Die Wahrheit macht frei! Das dachte man, als man die biblische Wahrheit kennenlernte und ein Zeuge Jehovas wurde. Doch dann wurde man nicht frei, sondern unfrei, wie uns die inspirierte Geschichte von Franz Kafka erklärt.
Online Lesemöglichkeit des Kafka-Textes z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/erzaehlg/chap015.html
Das Gesetz des Christus
Viele von denen, die die Bibel gelesen und studiert haben, bekamen eine klare Vorstellung davon, was uns die Bibel und was uns der Christus eigentlich sagen wollten. Sie haben mit Freuden auf die Worte reagiert:.“ … und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannes 8:32), weil sie ein tiefes Verständnis dieser Dinge erworben haben. Wer die Wahrheit verstanden hat, würde sich von niemanden mehr irreführen oder beherrschen lassen. Wir könnten in Übereinstimmung mit der Liebe, die Jesus Christus uns vorgelebt hat und mit unserem Gewissen, das durch unser genaues Verständnis der Wahrheit gefestigt wird, ein selbstbestimmtes Leben führen.
Und wenn sich uns jemand in den Weg stellt und böse Dinge über uns redet, dann dürfen wir uns freuen und überglücklich sein, weil unser Lohn bei unserem himmlischen Vater groß ist, wie es in Matthäus 5:12 gesagt wird. Ja, selbst wenn wir von Menschen verfolgt werden, kann uns nichts passieren. Denn unser Gott kann jeden Schaden wieder gut machen. Sogar, wenn sie uns das Leben nehmen, haben wir die Auferstehung von den Toten vor Augen (2. Korinther 2:8-10; Psalm 56:4). Welcher Mensch kann uns also schaden?
Der Glanz der biblischen Wahrheit
Sie sehen auch den Glanz in der Aussage: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Haupteckstein geworden. Das hat Jehova bewirkt. Es ist wunderbar in unseren Augen.“ (Psalm 118:22, 23)
Was die Schmach des Christus bedeutet und welchen großen Reichtum sie vermittelt, können wir vielleicht sogar erahnen (Hebräer 11:23-26).
Wir wissen ja, dass nicht der sich freuen kann, der sich selbst heute schon Vorteile verschafft und wer der Erste zu sein scheint, der könnte am Ende der Letzte sein (Matthäus 19:30; 23:12). Wir brauchen also nicht neidisch auf Personen blicken, die sich selbst durch ihre Schläue Vorteile verschaffen.
Die Wahrheit, die frei macht
Jehova ist der Geist und wo der Geist ist, da ist Freiheit (2. Korinther 3:17). Das mosaische Gesetz diente zur Verurteilung, doch durch den Christus sind wir lebendig gemacht worden (2. Korinther 3:9; Epheser 2:5). Wir ahnen die tiefe Bedeutung des Opfertods Jesu, durch den wir durch Glauben und nicht durch Werke gerechtgesprochen werden (Römer 3:20-24; Galater 2:15-21).
Sie haben auch verstanden, dass sie ein ganz persönliches Verhältnis zu ihrem Gott haben könnten, mit dem sie im Gebet sprechen können, um ihren Lebensweg mit ihm zu gehen (Jakobus 4:8). Dadurch bekommen sie eine Identität, die ihnen kein Mensch wegnehmen kann, weil es durch ihr persönliches Verhältnis zu ihrem Schöpfer geprägt wird (Johannes 3:5).
All das ist ja auch der Grund, weshalb Jehovas Zeugen sagen: „Wir sind in der Wahrheit“. Die einen sagen es, weil sie den Glanz dieses Gesetzes gesehen haben. Die anderen sagen es, weil sie denen, die den Glanz des Gesetzes gesehen haben, nachplappern oder weil sie früher einmal diese Dinge verstanden haben.
Die Situation der Zeugen Jehovas
Christliche Freiheit ja, aber jetzt noch nicht
Und so sind wir nun bei der Erzählung Kafkas: „Vor dem Gesetz“.
Wir erfuhren also von diesen Dingen und waren hocherfreut. „Wir haben die Wahrheit gefunden“, riefen wir aus. Und dann schlossen wir uns der Christenversammlung an, in der Älteste die Führung übernehmen. Sie verlangten Gehorsam von uns und dass wir uns an alle Regeln, die von dieser Organisation immer wieder hochgehalten wurden, auch halten müssten. Und so entstand eine Situation, wie sie in Kafkas Geschichte geschildert wird.
Wir stehen vor dem Gesetz und wünschen Einlass. Der Älteste, der den Eingang überwacht, sagte uns zu Beginn, dass es möglich sei, jetzt aber nicht. So wurde unsere Hoffnung auf das „wirkliche Leben“ stets aufrechterhalten. Jetzt aber war man Sklave der Organisation und derer, die die Führung dort übernehmen. Während man wartet, bekommt man einen Platz in der Organisation zugewiesen. Man strengt sich an und bringt jedes Opfer, geht vielleicht in den Vollzeitdienst. Das machen wir ja alles wegen der Hoffnung, in das Gesetz eingelassen zu werden, bleiben aber stets Sklave der Organisation.
Eigentlich hätten wir jederzeit Zugang zu dem Gesetz, da das Tor ja offen ist. Aber wir werden eingeschüchtert. Die Organisation ist hierarchisch aufgebaut. Wir haben es immer nur mit den Ältesten zu tun, die selbst wieder ein Haupt über sich haben, denen sie unmittelbar unterstellt sind. Schon die Ältesten erscheinen uns mächtig zu sein und wir getrauen uns nicht, ihnen zu widersprechen.
Jahre des Dienstes für eine Organisation
Wären wir im Gesetz, dann hätten wir ja die volle Freiheit, alles in Übereinstimmung mit unserer eigenen Überzeugung und unserem eigenen Gewissen zu tun, wie oben erwähnt. Nun aber vergehen Jahre und wir dienen treu wie ein Sklave der Organisation. Unsere Motivation war von Anfang an die Hoffnung, in das Gesetz zu kommen. Aber dann sind schon Jahrzehnte vergangen und wir müssen feststellen, dass wir heute noch eingeengter sind, als je zuvor. Obwohl wir immer das getan haben, was unsere Dienstherren wollten und schon so viele Opfer gebracht haben, stehen wir wie ausgeraubt da. Schließlich sind wir alt und verbraucht. Wir sehen schon jeden Fehler an den Ältesten und der Organisation, die für uns immer mächtiger erscheinen.
Schließlich haben wir keine Kraft mehr, wir scheinen noch viel kleiner, unbedeutender geworden zu sein, als je zuvor. Doch eigentlich haben wir auf den Tag gewartet, an dem die ganze Christenversammlung befreit wird und wir endlich der neuen Welt entgegenblicken könnten, in der die Verheißungen Wirklichkeit werden und wir dann auch in dieses Gesetz, das zur Freiheit gehört, kommen. Darum stellt sich am Ende die Frage:
Worin das Problem besteht
„Alle streben doch nach dem Gesetz“, sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?“ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“
Das eigentliche Problem besteht ja gerade darin, dass man davor zurückschreckt, eigenverantwortlich zu handeln. Man will lieber die Verantwortung an andere abgeben, an diejenigen, die die Führung übernehmen. Und deshalb wartet man auf die Erlaubnis des „Türhüters“ und darauf, dass alle gemeinsam unter der Anleitung einer Organisation in das Gesetz gehen. Auf dieser Grundlage entstand erst eine Organisation mit einer Geistlichenklasse. Doch in das Gesetz kommt man nur aufgrund von eigenverantwortlichem Handeln!
Die Ältesten nutzen diese Scheu vor eigenverantwortlichem Handeln aus, fördern diese Denkweise, indem sie uns entsprechend belehren und setzen uns damit unter Druck, denn es bedeutet Machtgewinn (2. Petrus 2:3). Diese Situation, in die uns die Ältesten bringen, wendete Jesus schon auf die Pharisäer an:
Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Heuchler! Denn ihr verschließt den Menschen das Königreich des Himmels. Ihr selbst geht nicht hinein, lasst aber auch die nicht hinein, die auf dem Weg dorthin sind (Matthäus 23:13).
Betrug, aber durch wen?
Roman „Der Prozess“
Ja, natürlich ging auch der Türhüter nicht in das Gesetz.
Die Geschichte „Vor dem Gesetz“ ist auch in einer Szene eingebettet, die in dem Roman von Franz Kafka „Der Prozess“ vorkommt. „Der Prozess“ handelt von einem gewissen Herrn K., der plötzlich einen Prozess auf dem Hals hat, obwohl er sich keiner Schuld bewusst ist. Jemand musste ihn verleumdet haben, war seine Schlussfolgerung. Ohne also den Grund zu wissen, wurde er so behandelt, dass auch seine Mitmenschen daraus schließen konnten, dass er etwas Böses getan hatte. Er ging selbst zum Gericht, unternahm einiges zu seiner Verteidigung, geriet aber immer tiefer in die Sache hinein. Am Ende wurde er hingerichtet. Kurz vor seiner Hinrichtung traf er in der Kirche einen Geistlichen, der auch ein Gerichtsdiener war, der ihm diese Geschichte erzählte. Danach diskutierte er mit dem Geistlichen darüber.
In der Deutung des Romans „Der Prozess“ stellt K. einen Zeugen Jehovas dar, der plötzlich in verleumderischer Weise angeklagt wird. Die Sache zieht sich lange hin. Er kann seinen guten Ruf nicht mehr herstellen. Am Ende wird er ausgeschlossen (die Hinrichtung).
Wer wird getäuscht?
Es geht in dem Gespräch um die Frage, wer von beiden getäuscht wird. K. wendet ein, dass es der Mann vom Lande ist, der sein Leben lang getäuscht wird. Doch der Geistliche, der zum Gericht gehört, meinte, es gäbe Meinungen, nach denen vor allem der Türhüter der Getäuschte sei. Auch sei der Mann vom Lande frei, der Türhüter aber an sein Amt gebunden und war möglicherweise selbst nicht im Gesetz und noch nie im Gesetz gewesen. Außerdem musste er wirklich sein Leben lang nur für diesen Mann dort verbringen. Der Mann war ihm also überlegen und er tat alles freiwillig. Auf der anderen Seite war es eine große Ehre nach der Meinung einiger, als Türhüter dem Gesetz zu dienen, sodass dieser doch dem Mann vom Lande überlegen war.
Ja, man kann sich in der Praxis viele Gedanken machen, ob die Ältesten die Getäuschten sind oder diejenigen, die sich an alle ihre Regeln halten müssen und nicht in das Gesetz kommen ihr Leben lang. Auch die Frage, wer ist wem überlegen, stellt sich. Wie mir scheint, haben viele, die als Älteste dienen, gar kein echtes Verständnis, was christliche Freiheit eigentlich ist. Ihr scheinbar untergebener Glaubensbruder hat möglicherweise schon viel mehr verstanden. Aber man hält einen Ältesten auch in geistiger Hinsicht für überlegen, obwohl das gar nicht stimmen muss (siehe Hohes Lied 1:4). Gerade darin besteht auch eine Täuschung. Ein Bruder, der uns Vorschriften machen will, kennt die christliche Freiheit gar nicht, fürchtet sich davor und möchte, dass auch wir sie nicht ergreifen könnten.
Die Gerichtsbarkeit der Versammlung
Aber was hat es nun mit dem Gericht auf sich. Was ist die Gerichtsbarkeit der Versammlung? Darum geht es ja in dem ganzen Roman „der Prozess“.
Ein Schlusssatz, den der Geistliche hier erwähnt, bringt den eigentlichen Fehler in der Denkweise aller Beteiligten auf den Punkt:
Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf wenn Du kommst und es entläßt Dich wenn Du gehst.
Die Gerichtsbarkeit der Versammlung ist eigentlich nichts. Es ist eine Täuschung. Denn das Gesetz führt ja in die Freiheit. Einem Glaubensbruder, der die christliche Freiheit ergriffen hat, kann die Gerichtsbarkeit der Versammlung eigentlich nichts anhaben. Sie ist für ihn null und nichtig. Das Problem besteht vielmehr darin, dass der Verurteilte das Gericht ernst nimmt und sich selbst dahin begibt. So musste K. in dem Roman selbst das Gerichtsgebäude und den für ihn zuständigen Bereich finden. Er hatte dazu nur einige dürftige Hinweise bekommen. Das unverschämte Verhalten seiner Ankläger, das ja eigentlich verurteilt werden müsste, hat zu dem Schluss geführt, dass ein solches Verhalten ja nur erklärbar ist, wenn K. zurecht verurteilt wurde, weil er sehr böse Dinge getan haben musste.
Auf diese Weise gerät K. in das Gericht und wird verurteilt. Wenn er sich aber entschieden hätte, zu gehen, indem er seine christliche Freiheit ergreift, also in das Gesetz geht, dann würde auch das Gericht ihn verlassen. Denn wer könnte ihn dann verurteilen?
Fazit
Diese Gerichtsbarkeit hat viel mit der Selbstverurteilung des Menschen zu tun. Überlegen wir einmal, wir wären nie Zeuge Jehovas geworden und jemand würde uns sagen, wir müssten den Ältesten gehorchen und ihr Urteil fürchten. Wir würden sofort sagen, wir kennen keine Ältesten und noch viel weniger wüssten wir, weshalb wir denen von dieser religiösen Gruppe, die wir gar nicht kennen, auch noch gehorchen sollten. Es wäre einfach absurd für uns. Und das ist es auch, wenn wir freiwillig und aus Liebe zu unserem Schöpfer Zeuge Jehovas geworden sind. Warum sollten wir für unsere Liebe durch eine solche Knechtschaft bestraft werden?
Autor: Bernd Oelschlägel
CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)
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