ist genau der Gedanke, den ich in Verbindung mit dem Bibelbuch Esther gehabt hatte.

Wie ich das Fotoalbum in Augsburg eingeführt habe

Am 22.1.2010 war es dann soweit. Ich bin mit dem Zug nach Augsburg gefahren, wo ich um die Mittagszeit ankam. Am Abend sollte die Zusammenkunft der Versammlung sein. Mein Vorhaben war, das Fotoalbum in der Versammlung am Ende der Zusammenkunft jedem kurz zum Ansehen zu reichen und dann um eine Unterschrift auf dem Unterschriftenblatt zu bitten. Glaubensbrüder, die ich auf diese Weise nicht erreiche, wollte ich persönlich besuchen. Zwei Unterschriften wollte ich auf diese Weise schon vor der Zusammenkunft von einem älteren, vorbildlichen Ehepaar bekommen. Wenn diese schon unterschrieben haben, so dachte ich, werden auch die anderen unterschreiben.

Ich ging also zunächst zu diesem Ehepaar, mit dem ich mich zuvor verabredet hatte. Auf dem Fußweg dorthin musste ich wegen eines dringenden Bedürfnisses kurz abbiegen, verlief mich dann und landete auf der Straße, wo ich früher, als ich in Augsburg im Pionierdienst stand, mein Predigtdienstgebiet hatte.

Da kam mir die ganze Erinnerung an diese Zeit in den Sinn. Die Liebe zu Jehova, die mich gedrängt hatte, eifrig tätig zu sein und den Menschen zu helfen, doch mit Jehova versöhnt zu werden. Schließlich steht Menschenleben auf dem Spiel. Was für eine heilige Tätigkeit das doch ist, als Vertreter Jehovas und Bote zu den Leuten hinzugehen, um ihnen das Licht der Wahrheit zu bringen und dafür zu werben, dass sie Frieden mit Jehova schließen, dem Schöpfer des ganzen Universums!

Aber gerade deshalb bin ich plötzlich ziemlich zornig geworden. Zornig über die Ältesten! Sie haben die Schwester verstoßen, die diesen heiligen Dienst mit solch einem Eifer durchgeführt und die mir geholfen hat, Jehova und die biblische Wahrheit kennenzulernen. Der Geist dieser Ältesten ist so vollkommen anders. Es ist ein liebloser, verurteilender Geist, der niemandem etwas Gutes gönnt. Sie haben kein Interesse daran, dass die Menschen zu Jehova, dem Gott des Friedens, umkehren, sondern verwerfen gerade die, die Jehova schon in vortrefflicher Weise gedient haben! Was für ein Verrat.

Wie muss dies Jehova schmerzen, wenn er sieht, dass man sogar seine wertvollsten Diener angreift! Ja, wie das für Jehova ist, wird in der Bibel in Sacharja 2:8 treffend ausgedrückt:
… denn wer euch antastet, tastet meinen Augapfel an.

Jehova wollte mir offensichtlich seine Empörung mitteilen, sodass er mich an meinem früheren Predigtdienstgebiet vorbeiführte.

Bei dem Ehepaar angekommen, spielten wir erst einmal Schach. Erst kurz vor dem Weggehen zeigte ich ihm das Fotoalbum und bat ihn um eine Unterschrift. Er und seine Frau unterschrieben dann. Jedenfalls bin ich freudig zu den Glaubensbrüdern gelaufen, die mich beherbergten, und machte mich für die Zusammenkunft am Abend fertig. Ich war mir nun sicher, dass Jehova der Aktion Erfolg verleihen würde.

Sie unterschrieben dann alle. Ein paar Tage später gab ich das Fotoalbum der Rosa, die nach ihrem Umzug im Sommer nun die Zusammenkünfte einer anderen Versammlung besuchte.

Ein Rätsel

Wenn ich über den ganzen Ablauf meiner Erlebnisse nachdenke, kommt mir eine Sache ziemlich merkwürdig vor. Ich schrieb doch den Brief an die Eltern, bevor ich von der zweiten Zurechtweisung erfahren hatte, schickte ihn aber erst danach unverändert ab. Außerdem begann ich schon vorher damit, Vorüberlegungen zu der späteren Aktion in Augsburg mit dem Fotoalbum zu machen, auch wenn ich das meiste noch überlegen musste.

Gegen das, was ich für logisch gehalten hätte, schien die Nachricht über die Zurechtweisung gegenstandslos für meine Handlungen gewesen zu sein. Doch eigentlich ist eine Zurechtweisung schwerwiegend und muss berücksichtigt werden. Dadurch wurde auch ihr Ruf noch weiter beschädigt, sodass die Aktion dann erst die Bedeutung erlangte, die sie haben sollte.

Es ist nicht so, dass ich bei der Nachricht die Schultern gezuckt hätte. Es ist auch nicht auf ein stures Festhalten des bereits Geplanten zurückzuführen. Schließlich war ich flexibel und vorsichtig und machte einen Fliestest. Aus meiner menschlichen Sicht bleibt deshalb dieser Ablauf ein völliges Rätsel.

Aber die ganze Zeit über wurde ich doch von Jehovas Geist angetrieben und geleitet. Jehova wusste doch schon alles, lange bevor ich etwas erfahren hatte. Und wenn es wirklich Jehovas Geist war, ist das die Erklärung. Für Jehova hat sich durch die Nachricht der Zurechtweisung nichts geändert, da ihm alle Informationen schon lange bekannt waren. Darum hat sich an dem, wie er mich angetrieben und geleitet hat, auch nichts geändert.

Jehova ist für Rosa

Rosa hatte mir nicht genau erzählt, weshalb sie nun zum zweiten Mal zurechtgewiesen wurde. Aber wegen der gerade genannten Dinge hat Jehova ihr schon lange vergeben, denn sonst hätte er mich nicht angetrieben, diese Dinge zu tun. Jehova weiß doch alles über sie. Ich muss nicht alles wissen. Jehova kann seine Diener zu Handlungen bewegen, ohne dass diese genau verstehen, warum.

Wer Jehova fürchtet, sollte auch heute nichts gegen Rosa haben, denn all die Erfahrungen zeigen doch klar, dass Jehova nichts gegen sie hat. Und warum soll dann einer von uns anderer Meinung sein? Aus Neid? Aus einem ähnlichen Motiv heraus wie Kain, der gegen Abel war?

Neid hat sicher auch eine Rolle gespielt, als Miriam und Aaron etwas gegen Moses hatten. Und da gab es einen Kritikpunkt. Moses hatte nämlich Zippora, eine Midianiterin, geheiratet. Statt dass Jehova etwas gegen Moses hatte, war er gegen Miriam. Sie wurde mit Aussatz geschlagen (siehe 4. Mose 12:1–10; Einsichten über die heilige Schrift: „Bündnisse“, „Ehebündnisse“)

Aber welche weiteren Schlüsse könnte man daraus ziehen? Die Ältesten wollen doch immer alles wissen. Ist das nötig?

Älteste haben nicht den Geist Jehovas.

Es heißt, Älteste müssten für die Reinheit der Versammlung sorgen. Jemand, der eine schwere Sünde begangen hat, sollte zu den Ältesten gehen, um ihnen alles zu sagen. Wenn er es nicht tut, dann soll sein Mitbruder, der etwas darüber erfahren hat, zu den Ältesten gehen, um ihn zu verraten.

Arzthelferinnen haben schon ihren Eid in Verbindung mit ihrer Schweigepflicht gebrochen, indem sie zu den Ältesten gegangen sind, um ihnen etwas über einen Patienten zu erzählen, der ein Zeuge Jehovas ist und gesündigt hat. Sollte man für den Gott der Wahrheit ein Versprechen brechen? Jehova könnte es ihnen selbst mitteilen, wenn er wollte. Aber auch wenn er es nicht mitteilt, kann er für das richtige Handeln sorgen, wie wir gesehen haben.

Wenn Älteste solche Informanten brauchen, dann doch nur deshalb, weil sie nicht von Jehovas Geist dazu gebracht werden, das in ihren Augen Erforderliche zu tun.

Jehova gibt seinen Geist, wem er möchte

Weiter ist zu beachten, dass ich kein Ältester bin oder war. Trotzdem hat Jehova mich mit seinem Geist angetrieben. Er hat mir klargemacht, dass er nichts gegen Rosa hat, wie er sich über ihren hingebungsvollen Dienst freut und er über alle Glaubensbrüder empört ist, die sie schlechtmachen.

Aber diese Erfahrungen, die ich hier gemacht hatte, waren noch lange nicht alles. Ich fragte mich, warum Jehova mich so angetrieben hatte und warum mir alle Einzelheiten und sogar der Zeitpunkt, wann ich was getan hatte, so wichtig erschienen.

Was soll aus diesen Dingen werden?

Jehova ist ein Gott, der sich etwas vornimmt und es dann im Laufe der Zeit umsetzt. Dafür steht der Name Jehova: Er lässt werden. Hierbei spielt es keine Rolle, wie viel Zeit verstreicht. Er kann seine Vorhaben sogar über viele Generationen hinweg umsetzen. Der Mensch ist ungeduldig und möchte gleich Ergebnisse, da es ihm sonst aus der Hand gleitet. Jehova hingegen hat alles im Griff und hat die Fähigkeit, alles, was er sich vorgenommen hat, umzusetzen.

Ich fragte mich deshalb sehr, was Jehova vorhat. Meine bescheidene Aktion könnte doch eigentlich kaum eine große Bedeutung haben. Oder doch?