Jehovas Zeugen feiern eigentlich keinen Karneval, wird gesagt. Doch einige Beobachtungen könnten uns zu einem etwas anderem Ergebnis führen.
Als ich einen Glaubensbruder, den ich aus dem Bethel (Zweigbüro von Jehovas Zeugen) gut kannte, nun als Kreisaufseher auf die Bühne im Kongresssaal gehen sah, wunderte ich mich sehr. Denn ich arbeitete über viele Jahre mit ihm in derselben Abteilung zusammen. Er machte die Arbeit eines Schlossers. Ich wunderte mich deshalb, da mir seine neue Rolle als Kreisaufseher absolut nicht authentisch erschien. Das passte einfach nicht zu dem Glaubensbruder, den ich über viele Jahre erlebt hatte. So kam ich sofort auf den Gedanken, dass es einfach eine große schauspielerische Leistung ist. Ich möchte ihm ja nichts unterstellen, aber er hat eine wirklich gute Figur gemacht.
Wie war das bei den Bibelforschern? Als Charles T. Russell erkannt hatte, dass viele Kirchenlehren falsch sind, wollte er etwas tun, den Menschen helfen, diesen Irrtum zu erkennen. Sie sollten befreit werden von bedrückenden Lehren, wie etwa von der Lehre, dass Gott Menschen ewig in einer Feuerhölle quäle. So wurde er aktiv, studierte die Bibel, wurde so zum ernsten Bibelforscher und zum Prediger. Das war sicher echt, denn es kam aus seiner eigenen Initiative, seinem persönlichen Beschluss heraus. Er hatte ja niemanden, der ihm etwas vorsagte oder der ihm eine Zuteilung gab. Auch viele, die gemeinsam mit ihm tätig wurden und sich um ein großes Zeugnis bemühten, waren sicher echt.
Doch heute ist bei Jehovas Zeugen das Zeitalter der Schauspieler.
Warum kann man das sagen?
Ein Ältester erklärt es uns genau!
Ich muss von einer Begebenheit im Bethel erzählen. Ein Ältester, der den Vorsitz bei der Tagestextbesprechung hatte, erklärte der Bethelfamilie genau, wie der „treue und verständige Sklave“ definiert ist. Ich kann es heute nur sinngemäß wiedergeben. Er erklärte etwa, dass der treue und verständige Sklave die Gesamtheit aller Geistgesalbten sei, die zu einer bestimmten Zeit auf der Erde leben oder lebten. Ihn gäbe es schon seit 33 u. Z., denn von dieser Zeit an, nachdem der heilige Geist auf die Nachfolger Jesu ausgegossen wurde, gäbe es Geistgesalbte. Jedenfalls schrieben die Glaubensbrüder, die bei mir am Tisch saßen, eifrig mit, um das Gelehrte zu behalten.
Ungefähr ein halbes Jahr später hatte derselbe Bruder wieder den Tagestextvorsitz. Und wieder erklärte er uns, wie der „treue und verständige Sklave“ definiert ist. Er sagte diesmal etwa sinngemäß: Der treue und verständige Sklave sei die kleine Gruppe von Geistgesalbten, die in der Organisation die Führung innehat, also die leitende Körperschaft. Er wäre im Jahr 1918 von Jesus Christus eingesetzt worden. Seitdem gäbe es diesen Sklaven. Wieder schrieben meine Tischnachbarn (dieselben) eifrig mit, um das Gelehrte zu behalten.
Wie konnte der Älteste so plötzlich etwas völlig anderes Lehren? In beiden Fällen hatte er ja mit völliger Überzeugung gesprochen, nur eben beim zweiten Mal etwas anderes. Wie kann das sein?
Wenn ich von einer Sache überzeugt bin und sie sogar öffentlich lehre, dann kann ich schlecht ein halbes Jahr später etwas anderes lehren. Und wenn ich es tue, weil ich mir eines Irrtums bewusst geworden bin, dann muss ich mich doch entschuldigen und genau erklären, warum ich jetzt etwas anderes lehre. Denn meine Überzeugung beruht ja auf einer genauen Beweisführung. Wenn ich den Beweis kenne, kann ich überzeugt sein. Wenn ich in der Beweisführung einen Fehler gemacht habe, dann ist es schon möglich, sich später korrigieren zu müssen. Dann muss man sich für diesen Fehler aber entschuldigen, wenn man schon als Lehrer aufgetreten ist und das Falsche gelehrt hat.
Ich würde mir viele Gedanken machen, warum mir ein Beweis sicher erschien, obwohl es sich später herausgestellt hat, dass die Sache unhaltbar wurde. Ich möchte aus meinen Fehlern lernen und es künftig besser machen. Wenn etwas sicher bewiesen ist, dann ist es ein für alle Mal bewiesen und man muss sich nie korrigieren. Die Erkenntnis kann nur in Bezug auf weitere Einzelheiten ergänzt werden.
Bei dem Bruder war von Entschuldigen keine Spur. Auch erklärte er nicht, worin denn der Fehler bestand, der ihn zum Umdenken veranlasste und warum wir sicher sein könnten, dass die jetzige Erklärung nun stimmt. Nein, er sprach in beiden Fällen mit so einer Überzeugung, als ob er das schon immer so gelehrt hätte und in der Zukunft weiter lehren würde.
Erklärung für den Gesinnungswandel
Natürlich, wenn man den Hintergrund kennt, gibt es eine Erklärung für diesen Gesinnungswandel. Die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas hatte ihre Lehren geändert. Wie soll man also die Sache interpretieren? Nun, der Bruder ist gar nicht überzeugt, sondern er spielt den Überzeugten. Und was er in diesem Schauspiel mit Überzeugung erklären soll, das gibt natürlich die Regie, die leitende Körperschaft, vor. Er ist also einfach ein Schauspieler. Er spielt den geistig gesinnten Ältesten und überzeugten Lehrer.
Aber wie ist es mit der leitenden Körperschaft? Das sollen ja Geistgesalbte sein. Nach unserem biblischen Verständnis wurden die Geistgesalbten vor 1935 berufen, denn von diesem Datum an wurden die anderen Schafe oder die große Volksmenge anderer Schafe eingesammelt.
Somit gab es im Jahre 1992, als das Buch „Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes“ geschrieben wurde, zwölf Glieder der leitenden Körperschaft, von denen der Jüngste 1925 geboren wurde. Sie waren alle alt und hatten Helfer aus den „anderen Schafen“, die man mit dem biblischen Beispiel der sogenannten Nethinim verglich. Das Ende sollte ja eigentlich kommen und es hätte ja beispielsweise 1975 kommen sollen. Wenn es aber jetzt 1992 immer noch nicht kommt, wer soll dann in die leitende Körperschaft berufen werden? Die Jüngeren, die 1935 noch nicht mal gelebt haben? Das wollte man sicher lange Zeit vermeiden und so waren die Glieder der leitenden Körperschaft alle sehr alt.
Was ist die Lösung?
Man hätte zum Ergebnis kommen können, dass, wenn dies so ist, es eben keine zentrale Leitung mehr geben soll, keine leitende Körperschaft mehr. Dann hätten die Zeugen Jehovas alle selbstständig werden sollen, eben „denkende Christen“. Das wollten die ursprünglichen Bibelforscher eigentlich auch.
Aber man fand eine andere Lösung: „Wir setzen Schauspieler ein!“ Die Jüngeren, die nun ernannt werden, sollen eben die reifen Geistgesalbten spielen. Und das Volk möchte es so! Es verlangt Anleitung! Wer kann dem Druck des Volkes widerstehen? Und so erhielten eben einige die Ernennung in die leitende Körperschaft. Das war nicht aus Eigeninitiative, sondern per Zuteilung, dass jemand plötzlich ein Glied der leitenden Körperschaft wurde. Irgendwann zuvor musste er auch damit begonnen haben, beim Gedächtnismahl von den Symbolen zu nehmen, um sich als Geistgesalbter kenntlich zu machen. Aus den vorliegenden Lebensberichten geht in der Regel nicht hervor, wann das war.
Jedenfalls wurden dann unter diesen Schauspielern andere Schauspieler eingesetzt, um in dem Bühnenstück mitzumachen. Die Ersteren führten dann die Regie. Oder vielleicht sollte man besser sagen, sie spielten die Rolle einer Gruppe, die die Regie innehat.
Wenn Menschen Karneval feiern, dann gefällt es manchen, einmal Papst oder König oder Politiker sein zu dürfen, und sie verkleiden sich entsprechend. Und genauso freut es einen jungen Menschen unter Jehovas Zeugen, wenn er Ältester und womöglich Vorsitzender und Bühnenredner auf Kongressen spielen darf. Er erhält die Zuteilung, nimmt sie freudig und am Anfang auch ein wenig zitternd an und gibt dann sein Bestes, eine gute Figur abzugeben. Was er sagen und wie er sich geben soll, bekommt er ja vorgesagt. So kommt manches schauspielerische Talent zum Vorschein.
Und auf diese Weise scheint es mir, dass bei Jehovas Zeugen wohl die Karnevalszeit ausgebrochen ist.
Autor: Bernd Oelschlägel
CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)
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