Eine typische Frage, die Zeugen Jehovas ihrem Mitbruder stellen, lautet: „Wann bist du zur Wahrheit gekommen?“ Damit ist gemeint: „Wann bist du ein Zeuge Jehovas geworden und hast dich schließlich taufen lassen?“ Einem Außenstehenden erscheint dies unverständlich oder absolut anmaßend. Aber das ist es für einen Zeugen Jehovas und auch für mich nicht. Das möchte ich nun erklären.

Was ist Wahrheit?

Laut Wikipedia ist Wahrheit die Übereinstimmung von Aussagen oder Urteilen mit einem Sachverhalt, einer Tatsache oder der Wirklichkeit im Sinne einer korrekten Wiedergabe.

Als Jesus zu seinem himmlischen Vater betete, sagte er gemäß Johannes 17:17: „Dein Wort ist Wahrheit.“ Dem Pilatus, der im Begriff war, ihn an den Pfahl zu bringen, erklärte er, dass er in die Welt gekommen sei, um die Wahrheit zu bezeugen oder für sie Zeugnis abzulegen (Johannes 18:37).

Wie kann man Jesu Verständnis mit der Definition von Wahrheit zusammenbringen? Wir leben in einer Welt, die wir in ihrem So-Sein zur Kenntnis nehmen können, aber nicht wirklich verstehen, warum sie so ungerecht ist, warum die Welt so regiert wird und wohin das alles führen soll. Aber in Gottes Wort, der Bibel, wird tatsächlich alles erklärt. Warum die Welt so ist, wie sie ist, und wohin das alles führen wird. Sie sagt uns das Geschick der Menschheit und die langfristige Zukunft voraus. Darin sagt sie uns die Wahrheit.

Ihre Aussagen und Urteile stimmen mit dem Sachverhalt der Menschheitsgeschichte, den Tatsachen unserer Natur und der Wirklichkeit, warum die Dinge wirklich so sind, überein. Die Bibel ist ein altes Buch und trotzdem immer aktuell, weil alles, was vorausgesagt wurde, in Erfüllung geht. Die in der Bibel enthaltenen Urteile sind von dauerhaftem Bestand. Auch die Gründe, was an den Herrschaftssystemen der Menschheit verkehrt ist, und welchen verkehrten Weg die Menschen eingeschlagen haben, werden klar genannt. Sie gibt aber einen Ausblick auf eine gute Zukunft, da Gott diese Welt richtet.

Zwei Aussagen aus der Bibel

Die Bibel enthält Aussagen, auf die man sich verlassen kann. Sie sind zeitlos gültig. Nehmen wir einmal zwei Aussagen aus der Bibel:

Salomo beobachtete diese Welt (in der wir auch heute noch leben) und kam zu dem Ergebnis: Der Mensch herrscht über den Menschen zu seinem Unglück oder Schaden (Prediger 8:9).

Und in den Psalmen wird folgender Rat gegeben: Wir sollten unser Vertrauen nicht auf den Erdenmenschen setzen. Aber warum nicht? Das wird auch erklärt: Es geht mit ihm zu Ende und er kehrt zurück zum Erdboden (wenn er stirbt). Dann sind all seine Ideen und Gedanken vergangen (Psalm 146 3-4).

Solche Grundgedanken sind immer aktuell und sollten immer beachtet werden, egal, wie viele Jahre seit ihrer Niederschrift schon vergangen sind. Sie gehören zur Wahrheit.

Wer vertritt die Wahrheit?

Die Wahrheit kommt von Gott, genauso wie die Bibel von ihm kommt. Die Bibel ist von Gott inspiriert, auch wenn sie von Menschen niedergeschrieben wurde. Von ihm kommt auch der Geist der Wahrheit. Zum Beispiel hat er die Logik erschaffen. Zwei Aussagen, die sich widersprechen, können nicht gleichzeitig wahr sein. Damit kann man Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen.
Aufgrund der Zuverlässigkeit des Schöpfers können wir Wahrheit auch wissenschaftlich erforschen. Die Naturgesetze ändern sich nicht. Selbst vor Millionen Jahren waren sie so, wie sie heute sind. Das kann man durch die Beobachtung des Sternenhimmels erkennen.

Dann kam Jesus auf die Erde, um uns die Wahrheit zu vermitteln, wie wir schon gelesen haben. Aber welche Rolle spielt Jesus in Verbindung mit der Wahrheit? Durch ihn sind biblische Prophezeiungen in Erfüllung gegangen. Er gab ein Beispiel und lebte die Wahrheit.

Aber so alt und so bewährt die Bibel auch ist. Die Religionsgemeinschaften, die sich mit der Bibel befassen und die vorgeben, sie zu vertreten, existieren auch schon lange, aber vertreten sie wirklich die Wahrheit? Wenn man die Geschichte der Religionsorganisationen ansieht, kommt man zu dem Ergebnis: Einige wenige (die Geistlichen) haben genauso zum Unglück und zum Schaden über die Menschen geherrscht, wie alle Regierungen und Herrschaftssysteme dieser Welt. Das ist auch mit der Christenheit der Fall, die es schon seit fast 2000 Jahren gibt.

Aber wie sollten wir die Wahrheit aus der Bibel kennenlernen, wenn es die Religionsorganisationen nicht gäbe? Sie haben uns gelehrt und einige Gründungsväter, wie Martin Luther, übersetzten auch die Bibel in die Sprache des Volkes. Wir lernten sie mit ihrer Hilfe kennen. Oft waren das einzelne mutige Glaubensmenschen, die trotz Verfolgung nicht aufgehört haben, die wunderbare Wahrheit den Menschen zugänglich zu machen. Danach entstanden Religionsgemeinschaften, als deren Gründungsväter sie gelten. So zum Beispiel die evangelische Kirche.

Meine Geschichte

Meine Eltern waren evangelisch und auch ich hatte mich im Alter von 14 Jahren „konfirmieren“ lassen, wie es in dieser Kirche heißt. Als Kind bin ich mit meinen Eltern oft sonntags in die Kirche mitgegangen. Danach machten wir einen Spaziergang. Da konnte ich mir Gedanken machen über das, was der Pfarrer gesagt hatte. Ich kam mit meinen aufrichtigen Gedanken nicht auf einen grünen Zweig und fand die Kirche unglaubwürdig. Meine Fragen wurden nicht beantwortet und es war alles irgendwie unlogisch.

Die Art, wie sie die Bibel erklärten, war nicht befriedigend. Da fehlt doch was!
Später habe ich mich dann mit fernöstlicher Religion befasst. Auch diese fand ich am Ende heuchlerisch und unlogisch. Wo ist Wahrheit zu finden? Unlogisch war für mich auch die Evolutionstheorie.

Und dann haben mich zwei Frauen besucht, die für die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas tätig waren, und haben mir die Wahrheit gebracht. So bin ich „in die Wahrheit“ gekommen. Aber wie haben sie das angestellt?

Eine neue Ausrichtung

Sie gaben einen anderen Zugang zur Bibel. Sie erklärten mir, dass wir seit 1914 in den letzten Tagen dieses Weltsystems leben, und ich konnte anhand der Bibel und meiner Beobachtung der Weltverhältnisse klar erkennen, dass dies richtig ist. Das habe ich von der evangelischen Kirche nie erfahren. Ich wusste nicht mal, dass Jesus überhaupt das Ende dieses heutigen Weltsystems lehrte.

Das ist aber nicht einfach nur eine Lehre. Es macht einen himmelweiten Unterschied aus. Sollen wir uns in dieser Welt engagieren und auf das Geschick der Menschen in dieser Welt hoffen, oder sollen wir für eine künftige neue Welt leben? Die Antwort auf die Frage wirkt sich unmittelbar auf mein Leben und meine Hoffnung aus. Es gibt meinem Leben eine völlig neue Zielrichtung.

Jetzt kann ich meine Hoffnung und meinen Glauben auf die neue Welt richten und dafür leben und muss nicht mehr auf mein Geschick in dieser alten Welt hoffen. Ich weiß nun, dass alles, was man heute erleben kann, nur vorübergehender Natur ist, ja, dass die heutige Lebenswirklichkeit wie eine Unwirklichkeit ist (vergleiche 2. Korinther 4:18). Die heutige Welt ist nicht nach dem Willen Gottes geformt. Er lässt sie nur eine Zeit lang zu, damit man erkennt, dass sie nicht zu dauerhaftem Glück führen kann. Nicht Gott, sondern sein Widersacher, Satan der Teufel, ist der Herrscher dieser Welt.

Aber warum hat die evangelische Kirche mir das nicht so erklärt? Kurz gesagt: Weil sie selbst ein Teil dieser Welt ist. Alle Organisationen, in denen Menschen die Führung übernehmen und die für die Verwaltung durch Menschen konzipiert sind, gehören zu dem heutigen System der Menschenherrschaft. Das hat nichts mit der verheißenen neuen Welt zu tun.

Die Religionen dieser Welt werden eher als Unterstützung für das System der Menschenherrschaft betrachtet. Politiker hoffen, mit ihrer Hilfe besser regieren zu können. Religiöse Menschen, die zu einer solchen Kirchenorganisation gehören, sind besser lenkbar und regierbar. Und so soll man als Mitglied einer solchen Religionsgemeinschaft in der heutigen Welt besser zurechtkommen und das gegenwärtige System in Ordnung finden.

Man zeigte mir auch anhand der Bibel, dass diese Kirchenorganisationen, die am Ende nur das gegenwärtige System unterstützen, von Gott gerichtet wurden. Sie werden als Erstes ihr Ende finden. In der Bibel werden sie auch als Babylon die Große bezeichnet. Auch das ist eine absolut befreiende Botschaft. So geht das Wort in Erfüllung: Die Wahrheit wird euch frei machen (Johannes 8:32).

Der große Unterschied

Die Voraussagen über die letzten Tage als Geschick der heutigen Menschheit hatte mir die evangelische Kirche komplett verschwiegen. Jetzt erfahre ich, dass wir uns in der Endphase befinden. Das ist ein riesen Unterschied. Kam Jesus auf die Erde, um die heutige Welt, das System der Menschenherrschaft, zu supporten, oder um ihr Ende anzukündigen und die Grundlage für etwas völlig Neues zu legen?

Die evangelische Kirche als Teil des Systems unterstützt das System der Menschenherrschaft, wie der Papst und andere Kirchen auch. Sie geben Politikern Rat. Es ist ein großer Unterschied, ob sich die Religion als Teil der menschlichen Gesellschaft sieht, um das vorhandene Herrschaftssystem aufzurichten und ihm Rat zu geben, oder ob man das Ende dieses Systems verkündet und für ein völlig neues eintritt. Das ist in der ganzen Zielausrichtung grundlegend verschieden. Wir schaffen eine christliche Nation. Das war schon die Grundidee des römischen Kaisers Konstantin. Statt Christen zu verfolgen, sollten sie jetzt seine Macht sichern.

Die Erkenntnis, dass wir seit 1914 in den letzten Tagen leben, zeigt uns nicht nur, wo wir uns heute im Strome der Zeit befinden. Wann dann das Ende wirklich kommt, ist schwierig, es genau im Voraus zu wissen. Aber es bildet wieder die richtige Grundausrichtung, dass diese Welt nicht zu retten ist und auch nicht durch Christen gerettet werden soll. Es geht mit ihr zu Ende, und das schon sehr bald.

Und so war ich mir sicher, dass ich nun frei bin. Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, die das predigt, muss auf jeden Fall anders sein.

Der ursprüngliche Werdegang der Religionsgemeinschaft

Aber was ist nun anders an der Religionsgemeinschaft der beiden Glaubensschwestern?

Der Gründungsvater heißt Charles Taze Russell. Als er noch jung war, distanzierte er sich von der christlichen Religionsgemeinschaft seines Vaters, befasste sich mit anderen religiösen Vorstellungen aus dem Osten und war skeptisch (siehe das Buch Jehovas Zeugen – Verkündiger des Königreiches Gottes, herausgegeben von Jehovas Zeugen: Kapitel 5).

Er dachte eine Zeit lang, dass Wahrheit nirgends zu finden ist. Aber durch einen Adventistenprediger angeregt, kehrte er wieder zum christlichen Glauben zurück, studierte die Bibel gründlich, und distanzierte sich von den falschen Lehren der verschiedenen Kirchen. Die ernsten Bibelforscher verließen ihre Religionsgemeinschaften, in denen sie vorher Mitglieder gewesen waren. Nicht als Ungläubige, sondern als solche, die echten Glauben haben, gingen sie hinaus. Aus den ernsten Bibelforschern gingen die heutigen Zeugen Jehovas hervor.

Seine Studienmethode war so: „Lasst uns Bibelvers mit Bibelvers vergleichen.“ Und dann kommt man zu dem Schluss: „Das geht aus der Bibel hervor. Das wollen wir glauben.“ Die alten Kirchenlehren durften bei ihrem Studium keine Rolle spielen. Sie wollten wieder ganz neu die Bibel kennenlernen. Er hatte zuvor einem Adventistenprediger zugehört, schloss sich aber nicht seiner Kirche an.

Russell war sich im Klaren, dass man keine neue Kirche gründen sollte, denn es gab mehr als genug davon. Aber er hatte ein großes Dringlichkeitsbewusstsein, denn die Erkenntnis aus der Bibel hatte ihn zum Glauben geführt, dass das Ende nun gekommen ist. Es würde nur noch wenig Zeit bleiben, alle Menschen auf der Erde mit der guten Botschaft von etwas Besserem zu erreichen.

Dieses Muster eines Werdegangs habe auch ich durchlebt. Ich kam tatsächlich zum christlichen Glauben meiner Eltern zurück, wie er, und wurde nicht von fernöstlichen Religionen überzeugt, obwohl ich mich wie er damit befasst habe. Gleichzeitig distanzierte ich mich von der evangelischen Kirche, und trat aus ihr aus. Es war für mich ein faszinierender Gedanke, dass ich nicht austrete, weil ich den Glauben an das, was sie vorgeben zu vertreten, verloren habe, sondern gerade weil ich zum Glauben gekommen bin und erst jetzt richtig glaube. Das hört sich an wie ein Widerspruch. Es ist ein echtes Paradoxon. Aber weil es bei Russell so war, muss die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas doch etwas ganz Besonderes sein.


Meine große Enttäuschung

Aber es kamen dann viele Änderungen in der Glaubensgemeinschaft. Man hatte sich immer bemüht, keine Kirche zu werden. Dies wurde mit den Begriffen „ordensähnliche Gemeinschaft“ statt Orden, Bethelmitarbeiter, nicht Mönch oder Betheldiener, „organisiert, unseren Dienst durchzuführen“ (also nur zum Zwecke eines effektiven Predigtdienstes organisiert) untermauert. Aber das wurde dann aufgegeben. Die Organisation wurde eine Rechtskörperschaft in den jeweiligen Ländern wie die Kirchen. Und dann hat man ganz grundlegende Lehren geändert.

Wie würden meine Glaubensbrüder darauf reagieren, die doch vorgeben, in der Wahrheit zu sein?

Ich hoffte, dass sie schnell aufwachen und erkennen, dass sie mit diesen neuen Lehren nicht in der Wahrheit bleiben können. Dann sollten sie mutig die falschen Lehrer bloßstellen und ihre Lügen aufdecken. Dann könnte Jehova ihnen helfen, alles richtigstellen und die falschen Lehrer richten, da das Gericht im Hause Jehovas beginnt.

Aber ich täuschte mich. Sie nahmen überhaupt nicht zur Kenntnis, dass die neuen Lehren gar nicht richtig begründet wurden. Als wahrheitsliebender Mensch muss man doch genau prüfen, warum man plötzlich zu einem anderen Ergebnis kommt als das, was lange Zeit als die Wahrheit galt (siehe im Artikel »Gibt es Karneval bei Jehovas Zeugen?«).

So wurde die Lehre, wer der treue und verständige Sklave ist, geändert. Er soll jetzt nur noch die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas sein. Auch wann er eingesetzt wurde und wann er über das, was dem Christus gehört, gesetzt wurde, hat man plötzlich anders gelehrt. Das ist aber eine Lehre, die man als Zeuge Jehovas sehr wichtig nimmt.

Dann kam noch ein neues Buch heraus, das die Geschichte der Zeugen Jehovas beleuchten soll. Eigentlich hatten wir schon eins. Aber in dem neuen Buch wurde alles so beschrieben, als ob die neue Lehre, wann der treue und verständige Sklave eingesetzt wurde, schon immer so gelehrt worden wäre. Ich dachte: Das ist doch jetzt wirklich der Gipfel. Man kann doch die Vergangenheit nicht ändern. Das, was sie in der Vergangenheit getan haben, aber auch das, was sie geglaubt haben und was ihnen Motivation gegeben hat, ist doch unveränderlich. Spätestens jetzt müssen sie es merken und tief empört sein.

In der Stuttgarter Versammlung erklärte mir eine Pionierschwester nur, dass sie dieses Buch gut findet. Ich war entsetzt und erinnerte sie an das ursprüngliche Verkündigerbuch. Das würde sie auch kennen, sagte sie. Aber jetzt haben wir eben dieses gute neue Buch.

Grund für die Änderungen ist die Lehre aus Psalm 146:3-4

Die neuen Lehren sollen jetzt als die Wahrheit gelten, obwohl doch früher die alten Lehren als unveränderliche Wahrheit betrachtet wurden. Was ist geschehen?

Denken wir an die Lehre aus Psalm 146:3–4: Wir sollen unser Vertrauen nicht auf den Erdenmenschen setzen. Warum? Sie sterben und mit ihnen auch ihre Gedanken. Sie sind gestorben. Als ich mich 1994 taufen ließ, bestand die leitende Körperschaft aus elf Mitgliedern (das sind die von den 12 im Verkündigerbuch erwähnten, außer Frederick Franz). Am 4.12.2010 ist der letzte von ihnen verstorben. Es kam zu einem Generationenwechsel in der leitenden Körperschaft. Die Neuen hatten eine andere Denkweise. Und so kam es zu den vielen Veränderungen und auch zu den neuen Lehren.

Aber wir glauben doch, dass die im Tod entschlafenen Geistgesalbten als unsichtbare Geistgeschöpfe auferstehen und die künftige Königreichsregierung mit dem Christus bilden. Dann sollten wir es so halten wie die Rechabiter. Sie waren nicht bereit, Neuerungen zu akzeptieren, sondern hielten sich an ein Gelübde, das sie ihrem Vorvater Jonadab gegeben hatten, obwohl dieser schon verstorben war (Jeremia Kapitel 35). Wer möchte von uns Gehorsam gegenüber den Neuen verlangen? Sollen wir ihre neuen Lehren gar als Wahrheit betrachten?

Jehova griff nicht ein

Jehova griff nicht schnell ein. Er hat ihre Lügen auffliegen lassen. Wie peinlich! Es ist so, wie wenn jemand sagt, dass 2+2=4 ist. Dann ändern sie ihre Lehre und sie sagen 2+2=3. Vielleicht wird nochmals eine Lehre geändert und sie sagen dann 2+2=8. Wie peinlich, wenn man hier mit dem Kopf nickt und die neuen Lehren schnell annimmt, obwohl man behauptet hat, man sei in der Wahrheit. Oh, wie peinlich sind meine sogenannten Mitbrüder. Ich muss mich für sie schämen. Der Spot der Außenstehenden ist sicher. Nein, in der Wahrheit können wir natürlich nur sein, wenn wir an das, wovon wir überzeugt worden sind, dauerhaft festhalten und es sich bewahrheitet. Und es wird sich bewahrheiten, wenn man an Jesu paradoxer Lehre festhält.

Die paradoxe Lehre Jesu besteht darin, dass er in der Synagoge und im Tempel gelehrt hat, die Vorsteher und Verwalter von Synagoge und Tempel ihn aber an den Pfahl gebracht haben. Er ist der König der Juden, aber sein Königreich ist nicht von dieser Welt. Denn sonst hätten seine Diener gekämpft, dass er nicht ausgeliefert würde. Der Tempel ist der Tempel seines Vaters, aber sie haben ihn zu einer Räuberhöhle gemacht. Er kam an den Pfahl, und nach dem Gesetz, das von Engel übermittelt wurde, ist jemand verflucht, der an einen Pfahl geheftet wird.

Meine Mitbrüder haben nichts verstanden. Sie sind tief eingeschlafen. Sie halten an der Organisation fest, egal, was sie lehrt, und sagen dann aus Gewohnheit: Wir sind ja in der Wahrheit. Wir können sitzen bleiben. Nur die anderen müssen sich ändern und erst in die Wahrheit kommen. Sie feiern ihre jährlichen Feste, die Kongresse und wöchentlich die Zusammenkünfte. Jehova hat sie in seinem Zorn in tiefen Schlaf versetzt, gemäß Jeremia 51:39.

Wie kann ich in der Wahrheit bleiben?

Mir bleibt das paradoxe Prinzip vor Augen: Man distanziert sich nicht von einer Religionsorganisation, weil man an das, was sie ursprünglich lehrte und zu lehren vorgibt, nicht glaubt, sondern weil man daran glaubt und sogar tiefen Glauben gewonnen hat – mit der richtigen Ausrichtung und mit genauer Erkenntnis.

Jetzt habe ich endlich die Wahrheit erfahren. Das Geschick der Menschenherrschaft ist ihr Ende.

Ich glaube, dass Jehovas Zeugen tatsächlich von Gott ausgesandt wurden, um in diesen letzten Tagen gemäß Matthäus 24:14 die gute Botschaft zu verkünden. Auch die Glaubensschwester, die von der Organisation der Zeugen Jehovas ausgesandt wurde, hat mir der wahre Gott Jehova geschickt. Es ist eben, wie Paulus aus Römer 10:13-15 sagt: Er zitiert aus Joel 2:32, dass jeder, der den Namen Jehovas anruft, gerettet wird. Das hat nichts mit einer Religionsorganisation zu tun. Doch dann stellt er die Frage: Wie sollte jemand den Namen Jehovas anrufen, wenn er ihn nicht kennt? Es muss Lehrer geben. Diese müssen auch ausgesandt werden. Und das macht eine solche Organisation.

Aber es steht in Matthäus 24:14 ein Passivsatz. Wer es ist, der die gute Botschaft allen Nationen zu einem Zeugnis verkündet, wird nicht hervorgehoben. Der Bibeltext hebt nur hervor, dass dann das Ende kommen wird. Von einer großartigen Fortsetzungsgeschichte einer Organisation, in der eine leitende Körperschaft und die Ältesten zum Nutzen über die Glaubensbrüder herrschen würden, ist nicht die Rede (vergleiche Prediger 8:9). Auch nicht von einer Organisation, die bedingt durch Personalwechsel wegen des Alters und Wegsterbens des Personals von Zeit zu Zeit auch die Lehren darüber ändert, was man als Wahrheit ansieht (vergleiche Psalm 146:3-4).

Die Wahrheit ist empfindlich. Nur das, was wir selbst völlig ohne Zwang als Wahrheit erkennen, ist Wahrheit. Sobald jemand, der Einfluss und Macht hat, uns erklären möchte, was die Wahrheit ist, und wir uns wegen seiner Autorität genötigt fühlen, es zu glauben, ist es vorbei. Dann entfernen wir uns von der Wahrheit. Darum funktioniert nur dieses eine Muster: Wir müssen uns von der Religionsgemeinschaft lösen, in die wir eingesammelt wurden. Es ist ein Paradoxon.

Die Aufforderung aus Offenbarung 18:4: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk“, beschreibt das Paradoxon. Es ist bereits ein Volk, das wohl mithilfe von Lehrern eingesammelt wurde, und doch soll es hinausgehen aus der babylonischen Religionsorganisation.

Paulus forderte seine Mitbrüder gemäß 1. Korinther 4:16 auf: „Werdet meine Nachahmer.“ Er redet hier von nachahmen, nicht von nachfolgen. Das ist ein Unterschied. Wir tun gut daran, Glaubensmenschen wie Charles Taze Russell nachzuahmen, aber nicht nachzufolgen. Das bedeutet, dass wir genauso entschlossen sind und uns nicht von falschen Autoritätspersonen etwas einreden lassen, sondern selbst die Bibel studieren und das glauben, was wir selbst geprüft haben. Manchmal, wenn wir es schon einmal richtig gemacht haben und wir deshalb gesagt haben: „Wir sind in die Wahrheit gekommen“, müssen wir uns auch selbst nachahmen, indem wir es wieder tun.

Das Dringlichkeitsbewusstsein

Um in der Wahrheit bleiben zu können, spielt das Dringlichkeitsbewusstsein eine große Rolle.

Solange wir noch in der alten Welt leben, können doch nur mutige Männer aufstehen, wie Jan Hus, Martin Luther und Charles Taze Russell, um uns die Wahrheit zu bringen. Es kann aber daraus kein System erwachsen oder eine Organisation hervorgehen, von der man sich am Ende nicht distanzieren muss.

Die heutige Welt der Menschenherrschaft basiert völlig auf den lügnerischen Thesen Satans. In einer solchen Welt ist Wahrheit verloren gegangen. Wie kann man da in der Wahrheit bleiben? Das geht nur durch ein starkes Dringlichkeitsbewusstsein. Das hatte Russell. Er glaubte, dass das Ende dieser lügnerischen Welt nun gekommen ist und die neue Welt vor der Tür steht. In der neuen Welt werden die genaue Erkenntnis der Wahrheit und der Frieden überströmend sein (Jesaja 11:9; Daniel 12:4; Psalm 86:15; Jesaja 54:13). Er wollte alle Menschen in der kurzen verbleibenden Zeit mit der guten Botschaft erreichen. Das konnte man nicht aufschieben. Mit voller Entschlossenheit verließen er und seine Mitbrüder die babylonischen Organisationen und gingen mutig an die Arbeit.

Im Gegensatz dazu sind die Menschen, die ihrer Kirche vertrauen, eingeschlafen. Viele Kirchen bedienen sich des Tricks, die neue Welt an einen anderen Ort zu verlagern. Es ist der Himmel, während hier auf der Erde alles beim Alten bleibt und die Menschenherrschaft nach ihrer Vorstellung fortbesteht. Dass die Menschen mit ihrer Menschenherrschaft im Begriff sind, die wunderschöne Erde buchstäblich zugrunde zu richten und zu einer Müllkippe zu machen, beachten sie nicht. Aber so bleiben sie Verbündete der Menschenherrschaft und schaffen ihre Dauerhaftigkeit (vergleiche Jesaja 30:7 mit Erklärung).

Solange diese ungerechte Welt bestehen bleibt, ist Dringlichkeitsbewusstsein absolut erforderlich, um in der Wahrheit bleiben zu können. Andernfalls schläft man ein und träumt davon, in der Wahrheit zu sein. Betrachten wir eine Veranschaulichung:

Ständig beschleunigend

Um der Erdanziehung zu trotzen, brauchen wir ein Fluggerät, mit dessen Hilfe wir fliegen können. Das Bequemste ist ein Ballon. Er braucht keinen Antrieb, sondern schwebt, weil er leichter ist als Luft. Eine andere Möglichkeit ist ein Flugzeug. Es braucht Geschwindigkeit, um sich in der Luft halten zu können. Damit es nicht langsamer wird, braucht es irgendeinen Antrieb, um die Geschwindigkeit zu halten. Bei einem Segelflugzeug genügen schon Aufwinde.

Die anstrengendste Methode, um der Erdanziehung zu trotzen, ist die Rakete. Sie muss ständig stark beschleunigen und braucht hierzu viel Raketentreibstoff mit sehr viel Energie – und das ständig. Sonst fällt sie wieder zur Erde zurück. Dabei ist der Treibstoff schnell aufgebraucht. Man braucht deshalb mehrere Raketenstufen. Wenn die erste Stufe ausgebrannt ist, muss sie abgeworfen werden. Sie taugt nicht mehr. Aber mit der zweiten und vielleicht der dritten Stufe geht es dann weiter. Und obwohl das so aufwendig ist und auf Dauer aussichtslos erscheint, ist es die einzige Möglichkeit, der Schwerkraft dauerhaft zu entkommen. Wenn die Erdumlaufbahn erreicht ist, kann sie antriebslos weiterfliegen, ohne je wieder zur Erde zurückzufallen.

In dieser Veranschaulichung bedeutet die Erde die heutige Lügenwelt der Menschenherrschaft, die uns in ihrem Bann hält, da wir in ihr leben müssen. Wir brauchen ein ständiges Dringlichkeitsbewusstsein, damit wir in der Wahrheit sein können, wie die Rakete ständige Beschleunigung braucht, damit sie nicht zur Erde zurückfällt. Und so, wie ausgebrannte Raketenstufen abgeworfen werden müssen, ist es immer wieder nötig, uns von einer Religionsorganisation zu lösen, uns von ihr zu distanzieren, auch wenn wir das glauben, was sie ursprünglich gelehrt hat. Das Ziel ist die neue Welt, wie das Ziel der Rakete die Erdumlaufbahn ist.

Ständige Beschleunigung ist sehr anstrengend, aber die einzige Möglichkeit, den Kampf gegen die Schwerkraft zu gewinnen. Wahrheit kann in dieser Lügenwelt nur auf diese Weise überleben. Wir dürfen nicht schlafen, müssen ständig das tun, was zur Wahrheit gehört. Paradoxe Entscheidungen sind nötig, Dringlichkeitsbewusstsein erforderlich. Man hat in der 1986er Ausgabe der Neuen-Welt-Übersetzung dies in der Widergabe von Johannes 17:3 gut zum Ausdruck gebracht:

Dies bedeutet ewiges Leben, daß sie fortgesetzt Erkenntnis in sich aufnehmen über dich, den allein wahren Gott, und über den, den du ausgesandt hast, Jesus Christus.

Also fortgesetzt Erkenntnis aufnehmen ist kein sanftes Schlafen und sich auf die Organisation verlassen. Stattdessen sollen wir beten (Matthäus 6:10): „Dein Reich komme.“ Und wir sollen wie der Apostel Johannes (Offenbarung 22:20) sagen: „Komm, Herr Jesus!“

In einer Organisation in dieser jetzigen Welt können wir nicht dauerhaft wohnen.