Ein Brudermord durch Gemeinschaftsentzug

In dieser Geschichte geht es um eine heimtückische Anklage, Verurteilung und Gemeinschaftsentzug eines Glaubensbruders von Jehovas Zeugen. Anhand Kafkas Geschichte „Ein Brudermord“ werden diese Dinge beleuchtet. Da ein Ausgeschlossener vollständig gemieden und so behandelt wird, als ob er nicht mehr existieren würde, kann man dies als Mord in geistigem Sinne betrachten.
Online Lesemöglichkeit des Kafka-Textes z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/erzaehlg/chap008.html

Der erste Brudermord war auch religiös motiviert

Das Thema der Erzählung Kafkas erinnert an den ersten Brudermord in der Geschichte der Menschheit. Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Und warum tat er das? Er war eifersüchtig auf Abel, denn Abel wurde vom Schöpfer gesegnet. Beide opferten Jehova. Abel tat dies mit der rechten Einstellung, Kain nicht. Mit diesem Ereignis begann auch die Geschichte der falschen Religion, die Geschichte Babylons der Großen (Matthäus 23:33-35; Offenbarung 18:2, 24).

Um einen solchen Mord geht es auch hier in der Erzählung Kafkas. Nur handelt es sich um geistigen Mord durch Ächtung. Es ist ein Zeugen Jehovas Ehepaar, bei dem der Mann plötzlich ausgeschlossen wurde.

Die Rolle der Figuren in Kafkas Geschichte

Das Opfer

Der Ehemann (Wese) ist ein tüchtiger Arbeiter, der fleißig seinen Dienst als Zeuge Jehovas tut. Er wird hier als Nachtarbeiter bezeichnet, da er Arbeiten verrichtet, die von anderen nicht unbedingt gesehen werden. Das bedeutet, dass er nicht im Rampenlicht steht. Stattdessen empfiehlt er sich bei Jehova dadurch, dass er auf die Worte Jesu achtet, Jehova würde im Verborgenen zusehen (Matthäus 6:1-8) und ihm seinen Lohn nicht vorenthalten. Somit hat er also die richtige Einstellung, wie Abel.

Der Mörder

Bei seinem Mörder Schmar könnte es sich entweder um eine Person handeln, die ihn durch üble verleumderische Nachrede so in Verruf bringt, dass schließlich ein Rechtskomitee gebildet wird und er ausgeschlossen (also geistig getötet) wird. Oder es handelt sich um den dominierenden Ältesten der mindestens drei Männer eines Rechtskomitees der Zeugen Jehovas.

Er ist so hitzig auf Verurteilung aus, dass er selbst bei dünner Kleidung die sinnbildliche Kälte seiner Umgebung und der Welt gar nicht spürt. Er glüht in seinem Eifer, für die Reinheit der Christenversammlung einen Menschen geistig zu töten.

Wenn ein Ältester so dominant in dieser Sache die Führung übernimmt, sind die anderen eingeschüchtert und stimmen leicht seinem Urteil zu, da sie kein Ärger wollen und man immer wieder für die Einheit in der Ältestenschaft ermahnt wird.

Dass Schmars Waffe halb Küchenmesser war, deutet darauf hin, dass der Urteilsspruch einer Rechtskomiteeentscheidung mit einer ähnlichen Belehrung vollzogen wird, wie man allgemein in der Versammlung lehrt, also die geistige Speise zubereitet. Auch die Anweisung, einen Ausgeschlossenen völlig zu meiden, wird in der Gestalt normaler geistiger Belehrung erteilt.

Der Älteste ist von seiner Autorität überzeugt, wohl auch stolz und freut sich über diesen Dienst zur Reinerhaltung der Versammlung. Er pendelt zwischen seinem hitzigen Eifer und seiner Gewissenhaftigkeit hin und her, was in der Geschichte durch die Behandlung des Messers vor dem Mord aufgezeigt wird.

Der unbeteiligte Glaubensbruder

Der unbeteiligte Glaubensbruder Pallas beobachtet alles ganz genau und bekommt alles mit. Dass er das Verhalten von Schmar, der offenkundig einen Unschuldigen geistig töten möchte, einfach duldet, bleibt sowohl in der Geschichte als auch im tatsächlichen Leben ein Rätsel. Pallas wird als wohlgenährt, in Schlafkleidung und hochgeschlagenem Kragen beschrieben. Dies deutet an, dass er geistig schläfrig ist, äußerlich alles gut bei ihm zu stehen scheint. Er schüttelt zwar den Kopf, greift aber nicht ein! Was kümmert ihn der andere Glaubensbruder?

Die Ehefrau des Opfers

Frau Wese, die Ehefrau, fühlt sich von der Organisation beschützt. Das wird mit dem Fuchspelz angedeutet. Schmar kennt die Gewohnheiten von Wese sehr genau, sodass er genau weiß, wo er ihn auflauern kann. Wese ist im Begriff, seine Arbeit zu unterbrechen, um zu seiner Frau in seine Wohnung zu gehen, also auch etwas Zeit für sein Privatleben zu verwenden. Dass die Türglocke seines Büros etwas zu laut ertönt, deutet an, dass sein Privatleben etwas zu sehr auf dem Präsentierteller liegt, was das Vorhaben Schmars offensichtlich begünstigt.

Der Brudermord und die Folgen

Wese verhält sich ganz normal und vernünftig. Nichts und niemand teilt ihm mit, was ihm gleich zustoßen wird. Plötzlich greift Schmar an, der durchaus an die Folgen für die Frau Weses denkt.

Mit drei schweren Anschuldigungen wird er getötet, ausgeschlossen! Wese ist in dieser Situation völlig fassungslos. Schmar ist befriedigt, er hat seine Arbeit getan und kann nun das Messer wegwerfen. Am liebsten wäre es ihm, wenn der Ausgeschlossene einfach nicht mehr da wäre. Eigentlich ist er so gut wie nicht mehr da, keiner redet mehr mit ihm und jeder wird ihn völlig ignorieren, wegschauen, falls er ihn auf der Straße begegnen sollte. Auch Schmar, der ja ursprünglich sein Freund und Mitbruder war, hat keinen Zugang mehr zu ihm, denn er muss ihn dann meiden. Doch die Auswirkungen seiner Tat bleiben ja innerhalb der Versammlung erhalten, da die Frau eine Glaubensschwester ist und dadurch weiterhin zur Versammlung gehört. Darum ist es nicht so, wie Schmar wünscht.

Pallas wird nun ein wenig aktiv, aber nur, um Schmar mitzuteilen, dass er alles gesehen hat. Der Kontakt zu dem Ältesten befriedigt ihn schließlich. Und Schmar fühlt sich nur ermuntert, gerade so weiterzumachen, wie er gehandelt hat.

Die Folgen für die Ehefrau

Nun kommt die Ehefrau Weses ins Spiel. Sie legt sich auf den toten Körper, wobei der Pelz, der für den Schutz durch die Organisation steht, sich öffnet. Darunter ist sie mit einem Nachthemd bekleidet. Da sie nun mit einem Ausgeschlossenen verheiratet ist, gehört ihr Pelz, durch den sie sich vor der sinnbildlichen Kälte geschützt fühlt, nicht mehr ihr, sondern der Menge. Die anderen fühlen sich weiterhin von der Organisation beschützt, denn sie hält die Versammlung rein. Die Ehe mit einem Ausgeschlossenen ist eine riesige Belastung und gerade so, wie wenn sie selbst mit ausgeschlossen worden wäre. Das Nachthemd deutet die geistige Dunkelheit an, in der sie geraten sind.

Der Schutzmann

Am Ende kommt noch ein Schutzmann ins Spiel, der den Mörder leichtfüßig abführt, aber nicht, um ihn ins Gefängnis zu bringen, sondern um ihn, den Mörder, zu schützen und ihm einer möglichen Strafverfolgung zu entziehen. Die Organisation stärkt dem Täter den Rücken. Sie sorgt dafür, dass der Älteste als Jehovas Urteilsvollstrecker in gutem Ruf bleibt und dass niemand ihn anklagen kann. Denn er ging ja nur einer heiligen Aufgabe nach. Und selbst wenn die Verurteilung auf reine Verleumdung beruht und das viele auch so sehen, ist er ein Teil der „Organisation Jehovas“. Die Organisation kann nicht gegen sich selbst sein. Die Akten zu einem abgeschlossenen Ausschlussverfahren stehen unter Verschluss. Niemand kann mehr einen Einwand vorbringen.

einlandarzt

Die inspirierte Geschichte "Ein Landarzt" von Franz Kafka beschreibt in Symbolsprache, wie ich ein Zeuge Jehovas wurde und was ich dann erlebte!