Wenn man heute bei dem Volk der Zeugen Jehovas dabei ist und alles genau beobachtet, dann stellen sich einem schon einige Fragen und man würde einmal gerne ihr heutiges Denken und Trachten verstehen wollen. Es kommt einem alles so merkwürdig vor. Eine Beschreibung der Merkwürdigkeiten findet man in der Deutung der Geschichte Kafkas: Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse
Online Lesemöglichkeiten z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/misc/chap031.html
Die ernsten Bibelforscher, aus denen die Zeugen Jehovas hervorgingen, wollten jedenfalls denkende Christen sein. Sie waren erfreut über die Erkenntnis aus der Bibel. Man wollte dann anderen Menschen von dieser befreienden Erkenntnis erzählen, und so wurde es ein Volk von Predigern. Denn sie sahen, dass sich viele Menschen in einer Art geistigen Gefangenschaft befinden, indem sie durch die Lehre von der ewigen Qual in einer Feuerhölle eingeschüchtert waren.
Was man tat, machte also Sinn, denn man wollte, dass die Menschen frei sind von solchem Aberglauben. Außerdem wollte man den Menschen Hoffnung machen, da man anhand der Bibel zeigen kann, dass der Tag, an dem Gott die Bösen zur Rechenschaft zieht, um ein Paradies wiederherzustellen, in sehr naher Zukunft kommen wird.
Wie es geworden ist
Doch nun sind viele Jahrzehnte verstrichen und es kamen schließlich auch innerhalb der Glaubensgemeinschaft viele Änderungen. Statt denkende und befreite Christen vorzufinden, ist da ein Volk, das routinemäßig, manchmal eingeschüchtert, schwach, zum Gehorsam gegenüber ihrer Führung, den Ältesten, verdonnert, in eine unbestimmte Richtung wandert. Die Vergangenheit ist vergessen und wie es in der Zukunft weitergeht, weiß man nicht.
Aber es gibt da eine kleine Gruppe, die sich leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas und neuerdings auch “treuer und verständiger Sklave” nennt. Sie strengen sich an, viele überzeugende und aufmunternde biblische Vorträge und Ansprachen zu halten und das Volk auch in schriftlicher Form mit vielen überzeugend klingenden Worten zu versorgen. Sie treten auf Kongressen, durch Videobeiträgen, bei Bestimmungsübergaben und festlichen Anlässen auf. Das Volk versammelt sich und klatsch nach jedem Redebeitrag in die Hände. Bei Gebeten sagen sie laut “Amen” und am Ende der Veranstaltung bricht Jubel aus. Sie singen auch inbrünstig, oft mit großer Lautstärke ihre Lieder.
Wenn man das, was hier geschieht, in eine anschauliche Form bringen möchte, könnte man dieses Volk passend als das Volk der Mäuse bezeichnen. Und die leitende Körperschaft ist Josephine, die Sängerin. Denn die Glieder der leitenden Körperschaft und ihre Helfer singen sozusagen dem Volk etwas vor, während sie auf der Bühne stehen. Das “J” in Josephine steht wieder für den Anfangsbuchstaben Jehovas.
Deutung der Geschichte Kafkas
Und das ist die Bedeutung der Geschichte “Josephine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse”, von Kafka aufgeschrieben. Sie ist aus der Sicht eines Beobachters geschrieben worden, der sich über die Verhältnisse in diesem Volk sehr wundert, da es einige merkwürdige Widersprüche zu geben scheint:
Unsere Sängerin heißt Josefine. Wer sie nicht gehört hat, kennt nicht die Macht des Gesanges. Es gibt niemanden, den ihr Gesang nicht fortreißt, was umso höher zu bewerten ist, als unser Geschlecht im ganzen Musik nicht liebt.
Kafka
Alle werden durch ihre Ansprachen fortgerissen. Wenn ein Wissenschaftler redet und logisch argumentiert oder wenn es ein Politiker oder einer aus der Wirtschaft ist, achtet kaum jemand von diesem Volk darauf. In diesem Sinne lieben sie die Musik nicht. Sie sind skeptisch in Bezug auf die Propaganda der Welt und wollen politisch stets neutral sein. Aber bei ihrer Josephine ist es etwas ganz anderes. Ihre Propaganda wird sofort angenommen.
Das Leben eines Zeugen Jehovas ist in der Regel schwer. Man ist ständig eingespannt und manchmal hat man in der Familie Sorgen, weil zum Beispiel Kinder ausgeschlossen wurde. Für höhere Bildung gibt es keine Zeit.
Aber eine gewisse praktische Schlauheit, die wir freilich auch äußerst dringend brauchen, halten wir für unsern größten Vorzug, und mit dem Lächeln dieser Schlauheit pflegen wir uns über alles hinwegzutrösten.
Kafka
Diese Schlauheit zeigt sich in der Einstellung, auf der Siegerseite zu stehen. Wenn Harmagedon kommt, dann werden wir gerettet, die anderen nicht, auch wenn sie es jetzt leichter haben. Durch so eine Denkweise scheint es immer so auszusehen, wie wenn man eine Trumpfkarte hat, die man später hervorholen kann, auch wenn man jetzt wie der Verlierer aussieht.
Was machen die Erklärungen der Vertreter des „treuen und verständigen Sklaven“ so einzigartig?
Aber was macht nun der Gesang der Josephine so einzigartig. Das ist eine schwierige Frage, denn eigentlich ist ihr Gesang nichts Besonderes. Aus der Vergangenheit kennt man zwar noch, wie die ernsten Bibelforscher ihr Verständnis der Bibel und ihre Schlussfolgerungen logisch und genau begründet haben, aber heute ist das bei der Josephine nicht mehr der Fall. Man kann es eher mit Pfeifen vergleichen. Und das tun alle. Wir pfeifen auf Geburtstagsfeiern, auf Weihnachten und einer Bluttransfusion. Unsere Meinungsäußerung besteht meist in eine Art Pfeifen. Und das tut die Josephine eigentlich auch nur.
Aber das große Rätsel um die Wirkung des Gesangs der Josephine wird durch diese Erklärung nicht gelöst. Doch zur Erklärung gehört eben auch die Art, wie sie sich hinstellt, um etwas zu sagen. Dass sie es wagt, etwas so Gewöhnliches wie etwa Nüsseknacken zu einem großen Auftritt zu machen, ist eben das Besondere. Das übliche Volkspfeifen, etwa in Form von Tratsch oder gar von Abtrünnigen, hasst sie und betrachtet es ganz und gar als böse. Und es kann natürlich keiner wagen, ihr Gesang mit diesem Pfeifen zu vergleichen, auch wenn es eigentlich nichts Besseres ist.
Wenn wir ihr zuhören, sind wir natürlich ganz still. Es ist sträflich, ihre Gedanken zu kommentieren oder zu beurteilen oder ihr gar zu widersprechen. Tut es jemand, wird dieser sofort als böse betrachtet und er selbst sieht seinen Frevel auch sofort ein.
Die Bedeutung des Umfeldes
Durch Störungen von Außen, etwa von Gegnern und Andersdenkenden, wird die Wirkung ihres Auftritts nur verstärkt. Denn sie kann dann besonders kämpferisch auftreten, sodass alle in ihren Bann gezogen werden und Respekt bekommen. Auch bei größeren Angriffen, durch Verbot oder Verfolgung, stellt sie sich dem wie draufgängerisch entgegen. Auch wenn ihre Argumente nicht überzeugen können und sie eigentlich sehr schwach erscheint, ist dies nur ein flüchtiger Eindruck, denn sie bleibt in ihrer hingebungsvollen Haltung.
Wo immer sie vorhat, einen Vortrag zu halten, strömen die Glaubensbrüder hin. Selbst unter Verbot tun sie alles, um den Kongress notfalls im Ausland zu besuchen. Das verlangt die Josephine natürlich auch. Alle Zusammenkünfte sollte man besuchen, sonst wird sie wütend.
Was treibt das Volk an?
Dann bleibt die Frage, was das Volk dazu treibt, sich für die Josephine so zu bemühen. Das ist etwa die gleiche Frage wie die nach der Wirkung des Gesangs. Es ist keine bedingungslose Ergebenheit. Es ist, wie wenn das Volk weiß, dass es die Josephine schützen muss. Doch sie, also die leitende Körperschaft, ist hier eher der Meinung, dass sie das Volk beschützt. Durch ihre Appelle wurden beispielsweise Briefe nach Russland gesandt, um ein Veto gegen das Verbot einzulegen. Doch jedem denkenden Menschen ist klar, dass dies von keinem Nutzen ist. Nur, dass man durch ihre Worte das Unglück besser ertragen kann.
Und doch hört man gerade in schwierigen Zeiten besonders gut auf die Stimme der Josephine. Aber eigentlich ist dann jeder mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. So hört man ihr am Ende doch gar nicht richtig zu. Man findet Trost und Zusammenhalt in der Gemeinschaft. So kommt man auf den Kongress, um sich in der Gemeinschaft geborgen zu fühlen. Was der Vortragsredner sagt, ist eher nebensächlich.
Aber die Ermunterung durch die Josephine kommt eben eher dadurch zustande, dass sie in ihrer Schwachheit nicht besiegt wird. Ja, es ist eher so: Je schlechter ihre Argumente sind, umso größer ist die Ermunterung, weil sie trotzdem bestehen kann. Und so ist also die Tatsache, dass wir ihr zuhören ein Beweis gegen ihren Gesang.
Wie Kinder in der Glaubensgemeinschaft aufwachsen
Dann wird in der Geschichte darauf eingegangen, wie die Kinder aufwachsen. Es gibt eigentlich kaum eine Kindheit. Denn sie haben es ja schon früh mit der feindlichen Welt zu tun, müssen sich schon vom Kindergartenalter an gegen Geburtstags und Weihnachtsfeiern wehren und natürlich die falschen Freunde meiden. Schon früh werden sie in den Predigtdienst mitgenommen, obwohl man ihnen in der Theorie schon eine unbeschwerte Kindheit ermöglichen möchte. So müssen sie in theokratischer Hinsicht schon schnell erwachsen werden und lernen, auf die Josephine zu hören.
Dann ist man schon in jungen Jahren eifrig mit Predigen beschäftigt und das der ganze Rest des Lebens. Für höhere Bildung ist keine Zeit und kein Platz. Es müssen Jünger gemacht werden. Das Volk wächst schnell. Und in gewisser Hinsicht handeln auch die Alten wie die frühzeitig erwachsen gewordenen Kinder. Wer wirklich Verstand hat und gute Redebeiträge leisten könnte, wird nur unterdrückt oder gar für böse betrachtet.
Duldungsverhältnis zwischen dem Volk und der leitenden Körperschaft
Und dann sind die Kongresse auch wie Ruhepausen zwischen den Kämpfen des täglichen Lebens zu sehen. Hier glaubt die Josephine, dass sie uns neue Kraft gibt und ihre Schmeichler glauben das. Wenn man die Sache realistisch sieht, ist dies kaum der Fall. Auch werden Gefahren für den Einzelnen deshalb nicht abgewehrt.
Wie schon erwähnt, behandelt das Volk die Josephine fürsorglich. Doch es fordert auch ständig die volle Leistung von ihr und man gönnt ihr keine Ruhepausen, ist nicht bereit, ihr Arbeit abzunehmen. Am Ende sind Interesse und Anerkennung für die Josephine nicht wirklich groß.
Wenn sie nachgibt, nicht mehr die Leistung bringt, gar zurücktritt, wird sie nicht mehr fürsorglich behandelt. Ja, die Fürsorglichkeit wandelt sich dann in das genaue Gegenteil um. Mit eiserner Härte wird sie behandelt und als Abtrünnige völlig gemieden.
Ist dann auch die Josephine nicht mehr da, wird die Erinnerung an sie bald vergessen sein, denn das Volk interessiert sich nicht für die Vergangenheit. Und man wird dann einfach ohne sie weitermachen, wie die Laien in einer Kirche, wie im finsteren Mittelalter. Denn das Volk achtet nicht auf Erkenntnis. Alle guten Worte der Vortragsredner (Gesang), die Erkenntnis hätten vermitteln sollen, sind vergessen (Jesaja 27:11).