Jehovas Zeugen bemühen sich schon so lange, die gute Botschaft von Gottes Königreich weiterzugeben. Das taten die Christen schon seit fast 2000 Jahren. Doch irgendetwas geht schief. Man trabt auf der Stelle. Das Problem wird in den Geschichten von Franz Kafka Das nächste Dorf und Eine kaiserliche Botschaft anschaulich erklärt.
siehe https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/erzaehlg/chap007.html und https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/erzaehlg/chap009.html
Die beiden Geschichten „Das nächste Dorf“ und „Eine kaiserliche Botschaft“ handeln von der Schwierigkeit, die ein Verkündiger der Zeugen Jehovas hat, mit seiner Botschaft sein Ziel zu erreichen. Es hat Ähnlichkeit mit der Geschichte „Ein Traum“, in der Joseph K. auch nur unpraktisch gewundene Wege in einem Friedhof vorfindet.
Wenn man anfängt, Jehova zu dienen, ist man voller Elan. Man glaubt, eine großartige und lebenswichtige Botschaft verkündigen zu können, die den Menschen hilft, sich auf die Seite Jehovas zu bringen, um so in der großen Drangsal gerettet zu werden.
Je länger man nun mit großem Durchhaltevermögen bemüht ist, seine Arbeit zu tun, desto mehr merkt man, dass man eigentlich nicht von der Stelle kommt. Man kann meist nichts erreichen, findet kaum ein hörendes Ohr. Und wenn man es findet, dann wird trotzdem nichts erreicht. Denn alle ernten nur schlechte Ergebnisse. Die erhofften Ziele konnten selbst nach Jahrzehnten nicht erreicht werden. Man findet statt der christlichen Freiheit nur Gefangenschaft. Alles dreht sich in einem endlosen Kreis.
Diese Geschichten kann man auch mit der Erzählung „Ein Landarzt“ und „Vor dem Gesetz“ vergleichen. Man erreicht sozusagen nicht mal das nächste Dorf. Der Mann vom Lande in „Vor dem Gesetz“ erreichte nicht mal die zweite Wache. Er blieb bis zu seinem Lebensende am ersten Eingang. Und in „Ein Landarzt“ ist der Arzt am Ende so unbeweglich wie zu Beginn, als das Pferd gefehlt hat. In dem Roman „Das Schloss“ hat man dieselbe Problematik. Der Landvermesser kommt nicht auf einen grünen Zweig. Endlos erklingt die Propaganda des Hausvaters („Die Sorge des Hausvaters“).
Was ist das eigentliche Problem?
Der eigentliche Grund, warum man nicht weiterkommt, besteht darin, dass man immer wieder eine Organisation errichtet, die festlegt, was als richtig zu gelten hat. So gab es über Jahrhunderte Kirchenorganisationen, die alle mit missionarischem Eifer ihre Gruppenansicht an andere Menschen weitergeben wollten. Und wenn nun die ernsten Bibelforscher, die später die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas bildeten, verstanden haben, dass viele Kirchenlehren falsch sind und was stattdessen die Bibel lehrt, so lag das an den Bemühungen von Einzelpersonen.
Eine Einzelperson, Charles Taze Russell, wollte sich nicht von den falschen Kirchenlehren einlullen lassen. Er zog sich zusammen mit einigen Freunden zurück, um die Bibel neu zu lesen, zu studieren. Sie machten Gebrauch von ihrem eigenen Verstand, um die Dinge logisch zu verbinden und nichts Falsches hineinzuinterpretieren.
Doch dann entsteht eine Organisation. Und wieder besteht der missionarische Eifer darin, die Gruppenmeinung an den Mann oder an die Frau zu bringen. Wieder darf man nicht selbst nachdenken, sondern wird verpflichtet, die Gruppenmeinung anzunehmen. Wenn der Interessierte noch eigene Standpunkte einnimmt, muss man ihn so lange bearbeiten und auf ihn einreden, bis er endlich die Gruppenmeinung annimmt und sich damit geistig erleuchtet fühlt und glücklich ist (die Schnapsflasche trinkt, wie in der Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“). Dass er bei diesem bearbeitet werden allmählich sein logisches Denkvermögen einbüßt, ist dabei ein Nebeneffekt.
Verlust des Denkvermögens
Diese Wirkung tritt nämlich immer dann ein, wenn man notgedrungen das akzeptieren muss, was ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen in einer Autoritätsposition entscheidet. Weil bei Nichtbeachtung ihrer Regeln und Entscheidungen Sanktionen drohen, bemüht man sich, alles so zu tun, zu sagen und zu denken, wie sie es wünschen. Und weil man nicht glücklich ist, wenn man ständig denkt, ihre Entscheidungen seien verkehrt, bemüht man sich auch, ihre Entscheidungen logisch und vernünftig zu finden.
Stellen wir uns ein korrekt arbeitendes Computerprogramm vor, das zwar das richtige Rechenergebnis liefert, dieses aber nicht in Übereinstimmung ist mit dem, was jemand, der sich in einer Autoritätsstellung befindet, sagt. Da der Widerspruch unglücklich ist, da man ja gehorchen muss, manipuliert man das Computerprogramm nur ein wenig, sodass es das „gewünschte“ Ergebnis liefert. Aber damit hat man einen Fehler im Programm geschaffen, ist jedoch glücklich.
Und so läuft es im Gehirn ab. Man manipuliert sein logisches Denkvermögen nur ein wenig, erhält dafür noch Anleitung, wie das geht, und man ist wegen der Übereinstimmung mit den Gruppenansichten glücklich. Damit hat man aber automatisch ein fehlerhaftes Denken. Man kann nicht mehr eins und eins zusammenzählen.
Der Kreislauf
Das Ganze geht dann so lange, bis wieder ein Charles Taze Russell kommt und feststellt, wie unsinnig doch die Lehren sind. So unsinnig eben wie die Kirchenlehren, die man doch schnell als unbiblisch entlarven konnte. Wenn man sein Denken wieder in Ordnung bringt und die Menschenherrschaft zurückweist, dann ist eigentlich alles ganz einfach.