In der Strafkolonie von Jehovas Zeugen

Wie funktionieren bei Jehovas Zeugen Strafmaßnahmen? Wird die Praxis ihrer Gerichtsbarkeit ein Ende finden? Franz Kafka erklärt es uns!
Online Lesemöglichkeit des Kafka-Textes z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/strafkol/strafkol.html

Die aktuellen Verhältnisse in den Versammlungen bei Jehovas Zeugen

Ein neues weltliches Gesetz

In der Versammlung der Zeugen Jehovas wurde im Mai 2019 ein Brief mit der Überschrift „Datenschutz Grundverordnung“ vorgelesen, um uns zu erklären, dass wir im Predigtdienst überhaupt keine Notizen mehr machen sollen. Als der Koordinator den Satz las: …für uns als Christen ist das Predigen seit jeher ein ganz persönlicher Ausdruck des Glaubens und des … musste er kurz innehalten. Es kamen ihm die Tränen. Dann wollte er sich korrigieren, indem er sagte: „Es ist ja gar nicht traurig, aber bewegend, deshalb nicht falsch verstehen“. Die Zuhörer lachten. Dann wiederholte er den Satz und las den Brief weiter.

Zuvor führte er zwei Bibeltexte an, um die „historische“ Bekanntmachung einzuleiten. Sie hatten schon bei der morgendlichen Anbetung im Zweigbüro für die Einführung dieser Bekanntmachung gedient. Mit Psalm 14:2 und Offenbarung 14:6 wurde ausgeführt, dass die Engel das Predigtwerk leiten würden, wodurch Notizen mit personenbezogenen Daten eigentlich überflüssig werden.

Gehorsam gegenüber Jehova kommt zuerst

Hier sollte man verstehen, wie Jehovas Zeugen normalerweise denken. Sie betrachten weltliche Regierungen als Teil der Welt, in der Satan, Jehovas Widersacher, das Sagen hat. Man wird zwar in der Bibel aufgefordert, den obrigkeitlichen Gewalten (Regierungen) gehorsam zu sein. Das gilt aber nur, wenn das, was sie verlangen, nicht im Widerspruch zu dem steht, was Gott verlangt.

Wenn man von der weltlichen Obrigkeit daran gehindert wird, Jehovas Gebote zu halten, dann könnte man nach dem Grundsatz verfahren: … „Wir müssen Gott als Herrscher gehorchen statt Menschen“ (Apostelgeschichte 5:29 NWT 2013, 2017). Schließlich sind Jehovas Zeugen schon immer bereit gewesen, notfalls sogar für den Glauben ins Gefängnis zu gehen, wie etwa in Verbindung mit der Wehrdienstverweigerung. Nun aber kommt von der Organisation, dass Notizen mit personenbezogenen Daten ohnehin nicht biblisch gut begründet sind. Die Apostel im 1. Jahrhundert machten sicher keine Notizen.

Gibt die Organisation dem weltlichen Gesetz Priorität?

In dem Brief wurde ja klar gesagt, dass alle früheren Hinweise zu Notizen im Predigtdienst nicht mehr gelten. Der Predigtdienst wurde in den Zusammenkünften intensiv geschult. Im Laufe von Jahrzehnten hat man viel Rat bekommen. Darunter eben auch Rat und Anweisungen, wie man passende Notizen macht, was man über den Wohnungsinhaber alles aufschreiben kann und soll. So hat man selbstverständlich alles mit gutem Gewissen getan und personenbezogene Daten gesammelt, da man ja gehorsam die Anweisungen der „Organisation Jehovas“ befolgte. Da nun die neue Anweisung von dieser Organisation und nicht von der weltlichen Obrigkeit kommt, ist klar, dass man sich in Zukunft wohl genau daran hält.

Eine für Älteste bedrohliche Lage

Was für weitere Konsequenzen diese Dinge haben können, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die ganze Autorität der Ältesten auf Gehorsam gegenüber der Organisation gestützt wird. So bilden Älteste auch sogenannte Rechtskomitees. Dort entscheiden drei Älteste, ob man einer Person die Gemeinschaft entzieht. Wenn das geschieht, redet niemand mehr mit dieser Person, man betrachtet sie sogar innerhalb der Familien als geistig tot. So werden ganze Familien gespalten. Dass Älteste diese schwere Verantwortung auf sich nehmen, ohne sich zu fürchten, Schuld auf sich zu laden, liegt daran, dass sie gehorsam alle Anweisungen der Organisation befolgen. Die Organisation trägt sozusagen die Verantwortung für sie.

Aber deshalb ist es absolut nötig, dass die Organisation stark bleibt und ihnen immer den Rücken stärkt. Jetzt aber führte ein neues Gesetz der weltlichen Obrigkeit dazu, dass die Vertreter der Organisation selbst nachgeben und eine Sache abschaffen, die man seither als absolut wichtig und notwendig hingestellt hat. Könnte etwas Ähnliches auch in Verbindung mit der Gerichtsbarkeit der Versammlung geschehen?

Die symbolische Bedeutung der Geschichte „In der Strafkolonie“ von Franz Kafka

Diese Problematik wird durch die Erzählung „In der Strafkolonie“, aufgeschrieben von Franz Kafka, erläutert:
Auch hier wollen wir zuerst die symbolische Bedeutung der in der Geschichte vorkommenden Dinge verstehen. Grundsätzlich handelt die Erzählung von den Strafmaßnahmen, die Älteste verhängen. Der Apparat steht für den Wirkmechanismus aller Strafmaßnahmen bis zum Gemeinschaftsentzug (Ächtung). Der alte Kommandant steht für die ursprüngliche Führung der Organisation, die die Strafmaßnahmen und Rechtskomiteeverfahren eingeführt hat. Natürlich wurde alles mit großartigen Ansprachen hervorragend biblisch begründet. Die Ältesten konnten überzeugt sein, dass sie es mit der heiligen, von Jehovas Geist geleiteten Organisation zu tun haben und dass es nichts Besseres gibt, als jeden Rat und jede Anweisung dieser Organisation mit Begeisterung zu unterstützen und umzusetzen.

Der neue Kommandant lässt sich von der weltlichen Obrigkeit beeinflussen, wie man es hier in Verbindung mit der Datenschutz Grundverordnung sieht. Und das wird für einen Ältesten, der Rechtskomiteeentscheidungen zu verantworten hat, zum Problem. Für ihn ergibt sich die Drohkulisse, dass er mit seiner Verantwortung einmal allein dastehen könnte, da die Organisation auf Druck durch die weltliche Obrigkeit auch diese Verfahren als unbiblisch darstellen und sie abschaffen könnte. Darum versucht der Offizier (ein Ältester) den Reisenden (ein Gesandter der weltlichen Obrigkeit, der Einfluss haben könnte) zu überreden, das Verfahren gutzuheißen und keinen Druck zu seiner Abschaffung auf den neuen Kommandanten auszuüben.

In der Erzählung wird ein solcher weltlicher Vertreter von der Organisation bestellt, das Verfahren einmal zu begutachten, um seine Empfehlung zu geben. Dies muss natürlich nicht buchstäblich geschehen. Es spiegelt vielmehr die Situation wider, in der sich der Älteste sieht. Und solche Begutachtungen fanden ja auch schon in Verbindung mit der Aufklärung von Kindesmissbrauchsfällen statt.

Der Apparat

Aber zunächst zu dem Apparat, dem Wirkmechanismus der Strafmaßnahmen von Ältesten. Der Offizier (Ältester) erklärt ihn sehr genau. Er besteht aus drei Teile: der Zeichner, die Egge und das Bett. Eine Egge ist ein Gerät aus der Landwirtschaft zur Bearbeitung des Ackerbodens. So beginnen alle Strafmaßnahmen mit einer Belehrung, die ähnlich wie beim Predigtdienst vermittelt wird. Jesus verglich den Predigtdienst mit einer Ernte oder dem Säen von Samen und danach das weitere Begießen und Bearbeiten (Johannes 4:34, 35; Matthäus 13:3-8). So ist es passend, dass das eigentliche Instrument, durch das der Verurteilte behandelt werden soll, ein solch landwirtschaftliches Gerät darstellt.

Der Zeichner liefert der Egge die Information, wie sie sich bewegen soll. So gibt es klare Vorgaben, wie eine solche Belehrung erfolgen soll, was eine schwere Sünde ist und wie alles biblisch begründet werden kann. Alle Vorgaben kommen von der Organisation. Es sind die Zeichnungen des alten Kommandanten. Ja, die ursprüngliche intakte Organisation hat bereits für alles gesorgt und Älteste ihr Vertrauen in sie gesetzt.

Das Bett

Ganz wichtig aber ist der dritte Teil des Apparats. Das Bett. Es stellt die Umgebung, die Glaubensbrüder der Versammlung dar. Ihr Verhalten ist von entscheidender Bedeutung für den Wirkmechanismus der Strafmaßnahmen. Sie sind gehorsam und reagieren empfindlich auf die Eingaben durch die Ältestenschaft. Wenn die Ältesten jemanden ehren, werden sie von allen geehrt. Wenn die Ältesten jemanden als anrüchig darstellen, hält die ganze Versammlung Abstand von dieser Person. Schließen die Ältesten jemanden aus, meidet die ganze Versammlung diese Person vollständig. Eigentlich wird die Strafe und die spätere geistige Hinrichtung erst durch das Verhalten aller in der Versammlung vollzogen.

Die Watte

Ein besonderes Merkmal des Bettes ist die Watte. Sie dient laut den Ausführungen des Offiziers dazu, die Blutungen zu stillen, damit anschließend die „Schrift“ des Zeichners, der die Egge führt, noch tiefer eindringen kann. Das Ziel ist ja, dass der Verurteilte die Schrift schließlich mit dem Leib lesen kann und dann sein Urteil versteht. Das geschieht in der „6. Stunde“. Danach wird er dann vollständig aufgespießt und schließlich in die Grube geworfen.

Ein besonderes Merkmal im Verhalten der Glaubensbrüder ist das Bekunden von Liebe und Bedauern. Man bringt zum Ausdruck, dass man den Verurteilten ja liebt, ihn eigentlich nicht verurteilen will, dass man traurig ist, aber nur wegen seines Verhaltens leider absolut gezwungen ist, sich von ihm zu distanzieren und dass man wünscht, er möge sich wieder anständig verhalten, sodass sich wieder alle freuen und ihn umarmen können. Mit dieser „love-bomb“ bringt man den Verurteilten dazu, schließlich selbst zu glauben, dass nur er an allem schuld ist und dass er die entsprechende Behandlung voll und ganz verdient hat. Hat er sich selbst verurteilt, ist das Ziel (die „6. Stunde“) erreicht. Dann schließt man ihn aus und betrachtet ihn für geistig tot. Und der Verurteilte betrachtet sich selbst, im Idealfall, wenn das Ziel erreicht wurde, auch für geistig tot.

Die Nadeln

Weitere Einzelheiten der Egge sind die Nadeln, die Wasser sprühen und die Kanäle, die das Gemisch aus Blut und Wasser abführen und in die Grube bringen. Auch die Ältesten führen Hirtenbesuche durch, mit denen sie den Verurteilten angeblich heilen und zu Jehova zurückbringen wollen. Die Glaubensbrüder sehen solche Hirtenbesuche als nützlich an und bringen zum Ausdruck, dass alles seine Richtigkeit hat.

Der Filzstumpf

Zu Beginn muss der Verurteilte noch dazu gebracht werden, zu schweigen und sich nicht gegen seine Verurteilung zu wehren. Der Apparat hat dazu ein Filzstumpf, den der Verurteilte mit dem Mund aufnehmen muss. Eine besondere langjährige Belehrung schon lange im Vorfeld über Demut und wie klein wir Menschen doch im Vergleich zu Jehovas Organisation sind, sorgt dafür, dass man sich nicht getraut, sich zu wehren. Man würde sofort als ein besonders schlimmer und reueloser Sünder dargestellt, wenn man sich wehrt. Der Filzstumpf ist nur am Anfang nötig. Später hat der Verurteilte gar keine Kraft mehr, sich zu wehren.

Der Reisbrei

Er bekommt auch einen Reisbrei, den die meisten Verurteilten nicht widerstehen können. Es ist eine besondere Belehrung, wie sehr seine Verurteilung der Versammlung zur Reinerhaltung nützt. Wenn er also ausgeschlossen wird, hat die Versammlung Nutzen davon. So kann er in dieser Hinsicht sein Opfer noch als etwas Nützliches sehen, was ihn geistig sättigen soll. Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan.

Fragen zum Gerichtsverfahren

Wie kommt es zur Verurteilung?

Der Reisende hatte einige Fragen. Wie kommt es zu seiner Verurteilung. Ist der Offizier denn gleichzeitig Richter und Maschinist. Ja. Es gibt auch keine Verteidigung. So etwas wie einen Rechtsanwalt kennt man in der Tat bei Rechtskomitees nicht. Es ist so einfach. Andere Gerichte haben eine Verteidigung und dann gibt es noch übergeordnete Gerichte. Wie lange sich oft die Gerichtsverhandlungen hinziehen können! Hier, bei Jehovas Zeugen, ist es nicht so. Der Älteste allein ist Richter und sein Urteil geht nach dem Grundsatz:

„Die Schuld ist immer zweifellos“.

In der Praxis sind es zwar drei Älteste, die ein Rechtskomitee bilden, aber sie stehen ja unter Druck, sich einig zu sein. Wenn einer also dominiert und das Urteil ausspricht, schließen sich ihm die anderen an.

Kennt der Verurteilte das Urteil?

Dann wollte der Reisende wissen, ob er dann, wenn er sich schon nicht verteidigen kann, das Urteil kennt.

Auch das nicht!

Es wird ihm ja auf den Leib geschrieben und dann erkennt er es eben in der „6. Stunde“. So ist es auch meist in der Praxis. Oft verstehen noch nicht einmal Familienangehörige, was er denn schlimmes getan hat. Der Verurteilte merkt natürlich die schlimme Behandlung, die man ihm zuteilwerden lässt. Daraus kann er dann schlussfolgern, wie schlimm seine Sünde nun gewesen sein muss.

Das Verhalten und die Eigenschaften der Beteiligten

Der Verurteilte und der Soldat

Nun kommen wir zum Verhalten des Verurteilten. Er wirkt sehr naiv und neigt außerordentlich stark dazu, andere, besonders den Offizier und den Reisenden nachzuahmen. Was mit ihm geschieht, scheint ihm gar nicht ganz klar zu sein. Doch er glaubt offensichtlich, dass alles richtig ist. Auch den Apparat findet er interessant. So sind die meisten Glaubensbrüder auch dann, wenn sie selbst einmal ein Rechtskomitee erlebt haben, in Bezug auf die Frage der Richtigkeit dieser Dinge völlig unbekümmert. Sie nehmen alles einfach so hin und gehen davon aus, dass es von Jehova kommt, ja, dass Jehova selbst es so getan haben möchte.

Der Soldat steht für beteiligte Älteste oder Dienstamtgehilfen. Auch dass sich der Verurteilte noch mit dem Soldaten befreundet, zeigt, wie sehr er mit dem Pflichtbewusstsein der an der Urteilsvollstreckung Beteiligten einverstanden ist. Auch der Soldat erscheint naiv und mit allem einverstanden.

Naiver Gehorsam

Die Naivität des Verurteilten kam auch schon zu Beginn zum Ausdruck, da er als so hündisch ergeben erschien, dass man ihn anscheinend gar nicht hätte anketten müssen. Er wäre zu seiner Hinrichtung gekommen, wenn man ihm nur gepfiffen hätte. So ist es oft auch in der Wirklichkeit. Ein Verurteilter kommt aus Gehorsam bereitwillig und pünktlich zu der Rechtskomiteesitzung, in der er ausgeschlossen wird. Die Anweisungen, niemandem Einzelheiten von der Rechtskomiteesitzung zu erzählen, kommt er dann auch als Ausgeschlossener gehorsam nach. Man muss ja gegenüber Älteste gehorsam sein.

Keine Fluchtmöglichkeit

Die Ketten, an denen er aber gebunden ist, bestehen aus der großen Kette, den kleinen Ketten, die daran hängen und die wiederum durch Verbindungsketten verbunden sind. So komplex ist es auch in der Wirklichkeit. Die kleinen Ketten stellen die Bindungen innerhalb der lokalen Versammlung dar. Auszubrechen hätte keinen Sinn. Die Abhängigkeiten von der eigenen Familie und von den Glaubensbrüdern machen dies unmöglich. Dann gibt es die große Kette, dass Jehova hinter dieser mächtigen Organisation steht und alles so beschlossen hat, was hier geschieht. Die Ältesten sind wie die Stellvertreter Jehovas. Ja, was hier gelöst wird, ist im Himmel schon gelöst, gibt man ihm zu denken. Wer kann da ausbrechen, sich gegen den ganzen Himmel stemmen? Da diese Lehre auch von allen anderen anerkannt wird, wäre ein Ausbruch erst recht unmöglich.

Der Offizier

Der Offizier (ein verantwortlicher Ältester) hat eine schwere Uniform an. Der Reisende wundert sich darüber und meint, dass dieser doch in den Tropen viel zu schwer sei. Der Offizier gab zu verstehen, dass sie die Heimat bedeuten würde und: „wir wollen nicht die Heimat verlieren.“ So ist es bei Jehovas Zeugen schon immer üblich gewesen, auch in der größten Hitze mit Anzug und Krawatte zu erscheinen. Denn es soll die Würde zum Ausdruck bringen, ein Bote Jehovas zu sein. Auch die Strafmaßnahmen sollten stets als von Jehova kommend betrachtet werden.

Der heilige Apparat wird in Betrieb genommen

Es läuft heute nicht rund!

Aber kommen wir nun zu der eigentlichen Geschichte. Nachdem der Offizier dem Reisenden alles gezeigt hatte, wird der Apparat in Betrieb genommen. Leider muss der Verurteilte erbrechen, sodass der Apparat stark verschmutzt wird. Ein kreischendes Zahnrad und das starke verschmutzt werden ist nach Auffassung des Offiziers der einzige Fehler des Apparats.

Und so hat man heute oft das Problem, dass die unmenschlichen Machenschaften öffentlich angeprangert werden. Es läuft eben nicht alles so geräuschlos und harmonisch, wie die Ältesten das wünschen. Diese doch so heilige Einrichtung, durch die die Versammlung reinerhalten werden sollte, wird eben durch die Berichte in den Schmutz gezogen. Und auch die Glaubensbrüder sind nicht mehr so wie früher zu begeistern. Die Überzeugung der Richtigkeit dieser Dinge lässt nach, so die Angst der Ältesten.

Es gab viel bessere Zeiten

Der Offizier schwärmt geradezu von den Verhältnissen, wie sie früher bei dem alten Kommandanten waren. Die Vertreter der Organisation hatten einfach eine solche Überzeugungskraft, dass alles von Jehova so geleitet wird und deshalb absolut gerecht ist, dass man jeden Kritiker schnell zum Schweigen bringen oder als „Fleischesmensch“ verurteilen konnte. Heute ist es schwieriger geworden. Zu viele kritische Berichte gibt es und keine neuen Argumente oder Antworten, die für das Verfahren sprechen und es verteidigen. Durch das Leiden in den gespaltenen Familien ist die Stimmung gedrückt. Darum ist in der Geschichte auch von einem kreischenden Zahnrad die Rede.

Kinder werden belehrt

Der Apparat war extra aus Glas gemacht, damit die Zuschauer genau beobachten konnten, was vor sich ging. Und früher gab es viele Zuschauer. Besonders Kinder hatten die vordersten Plätze bekommen. Und gerade die „6. Stunde“ war für alle Zuschauer besonders interessant. Der Offizier hatte dann auch zwei Kinder im Arm. Manche schauten gar nicht zu, sondern lagen mit geschlossenen Augen im Sand, denn sie wussten ja: Jetzt geschieht Gerechtigkeit!

Und so ist es in Wirklichkeit: Schon die kleinen Kinder werden durch eine Zeichentrickserie und dem sogenannten „Geschichtenbuch“ vermittelt, wie schlimm sich Ungehorsam auswirkt. Im Geschichtenbuch wird dies mit vielen Bildern und einfacher Sprache anhand biblischer Beispiele vermittelt. Und wenn jemand in der Familie ein Rechtskomiteeverfahren hat, sorgt man dafür, dass die Kinder alles mitbekommen. Wenn jemand ausgeschlossen wird, werden die Kinder voll daran beteiligt. Auch sie lernen, den Ausgeschlossenen zu meiden. Sie meiden dann sogar Oma und Opa. Und natürlich dienen Älteste auch den kleinen Kindern als Hirten, um ihnen die Bedeutung dieser Dinge zu vermitteln, um ihnen allen klarzumachen, dass hier Gerechtigkeit geschieht!

Die Kehrtwende

Warum der Offizier so dahinter her war, den Reisenden zu überzeugen, erkennt man an dem weiteren Verlauf der Erzählung. Als der Offizier merkte, dass diese Verfahren in den Augen des Reisenden böse sind, kam es zu einer folgenschweren Kehrtwende. Der Offizier lässt den Verurteilten frei und begibt sich nach Umstellung des Apparats nun selbst auf das Bett, nachdem er sich nackt ausgezogen hatte. Er wird schnell aufgespießt. Gleichzeitig zerstört sich der Apparat selbst.

Wenn die Ältesten keine Rückendeckung mehr von der Organisation bekommen und das Rechtskomiteeverfahren als verkehrt und unbiblisch dasteht, dann müssen sie sich selbst verurteilen! Denn sie haben mit diesem unrechten Verfahren viel Blutschuld auf sich geladen. Es muss dann nach den Worten Jesu gehen:

„Hört auf zu richten, damit ihr nicht gerichtet werdet; denn mit dem Gericht, mit dem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch messen.“ (Matthäus 7:1, 2 NWÜ 1985,89)

Sie haben ein ungerechtes Verfahren praktiziert. Um gerecht zu sein, müssen sie nun nach den Worten Jesu selbst ihrem Strafverfahren ausgesetzt werden. Darum steht auf der Zeichnung: „Sei gerecht“. Mit ihrer geistigen Hinrichtung endet dann auch das ganze Verfahren.

Die Hinhaltetaktik der Ältesten wird versagen

Die Erzählung geht noch weiter. Der Reisende, der Verurteilte und der Soldat gehen gemeinsam in das Dorf und in das Teehaus, das mit Erinnerungen an frühere Zeiten in Verbindung gebracht wird. Dort wird dem Reisenden das Grab des alten Kommandanten gezeigt. Es befindet sich unter einem Tisch verborgen. Mit sehr kleinen Buchstaben steht auf dem Grabstein:

„Hier ruht der alte Kommandant. Seine Anhänger, die jetzt keinen Namen tragen dürfen, haben ihm das Grab gegraben und den Stein gesetzt. Es besteht eine Prophezeiung, daß der Kommandant nach einer bestimmten Anzahl von Jahren auferstehen und aus diesem Hause seine Anhänger zur Wiedereroberung der Kolonie führen wird. Glaubet und wartet!“

Die Ältesten brachten stets in absoluter Selbstsicherheit zum Ausdruck, dass die Zukunft zeigen wird, dass sie im Recht sind. In der Zukunft wird alles bestätigt und wenn du dich heute wegen deiner Zweifel der Autorität widersetzt, dann wirst du in der Zukunft als böse und gegen Jehova dastehen und gerichtet werden. Und so war man befangen, ja eingeschüchtert. Das war eine sehr wirksame Hinhaltetaktik.

Doch die alten Zeiten kommen nicht wieder zurück. Zuletzt wird man darüber nur noch kopfschüttelnd lächeln können.

Vertane Chance

Der Verurteilte und der Soldat werden nun abgelenkt und sie versäumen es schließlich, die Strafkolonie mit dem Reisenden zu verlassen. Auch das ist sicherlich traurige Realität. Viele sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie die Dinge gar nicht richtig wahrnehmen und deshalb ihre Chance, die christliche Freiheit zu ergreifen, womöglich nicht nutzen. So bleiben sie auf der Strecke, wie die fünf Törichten in dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen (siehe die Abhandlung „Das Gleichnis von den Jungfrauen„).

Autor: Bernd Oelschlägel

CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

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Siehe auch: Inseln und Sekten und wie sie aufgelöst werden und Der Umkehrprozess der Christenversammlung

einlandarzt

Die inspirierte Geschichte "Ein Landarzt" von Franz Kafka beschreibt in Symbolsprache, wie ich ein Zeuge Jehovas wurde und was ich dann erlebte!