Als Zeuge Jehovas definiert man sich durch den Dienst für Jehova. Nur wenn man fleißig ist und alles tut, was gefordert wird, kann man im Glauben gesund bleiben, so denkt man. Dann ist man auch glücklich und mit sich im Reinen. Und man muss weitere Fortschritte machen. Da man nie ein Ziel erreicht, führt das letztlich zur Übersteigerung. Man hat darüber hinaus kein Selbstwertgefühl. Wenn man dann an Grenzen stößt, führt dies zum „ersten Leid“.
Online Lesemöglichkeit des Kafka-Textes z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/misc/chap027.html
Die ständige Dienstbereitschaft eines Zeugen Jehovas
Als Zeuge Jehovas ist man ständig darauf bedacht, Jehova ununterbrochen zu dienen. Man besucht wöchentlich mindestens zwei Zusammenkünfte, gibt jeden Monat seinen Predigtdienstbericht ab. Es ist absolut nötig, jeden Monat im Predigtdienst zu stehen, denn sonst wäre man kein regelmäßiger Verkündiger mehr. Selbstverständlich predigt man normalerweise jede Woche, um sich weit von dem Zustand des unregelmäßigen Verkündigers zu distanzieren.
Wenn man in den Urlaub fährt, dann gehört es zur Reisevorbereitung, sich vorher um den am Urlaubsort nächstgelegenen Königreichssaal zu erkundigen, damit man auch im Urlaub die Zusammenkünfte von Jehovas Zeugen besuchen kann. Vielleicht findet man ja sogar eine Versammlung in der eigenen Sprache, sonst muss man eben mit einer fremdsprachigen Versammlung vorliebnehmen. Natürlich nimmt man auch etwas Literatur für den Predigtdienst mit, damit man auch am Urlaubsort die Gelegenheit wahrnehmen kann, anderen Zeugnis zu geben.
Auch wenn man einen Kuraufenthalt hat, erkundigt man sich vorher über Möglichkeiten, die Zusammenkünfte am Kurort zu besuchen. Wenn man krank im Bett liegt, hat man seit einiger Zeit die Möglichkeit, sich durch eine Konferenzschaltung am Telefon zuzuschalten, damit man auf keinen Fall eine Zusammenkunft versäumt.
Meine Erfahrungen
Ich hatte manchmal Angst davor, längere Zeit krank zu sein. Ich fragte mich, wie ich das geistig überlebe, wenn ich dann womöglich Wochen oder sogar Monate keine Zusammenkunft der Zeugen Jehovas besuchen kann. Wenn man im Krankenhaus ist, ergeben sich ja bestimmt auch Möglichkeiten, über seinen Glauben zu sprechen und so den Predigtdienst durchzuführen. Auf keinen Fall wollte ich einen ganzen Monat pausieren müssen, um so als unregelmäßiger Verkündiger dazustehen, denn dann steht man ja unmittelbar vor dem Abgrund, der direkt in die Gehenna, dem Ort der ewigen Vernichtung führt!
Weitere Verbesserungen gefordert
Wegen der Dringlichkeit der Zeit, aber vor allem, weil man mit sich selbst unzufrieden ist, möchte man seinen Dienst unbedingt ausweiten. Ich muss Fortschritte machen, noch mehr Möglichkeiten finden, meinen Dienst für Jehova völlig durchzuführen. Man bewirbt sich für den sogenannten Hilfspionierdienst oder gleich für den allgemeinen Pionierdienst, um ein hohes Stundenziel für den Predigtdienst zu haben. Man kann seinen Dienst auch ausweiten, indem man bei Bauprojekten dabei ist, sich für den Betheldienst bewirbt oder für die Versammlung mehr tut. Brüder können als Dienstamtgehilfen und Älteste sich stärker einsetzen, Schwestern können auch den Kreisaufseher einladen, bei Bauprojekten für eine Mahlzeit sorgen. Es gibt ja Möglichkeiten.
Deutung der Geschichte „Erstes Leid“ von Franz Kafka
Diese Dienstbereitschaft wird in der Geschichte „Erstes Leid“ beschrieben. Hier ist es der Trapezkünstler, der überhaupt nicht mehr von seinem Trapez herunterkommen will, auch nicht nachts, um zu schlafen. Selbst während andere Vorstellungen im Zirkus stattfinden, bleibt er oben und die Zuschauer wundern sich vielleicht. So ist es ja auch in dem Leben eines Zeugen Jehovas. Auch wenn andere Aufgaben, die Familie, Erwerbstätigkeit und auch etwas Freizeit anstehen, bemüht sich der Zeuge, immer dienstbereit zu sein. Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit, Zeugnis zu geben und dann muss man es ja auch tun. Und natürlich wird man in jeder Lebensphase den Wachtturm studieren, den Tagestext betrachten, täglich in der Bibel lesen, predigen, die Zusammenkünfte besuchen. Es gibt kein Projekt, das eine Unterbrechung dieser Dinge rechtfertigt.
Die Entwicklung eines Zeugen Jehovas wird treffend beschrieben
Kafka:
Ein Trapezkünstler – bekanntlich ist diese hoch in den Kuppeln der großen Varietébühnen ausgeübte Kunst eine der schwierigsten unter allen, Menschen erreichbaren – hatte, zuerst nur aus dem Streben nach Vervollkommnung, später auch aus tyrannisch gewordener Gewohnheit sein Leben derart eingerichtet, daß er, so lange er im gleichen Unternehmen arbeitete, Tag und Nacht auf dem Trapeze blieb.
Zuerst war es in Zeiten, in denen man gesagt hat, die große Drangsal und Harmagedon ist ganz nahe, ein Streben, alles zu tun, was man tun kann. Es war auch ein Streben nach Vervollkommnung. Schließlich wurde es tyrannisch gewordene Gewohnheit, immer so weiterzumachen.
Natürlich, und das wird auch in der Geschichte nicht vergessen, ist es besonders in den Sommermonaten, zum Beispiel auf Kongressen, dort richtig schön. Außerdem ist die Höhenluft auch sehr gesund. Natürlich sind menschliche Kontakte dort eingeschränkt. Man hat keinen Kontakt mit Ausgeschlossenen, kaum Kontakt mit sogenannten Weltmenschen und auch mit seinen eigenen Leuten geht es in Gesprächen doch in erster Linie um den Dienst. Auch der Lesestoff und mit was man sich befasst, ist eingeschränkt.
Man möchte sich immer verbessern
Doch dann kommen auch Momente, in denen man begreift, dass man in der Vergangenheit viel zu wenig getan hat, um Jehova zu gefallen. Man ist traurig und möchte es korrigieren. Man will sein Leben umstellen, vereinfachen und kann jetzt Dinge tun, für die man in der Vergangenheit nicht die Gelegenheit dazu ergriffen hatte. Endlich dient man Jehova richtig! Niemals möchte man wieder in den alten Zustand zurückfallen.
Doch wie soll es weitergehen? Kann man sich immer weiter steigern? Wird man am Ende nicht daran zerbrechen? Denn das Problem besteht darin, dass man selbst nach einer Steigerung immer gerade so viel tut, was man für nötig hält. Nachzulassen würde man als Zurückweichen vom Glauben empfinden. Und so hat man ein Problem, wenn man nicht mehr so weitermachen kann! Ein Ziel wird eben nie erreicht. Das Ende eines Projekts kommt nicht.