Auf der Galerie als Zeuge Jehovas

Bist du ein eifriger Zeuge Jehovas gewesen? Du hast ununterbrochen alles darangesetzt, so viel Zeit wie möglich im Predigtdienst zu verbringen, denn das Ende, der Tag Jehovas, ist so nah. Und was ist heute? Franz Kafka erklärt es uns atemlos in zwei Sätzen in: „Auf der Galerie“!
Online Lesemöglichkeit des Kafka-Textes z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/erzaehlg/chap013.html

Eifrig im Dienst, denn die Zeit ist verkürzt

Viele Zeugen Jehovas fühlen sich durch die vielen Ratschläge ihrer Organisation und der Ältesten (Odradek) ermuntert, mehr für Jehova zu tun!

Und weil die Zeit bis zur großen Drangsal „verkürzt“ ist, muss das Zeugniswerk mit großem Eifer durchgeführt werden. Man entscheidet sich, den sogenannten Hilfspionierdienst, dann den Pionierdienst durchzuführen. Man arbeitet für die Versammlung, in Bauprojekten, im Missionardienst oder in jeder Zuteilung, die man von der Organisation erhält.

So verausgabt man sich total, arbeitet Tag und Nacht. Denn Morgen schon kommt der Tag Jehovas. Die Menschen müssen gewarnt werden. Jehova freut sich über unsere harte Arbeit und all den Dienst, den wir für ihn verrichten. Wir werden auch durch die Kommentare der Glaubensbrüder angespornt, durch den brausenden Beifall auf Kongressen.

Auch wenn der Tag Jehovas auf sich warten lässt?

Und wenn dann der Tag Jehovas ausbleibt, er nicht zu der vorgesehenen Zeit kommt, dann wird es nicht lange dauern und wir werden weiter angetrieben durch das neu anschwellende Beifall Klatschen in Verbindung mit dem sich stets anpassenden Orchester der Vortragsredner. Denn der Tag Jehovas wird sich nicht verspäten. Endlos ziehen sich die Appelle durch alle Zeiten und dieses Spiel nimmt kein Ende.

Da wäre es doch irgendwann an der Zeit, dass jemand von den Beobachtern aufsteht und dem ganzen Treiben Einhalt gebietet. Man müsste doch mal innehalten und alles überdenken und neu über die entstandenen Verhältnisse nachdenken, um zu verstehen, was Jehova uns eigentlich sagen möchte und warum er zögert und unsere Erwartungen nicht in Erfüllung gehen lässt!

Niemand hält inne! Wie geht es weiter?

Nun ist es aber nicht so. Stattdessen setzt sich die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas immer mehr in Szene. Sie gibt Anweisungen, veranlasst große organisatorische Änderungen. Sie verändert Lehren, sodass das geistige Licht, wie man sich sagt, immer heller leuchten soll. Dann präsentiert sie sich durch das monatliche Broadcasting. Man ist dieser Gruppe völlig ergeben.

Während nun viele von diesen Eifrigen, die sich seither so verausgabt haben, als hinfällig betrachtet und aus ihrer Zuteilungen entlassen werden, jauchzt man umso mehr der leitenden Körperschaft zu. Man bewundert ihr Voranschreiten, ihre Initiative und befolgt mit hündischer Ergebenheit alle ihre Befehle und setzt alle Neuerungen schnell um, baut ihr eine neue Weltzentrale.

Alle müssen mit ihrem Tempo Schritt halten und sie über die Maßen ehren. Ihre Verdienste scheinen unbegreiflich groß zu sein. Der Applaus für sie erschallt laut und immer lauter.

In dieser Situation mag der Beobachter insgeheim feststellen, dass er irgendwie gefangen ist und nichts mehr tun kann. Das würde er aber nicht zugeben und es sich nicht einmal selber eingestehen!

Siehe auch: Erstes Leid eines aufopferungsvollen Zeugen Jehovas und Ein Hungerkünstler

einlandarzt

Die inspirierte Geschichte "Ein Landarzt" von Franz Kafka beschreibt in Symbolsprache, wie ich ein Zeuge Jehovas wurde und was ich dann erlebte!