Durch die inspirierten Geschichten „der Heizer“ und „der Verschollene“ (auch „Amerika“) wird uns erklärt, wie es einem jungen Missbrauchsopfer in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas ergehen kann. In der Geschichte (aufgeschrieben von Franz Kafka) wird der fünfzehn oder sechzehnjährige Karl Rossmann von einer fünfunddreißigjährigen Frau missbraucht. Doch nicht sie, sondern er wird als schuldig betrachtet und er wird von seinen Eltern verstoßen.
Online Lesemöglichkeiten z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/amerika/ameri11.html
Von den Eltern verstoßen und nach Amerika geschickt
Normalerweise sind Eltern für ihre Kinder verantwortlich. Sie haben die Aufgabe, ihre Minderjährigen zu erziehen und zu schützen. Auch Schutz vor Kindesmissbrauch obliegt den Eltern. Und Kinder sollten sich in der Familie geborgen fühlen.
Doch wie ist es bei Jehovas Zeugen, wenn sich ein Jugendlicher schon früh taufen lässt und dann etwas vorfällt, was von den Ältesten als schwere Sünde betrachtet und geahndet wird? Dann unterwerfen sich ihre gläubigen Eltern den Verfahrensweisen und Zuchtmaßnahmen der Ältesten!
Der jugendliche getaufte Zeuge Jehovas bekommt Gespräche mit den Ältesten, wird vielleicht vor ein Rechtskomitee von mindestens drei Männern gebracht, die ihn ausfragen. Die Eltern dürfen hier meist nicht dabei sein und haben auch kein Mitspracherecht, was mit ihrem Kind geschieht, zu welchem Urteil die Ältesten gelangen (siehe auch den Beitrag Der Umkehrprozess der Christenversammlung). Falls es ausgeschlossen wird, werden sie ihrem Kind wahrscheinlich ihre Liebe entziehen und den Kontakt auf ein Minimum reduzieren, da sie die Entscheidungen der Ältesten als von Gott kommend betrachten. Wenn es volljährig und aus dem Elternhaus ausgezogen ist, werden sie den Kontakt wahrscheinlich völlig abbrechen.
Der Jugendliche fällt also aus dem Elternhaus heraus und kommt in eine fremde Welt, in der die Gesetze und Regeln der Ältesten gelten. Das ist für ihn ein fremdes Land, wie Amerika in der Geschichte Kafkas.
Um eine solche Situation geht es in dem Romanfragment „Der Verschollene“ von Franz Kafka aufgeschrieben. Wir betrachten zunächst den ersten Teil „Der Heizer“.
„Verführt von einem Dienstmädchen“
Man erfährt zunächst, dass der 16-jährige Karl Rossmann von den Eltern nach Amerika geschickt wurde, weil ihn ein Dienstmädchen verführt hatte und von ihm ein Kind bekam. Nähere Einzelheiten darüber, was tatsächlich vorgefallen war, erfahren wir erst später in der Geschichte. Auch das Alter des Dienstmädchens und was sie getan hat, erfahren wir erst später.
Mit diesem Minimum an Informationen könnte man den Karl Rossmann schon ein wenig als schuldig ansehen. Man kommt gar nicht gleich auf den Gedanken, dass es sich hier um Kindesmissbrauch handelt. Warum er aber deshalb nach Amerika geschickt wurde, bleibt unklar. Es macht doch gar keinen Sinn, ihn, den Vater eines Kindes, wegzuschicken.
Und so ist es meist bei Jehovas Zeugen! Wenn etwas vorgefallen ist, ein Rechtskomitee gebildet wird, weiß keiner sehr genau, was eigentlich vorgefallen war. Man hat nur ein Minimum an Informationen und findet die Entscheidungen der Ältesten und anderer Beteiligter vielleicht unverständlich. Und wenn man etwas sagen möchte, erklären uns die Ältesten, dass man sich zurückhalten müsse mit einem Urteil, weil man nicht alles weiß. Gleichzeitig soll der Eindruck entstehen, jemand hätte schwer gesündigt und was die Ältesten tun, ist eine angemessene Reaktion darauf.
Nun aber werden wir vor vollendete Tatsachen gestellt. Karl Rossmann kommt in „Amerika“ an:
Ankunft in Amerika
In der Geschichte
Als er in dem großen Schiff in Amerika in New York ankam und mit seinem Koffer nun das Schiff verlassen wollte, bemerkte er, dass er seinen Regenschirm im Schiff hatte liegen lassen. Er vertraute seinen Koffer einem Menschen an, den er nur flüchtig kannte, ließ ihn vor seinen Füßen stehen, um den Regenschirm zu suchen. Dabei verirrte er sich im Schiff, da er durch lauter abbiegende Korridore gehen musste. Der ursprüngliche Weg war wegen der Ausschiffung wohl gesperrt worden. Und so fand er einen Mann, der der Heizer des Schiffes war.
Als er seine Geschichte dem Heizer erzählte, zog er eine Visitenkarte aus einer Geheimtasche heraus, die ihm seine Mutter in die Kleidung genäht hatte. Auf der Visitenkarte stand der Name des Kofferbewachers: Franz Butterbaum.
Die Entsprechung bei Jehovas Zeugen
Die Eltern hatten ihn wegen der Sünde nach Amerika geschickt. Dies entspricht der oben geschilderten Situation, wenn Eltern ihre Kinder in die Hand der Ältesten mit ihren rechtlichen Verfahrensweisen übergeben. Das Kind fällt dadurch aus der Familie und ist nun fremden Leuten ausgeliefert und wird mit einer ihm fremden Welt konfrontiert, in der nicht mehr die Regeln der Eltern, sondern die der Ältesten gelten. Sie sind hier ganz allein, denn die Eltern sind nicht mehr in ihrer Reichweite, da auch für sie jetzt nur noch die Regeln der Ältesten gelten.
Der erste Satz in Kafkas Geschichte lautet:
Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.
Das für ihn fremde Land Amerika steht also für die Organisation der Zeugen Jehovas mit ihren Gesetzen und Regeln, in dessen Hand er sich nun ganz und gar begeben hat. Sie verheißt geistige Freiheit, was durch die riesige Freiheitsstatue angedeutet wird. Das Schwert scheint für ihn erst jetzt nach oben zu zeigen, was auf die göttliche Legitimation der Gewalt der Organisation hinweist. Es könnte auch bedeuten, dass die Gewalt der Organisation in Wirklichkeit gegen Jehova gerichtet ist.
Der Koffer und der Regenschirm
Der Koffer, den Karl von seinen Eltern mitbekam, steht für seine bisherige, von dem elterlichen Zuhause geprägte Identität und ein Maß an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Doch nun ergibt sich folgende Situation: Wegen der Sünde, die ihm vorgeworfen wird, droht ihm die Aussicht, das kommende Strafgericht Gottes in Harmagedon, das auch mit der Sintflut verglichen wird, nicht zu überleben. Er muss etwas tun, um den göttlichen Schutz (den liegengelassenen Regenschirm) wiederzuerlangen. Und man wird angehalten, zu den Ältesten zu gehen, ihnen alles zu beichten und sich dann ihren Entscheidungen und Maßnahmen völlig unterzuordnen.
Franz Butterbaum
Darum lässt Karl seinen Koffer bei Franz Butterbaum. Der Name ist passend, da in der Bibel Bäume oft für Menschen stehen, die die Führung übernehmen. Und der Spruch: „Alles in Butter“ besagt, dass alles in Ordnung ist. Denn früher ging bei einer Reise schon mal was kaputt. Besonders das zerbrechliche Porzellan hielt die Erschütterungen oft nicht aus. Schließlich kam jemand auf die Idee, das Porzellan vorher mit Butter einzuschmieren. Dadurch war es geschützt und ging nicht kaputt.
Genauso ist die Rolle des Franz Butterbaums zu sehen. Wenn wir alles tun, was die Ältesten uns auftragen, geht alles gut aus, trotz unserer Sünde. Da man den Ältesten dann aber völlig ausgeliefert ist und sie uns durch Gemeinschaftsentzug sogar unsere Identität rauben können, ist Karls Koffer eben in die Hand des Franz Butterbaums geraten.
Auflösung des Rätsels um seine „Sünde“
Worin seine „Sünde“ bestand, was tatsächlich vorgefallen war, erfahren wir erst später in der Geschichte, nachdem er sich mit dem Heizer befreundet hatte und für die gerechte Sache des Heizers in eine Gesellschaft führender Persönlichkeiten gekommen war, von denen sich einer als sein Onkel ausgab. Dieser „Onkel“ erhielt ein Geständnis von der Johanna Brummer mit der Bitte, sich um den Karl zu kümmern. Der „Onkel“ beschreibt die Sache folgendermaßen:
… „er wurde nämlich von einem Dienstmädchen, Johanna Brummer, einer etwa 35jährigen Person, verführt. Ich will mit dem Worte ‚verführt‘ meinen Neffen durchaus nicht kränken, aber es ist doch schwer, ein anderes, gleich passendes Wort zu finden.“
Es war also eine 20 Jahre ältere Frau, die ihn „verführt“ hatte. Das Wort „verführt“ mutet schon merkwürdig an, denn eigentlich sollte man hier von Kindesmissbrauch vonseiten der Johanna Brummer reden. Dies wird in der weiteren Beschreibung aus den Erinnerungen Karls bestätigt. Denn der 16-jährige Karl wurde völlig gegen seinen Willen in ihr Zimmer geschleppt, eingesperrt, gewürgt, ins Bett gelegt und zum Sex mit ihr gezwungen, ohne dass er irgendwelche Gefühle für sie hegte. Er ging danach mit Weinen weg und in sein eigenes Bett.
Die Falschdarstellung des „Onkels“
Doch stellt es der Onkel mit dem Wort „verführt“ und indem er die Erinnerungen Karls als fehlerhaft hinstellt, anders dar. Erstaunlich ist auch das viele Lob, dass die Johanna Brummer erhält, obwohl sie doch eigentlich eine Missbrauchstäterin ist und für alles die Verantwortung trägt. Aber dass sie den Brief schrieb, ein Geständnis ablegte und dass der geborene Junge gesund ist, scheint ihr alles nur als Lob ausgelegt zu werden. Das Kind erhält sogar den Vornamen des Senators. Erstaunlich ist auch folgende Äußerung des Senators, der sich als „Onkel“ ausgibt:
„Nun hat diese Brummer“, setzte der Onkel fort, „von meinem Neffen ein Kind bekommen, einen gesunden Jungen, welcher in der Taufe den Namen Jakob erhielt, zweifellos in Gedanken an meine Wenigkeit, welche, selbst in den sicher nur ganz nebensächlichen Erwähnungen meines Neffen, auf das Mädchen einen großen Eindruck gemacht haben muß. …“
Warum möchte ein Senator von einer Missbrauchstäterin Ehre annehmen? Hängt sein guter Ruf davon ab, dass er durch die Namensvergabe Jakob für das durch Missbrauch gezeugte Kind geehrt wird? Obwohl der „Onkel“ die Tatsachen verdreht, stellt er sich als Glücksfall für Karl Roßmann dar und er verlangt von Karl, als sein Onkel anerkannt zu werden, eine große Ehre für Karl, da dieser Senator ist!
Bei Jehovas Zeugen
In der Deutung stellt der „Onkel“ ein Ältester dar, der dem Karl als Hirte zu dienen vorgibt. Durch das Geständnis der Missbrauchstäterin kommt es für ihn nicht zum Schlimmsten, zum Gemeinschaftsentzug. Ein scheinbar liebevoller Ältester kümmert sich um ihn, aber nur unter der Bedingung, dass Karl ihn voll anerkennt als einen echten Freund und Wohltäter. Er muss seine Sichtweise und Vorstellung, was gerecht ist, voll anerkennen. Dazu gehört auch die Ehrung der Johanna Brummer. Der Name Johanna deutet darauf hin, dass sie eine Zeugin Jehovas ist, denn es ist ein biblischer Name mit J als Anfangsbuchstaben, der für Jehova steht. Brummer steht für jemand, der sich wegen seiner besonderen Ausgefallenheit hervortut („ein dicker Brummer“).
Warum von den Eltern verstoßen?
Warum haben ihn seine Eltern verstoßen? Der „Onkel“ stellt es so dar, dass seine armen Eltern so die Alimentenzahlung und einen Skandal, der an sie selbst heranreichen würde, vermeiden konnten. Das heißt, die Eltern vermeiden „Schmach“ auf die „Organisation Jehovas“, der auf sie selbst als Mitverursacher zurückgefallen wäre und vermeiden, in Strafmaßnahmen der Ältesten mit einbezogen zu werden. Man möchte kein Missbrauchsskandal, sondern lieber ein sündiges Kind! Die Eltern werden als arm bezeichnet, weil sie selbst in diesem System gefangen sind! Da er sich glanzvoll als Retter Karls präsentieren möchte, beschreibt er Karls Eltern auch als grausam, die ihn wie eine Katze vor die Tür gesetzt hätten.
Die Rolle des Heizers
Karl muss sich mit der verdrehten Darstellung der Ereignisse abfinden. Hier kommen die Gesetze der Psychologie ins Spiel. Er eifert für die gerechte Sache des Heizers, dem durch seinen Vorgesetzten Schubal angeblich großes Unrecht widerfahren war. Der Heizer wurde sein bester Freund und er hätte alles daran gesetzt, ihm zur Durchsetzung seiner „Rechte“ zu verhelfen. In Wirklichkeit ist der Heizer offenkundig ein Verleumder und ein unverschämter Mensch, was sich durch sein Verhalten und dem Redeschwall seiner vielen schlecht begründeten Vorwürfe gegen Schubal bemerkbar macht. Aber Karl spiegelt sich in dem Heizer und projiziert seine eigene Situation auf den Heizer. Ihm selbst wurde Unrecht zugefügt, nicht dem Heizer!
In den Vorurteilen gegen Ausländer wird auf die Einstellung eines Zeugen Jehovas hingewiesen, sogenannte „Weltmenschen“, also Nicht-Zeugen-Jehovas als potenziell gefährlich und schlechten Umgang darzustellen. Dass der Heizer ein eingerahmtes Muttergottesbild mitnahm, deutet auf seine götzendienerischen Eigenschaften hin. Auch dass Johanna Brummer zu einem hölzernen Kreuz betet, zeigt, dass sie im Herzen eine Götzendienerin ist und nur dem Schein nach eine Zeugin Jehovas. Karl beobachtete sie hierbei mit Scheu, was zeigt, dass er eine bessere Einstellung hat.
Eine Grundlage für die Verdrehung der Schuldfrage
Zum richtigen Verständnis darüber, wie es zu einer verdrehten Darstellung der Schuldfrage kommt, muss man sich darüber im Klaren sein, wie ein Zeuge Jehovas normalerweise denkt, wenn er hört, dass sich jemand verführen lässt und ein uneheliches Kind das Ergebnis ist. Man hat das biblische Beispiel Josephs vor Augen, den Potiphars Frau verführen wollte. Aus Liebe zu Jehova und seinen Gesetzen ließ er es nicht zu, sondern rannte weg. Er wird deshalb in der Wachtturmliteratur als unser Vorbild hingestellt. Über die Schuldhaftigkeit von Potiphars Frau wird nichts gesagt. Sie ist ja auch keine Anbeterin Jehovas und dient nicht als abstoßendes Beispiel.
Somit würde ein Zeuge Jehovas, wenn er die Nachricht bekommt, dass der 16-Jährige also bald volljährige Karl Roßmann nicht wie Joseph war, sondern eine Frau geschwängert hat, diesen sofort als schlimmer Sünder betrachten. Über die Schuld der Frau würde er sich eher wenig Gedanken machen.
Die Wahrheit
Doch erst später in der Geschichte erfahren wir die Wahrheit. Das Dienstmädchen ist eine erwachsene Frau, 20 Jahre älter als er. Karl ist bei seiner Ausreise 16, nachdem sie ein Kind von ihm bekommen hatte, war also zum Zeitpunkt des Geschehens möglicherweise sogar erst 15 Jahre alt. Die Einzelheiten in seinen Erinnerungen bestätigen klar, dass es ein schwerer Fall von Kindesmissbrauch war.
Normalerweise geht man aufgrund der biologischen Verhältnisse davon aus, dass er gewisse Lustgefühle gehabt haben müsste, da er sie sonst nicht hätte schwängern können. Doch wenn man die Geschichte aus seiner Erinnerung hört, erkennt man, dass seine Beschreibung durchaus plausibel ist. Und doch war alles von ihr erzwungen. Er hätte sich kaum wehren können.
Aber damit keine Schmach auf die „Organisation Jehova“ fällt, relativiert der Älteste die Erzählung und bleibt bei der Version, dass er sich verführen ließ. Und dies bringt er noch so zum Ausdruck, wie wenn er ihm die Sünde, seine Geschichte nicht korrekt dargestellt zu haben, gerne verzeiht und entschuldigt. Er ist ja sein liebender Onkel, das musste er bestätigen. Nur unter dieser Bedingung wird es ihm von nun an gut gehen, weil er sich so liebevoll um ihn kümmert.
Der „Onkel“ (Ältester) stellt es auch als Glücksfall und Erhöhung Karl Roßmanns dar. Er hat von nun an einen besonderen Status als „Neffen“ des „Senators“. Dabei gab er sich gar keine Mühe, seinen „Neffen“ zu finden. Nur durch das nervige Verhalten des Heizers kam er darauf. Er kannte seinen „Neffen“ nur durch die Beschreibung des Dienstmädchens (der Missbrauchstäterin).
Ist nun alles in Butter?
Von dem Ältesten verstoßen
Später, in den nachfolgenden Kapiteln des Romanfragments „der Verschollene“ erfährt man, wie es weitergeht. Es hätte gleich schlimm enden können, im fremden Land, verstoßen und ohne Heimat (als Ausgeschlossener). Nun aber scheint es zunächst besser zu kommen durch die rettende Hand des „Onkels“. Aber die gute Beziehung zum Onkel, die Freundschaft mit dem Ältesten, ist an enge Bedingungen geknüpft.
Als Karl die Einladung eines Geschäftsmanns annahm und die Einwände des Ältesten nicht beachtete, wird er von ihm vollständig verstoßen. Er darf ihn noch nicht einmal mehr sehen. Das wird ihm in einem Brief des „Onkels“ nach Mitternacht mitgeteilt. Wieder hatte er keine Chance, auch nicht, die Dinge noch rechtzeitig wieder gutzumachen.
Interessant ist zu bemerken, dass ihm ständig Schuldgefühle gemacht werden. So glaubt er am Ende selbst, dass sein Onkel ihn zurecht verstoßen hat. Nur dem Briefüberbringer macht er Vorwürfe, ihm die Möglichkeit genommen zu haben, sich noch rechtzeitig zu korrigieren. Der „Onkel“ (Älteste) bringt zum Ausdruck, dass er ja nur deshalb, weil er so strengen Prinzipien folgt, in sein Amt ernannt worden ist.
Auch in Wirklichkeit bei Jehovas Zeugen kann es leicht geschehen, dass ein Glaubensbruder, der sich einige Zeit als Freund und Hirte ausgab, seinen Schützling plötzlich verlässt und überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihm haben möchte. Der Grund hierfür kann genauso sein wie hier in der Geschichte Kafkas. Sein Schützling hat schlechten Umgang, vielleicht mit einem Ausgeschlossenen und widerspricht dem Ältesten. Dann gilt er als böse, als rebellisch und durch den schlechten Umgang als geistig verdorben. Dann muss man ihn meiden. Und ein Ältester hat sein Amt erhalten, weil er solch strengen Prinzipien folgt.
Die Anstellung im Hotel geht wieder zulasten Karl Roßmanns aus
Karl landet zunächst auf der Straße. Dann bekommt er eine Anstellung im Hotel. Wieder gerät er in eine Situation, die ihm negativ ausgelegt wurde, obwohl er kaum eine Chance gehabt hatte, etwas anders zu machen. Aber wieder wird alles verdreht und er wird hinausgeschmissen. Selbst seine Freunde, die zunächst für ihn eintreten, glauben schließlich unter dem Einfluss der Ankläger, dass er schuldhaftes Verhalten an den Tag gelegt hat.
Das Hotel steht hier für eine Aufgabe und ein Amt beispielsweise als Dienstamtgehilfe in der Versammlung. Wegen irgendeiner Sache gerät er in Verruf und man nimmt ihm die sogenannten Vorrechte wieder weg. Seine Freunde in der Versammlung glauben den Ältesten und halten ihn auch für schuldig.
Nach dem Rauswurf ist er wieder auf der Straße in der Hand von Asozialen. Sie fahren auf Karls Kosten mit dem Taxi, dem sie nicht alles bezahlen konnten. In diesem Zusammenhang kommt ein Polizist ins Spiel, dem Karl seine ganze Geschichte hätte erzählen können, denn er tritt sehr für die Aufklärung der Dinge ein. Doch Karl betrachtet den Polizisten als Feind, nicht als Möglichkeit, dass dieser ihm helfen könnte, das Unrecht aufzuklären.
Das bietet eine Erklärung, warum man Kindesmissbrauch nicht anzeigt. Wenn man von den Glaubensbrüdern und Ältesten (Hotelleute in Kafkas Geschichte) keine Gerechtigkeit erwarten konnte, dann von den weltlichen Institutionen (dem Polizisten) erst recht nicht, war hier seine Einstellung.
Die Verdrehung des Rechts bei Jehovas Zeugen
Wenn wir die ganze Geschichte Kafkas lesen, erkennen wir, wie alles so hingedreht wird, dass Karl Roßmann, der von Anfang an nur Opfer war, in die Rolle des Übeltäters gestellt wird. Dies führt dazu, dass er es schließlich selbst glaubt. Es ist nicht möglich, die Dinge richtigzustellen, auch nicht durch Hilfe von Außen.
Jehovas Zeugen glauben, dass die Ältesten und Vertreter der Organisation viel gerechter sind als die Welt und die weltliche Justiz. Wenn von den Ältesten die Sache nicht in Ordnung gebracht wird, dann von den Weltlichen erst recht nicht. Es fehlt an Vertrauen und der Ruf innerhalb der Versammlung wird durch eine Anzeige nur geschädigt. Man soll auch die Organisation verteidigen, damit keine Schmach auf sie kommt, denn, so sagt man, sie ist ja schließlich Jehovas Organisation. Wir wollen ja auf der Seite Jehovas stehen, der uns eine wunderbare Zukunftshoffnung gegeben hat, wenn wir loyal zu ihm halten.
Wie sollte es hier je zu einer Korrektur kommen. Wie könnten hier die Übeltäter je zur Rechenschaft gezogen werden? Die Missbrauchstäterin wurde ja als gerecht dargestellt. Ihr Kind wird gesegnet und dient zu ihrer Ehre. Der Vater (Karl Roßmann) darf keinen Kontakt zu seinem Kind haben. Er ist wie verschollen und keine Hoffnung für eine Änderung ist in Sicht.
Konsequenzen
Im Wachtturmartikel Liebe und Gerechtigkeit angesichts des Bösen, Studienausgabe Mai 2019, wird auszugsweise Folgendes gesagt (Absätze 10, 17 und 18):
Wird ihnen [Älteste] also von einem schweren Fehlverhalten [Kindesmissbrauch] berichtet, werden sie Verschiedenes bedenken. …
… Älteste beurteilen vielmehr, ob der Betreffende [Missbrauchstäter] in der Versammlung bleiben kann.
Zeigt er Reue, kann er in der Versammlung bleiben.
Wenn ein Missbrauchstäter wirklich bereut, dann würde er die Versammlung von sich aus verlassen, denn sie ist ja der Ort der Versuchung für ihn. Und dann könnte Gott ihm vielleicht außerhalb der Versammlung vergeben. Denn es ist unmöglich, dass ein Ort, an dem sich Übeltäter verstecken können, auch Schutz vor dem Strafgericht Gottes bietet.
Stellen wir uns vor, in der Arche Noahs hätte es Missbrauchstäter gegeben. Könnte man sich vorstellen, man müsste sich an diesen Ort begeben, um Sicherheit vor der Strafe Gottes zu haben?
Wenn nun Missbrauchstäter in der Christenversammlung bleiben und bei Älteste einen solchen Ruf genießen wie Johanna Brummer in Kafkas Geschichte, dann sollten die anderen den biblischen Rat aus Offenbarung 18:2-4 befolgen:
„Geht aus ihr hinaus, mein Volk …“, denn „…sie ist … ein Versteck für jeden unreinen Geist und jeden unreinen und gehassten Vogel geworden! …“