Ein Bericht für eine Akademie

Kafka-Deutung
Online Lesemöglichkeit des Kafka-Textes z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/erzaehlg/chap002.html

Entstehung eines Lebensberichts

In den Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet!, in Videos und Jahrbüchern sind Berichte von Menschen enthalten, die einmal ein schlechtes Leben geführt haben, als sie noch keine Zeugen Jehovas waren. Doch dann sind sie mit Zeugen Jehovas in Kontakt getreten, haben die Bibel mit ihnen studiert, haben ihr Leben verändert und in Ordnung gebracht und dienen heute als Zeugen Jehovas. Von einem wilden Leben in der Welt zu einem anständigen Zeugen Jehovas, der sich an die biblischen Grundsätze hält, das wird dort beschrieben.
Solche Berichte entstehen, wenn man sie bittet, mit der sogenannten „Schreibabteilung“ der Organisation zusammenzuarbeiten und einen Lebensbericht zu verfassen.

Um diese Dinge geht es in der von Kafka aufgeschriebenen Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“.
Hier wird die Verwandlung des Menschen mit dem Menschwerden eines Affen verglichen. In der Geschichte „die Verwandlung“ ist es umgekehrt. Er wird dort nicht zum Affen, sondern zu einem riesigen Ungeziefer, da ein abgefallener Zeuge Jehovas ja viel weniger taugt als ein sogenannter „Weltmensch“.

Der Bericht wird durch schlechtes Erinnerungsvermögen erschwert

Zunächst einmal geht es um die Befangenheit des Mensch gewordenen Affen. Wenn der Kandidat eines solchen Berichts nun von seiner Vergangenheit erzählen soll, kann er natürlich nicht seine frühere Sichtweise annehmen. Er muss alles so schildern, wie er es heute zu sehen hat:

Nahezu fünf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren, so wie ich es getan habe, streckenweise begleitet von vortrefflichen Menschen, Ratschlägen, Beifall und Orchestralmusik, aber im Grunde allein, denn alle Begleitung hielt sich, um im Bilde zu bleiben, weit vor der Barriere. Diese Leistung wäre unmöglich gewesen, wenn ich eigensinnig hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend festhalten wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch. Dadurch verschlossen sich mir aber ihrerseits die Erinnerungen immer mehr.

Die Erinnerungen an seine frühere Einstellung sind durch die Erziehung zum Zeugen Jehovas und die Selbstverleugnung verschüttgegangen. Auch diejenigen, die ihm geholfen haben, ein Zeuge Jehovas zu werden, haben ihn auf dem Weg gar nicht begleitet, da sie sich ja in das Denken von „Weltmenschen“ gar nicht hineinversetzen können.

Bald keine Rückkehr mehr zum früheren Leben

War mir zuerst die Rückkehr, wenn die Menschen gewollt hätten, freigestellt durch das ganze Tor, das der Himmel über der Erde bildet, wurde es gleichzeitig mit meiner vorwärts gepeitschten Entwicklung immer niedriger und enger; wohler und eingeschlossener fühlte ich mich in der Menschenwelt; der Sturm, der mir aus meiner Vergangenheit nachblies, sänftigte sich; heute ist es nur ein Luftzug, der mir die Fersen kühlt; und das Loch in der Ferne, durch das er kommt und durch das ich einstmals kam, ist so klein geworden, daß ich, wenn überhaupt die Kräfte und der Wille hinreichen würden, um bis dorthin zurückzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden müßte, um durchzukommen.

Zu Beginn wäre die Rückkehr noch möglich gewesen (wenn die Menschen gewollt hätten). Aber durch die vorwärts gepeitschte Entwicklung wurde das Tor zum Rückweg immer enger. Man muss diesen Weg einfach weitergehen. Dann lebt man in einer neuen Welt, in der die alte Welt kaum noch als Erinnerung existiert. So ist es eben, wenn man ein Zeuge Jehovas wird. Man kann eigentlich gar nicht mehr anders als hierbleiben. Wie kam es eigentlich dazu, dass er den Weg, ein Zeuge Jehovas zu werden, betrat? Was war die Ausgangslage?

Werdegang eines Zeugen Jehovas

Wie alles anfing

In der Geschichte wird nun die Ausgangslage des Affen sehr negativ beschrieben. Er wurde angeschossen und in einen engen Gitterkäfig gezwängt. Meistens beginnt der Werdegang eines Zeugen Jehovas mit einer Lebenskrise. Man merkt, dass das bisherige Leben keine Perspektive mehr zu bieten hat und sucht nun nach einem Ausweg. Die Schüsse könnten hier auch für die Gewalt der Menschenherrschaft stehen, unter der wir geraten sind. Sie nimmt uns unsere Freiheit und wir brauchen einen Ausweg. Nicht, dass man auf der Suche nach Freiheit gewesen wäre. Es muss einfach ein Ausweg sein, damit wir wieder glücklich sind, ein lohnendes Ziel etwa.

Dann lernt man die Zeugen Jehovas kennen. Die Gemeinschaft mit den Zeugen brachte dann Ruhe in das Leben. Sie werden als gute Menschen, trotz allem, beschrieben, die oft scherzen. Sie hatten im Mund immer etwas zum Ausspeien. Zeugen Jehovas reden oft darüber, was in der Welt und den Religionen verkehrt ist und verworfen werden muss. Und bei den Zeugen fand er den Ausweg, den er suchte.

Einwilligung in ein Bibelstudium

Zu Beginn galt es, den Handschlag zu geben. Man willigt in ein Studium ein. Da man einen Ausweg aus der Lebenskrise sucht, macht man weiter, will ein Zeuge Jehovas werden, der zumindest das Gefühl hat, frei zu sein und etwas erreicht zu haben, was andere Menschen nicht erreichen.
Später, wenn man ein Zeuge geworden ist, ist man gerne bereit, über all seine früheren Laster und Lebenskrisen zu reden (Hosen ausziehen). Das darf nicht falsch verstanden werden, denn man ist ja von diesen Dingen geheilt worden.

Ermahnungen des Lehrers

Zwei Dinge, die er lernen müsste, werden erwähnt. Das Erste, die Pfeife rauchen. Das ist natürlich sinnbildlich zu verstehen. Das Rauchen steht für ein Gefühl der Freiheit, auch die Freiheit, andere zu beurteilen:

Und zur Ehre meines Lehrers: er war mir nicht böse; wohl hielt er mir manchmal die brennende Pfeife ans Fell, bis es irgendwo, wo ich nur schwer hinreichte, zu glimmen anfing, aber dann löschte er es selbst wieder mit seiner riesigen guten Hand; er war mir nicht böse, er sah ein, daß wir auf der gleichen Seite gegen die Affennatur kämpften und daß ich den schwereren Teil hatte.

Der Interessierte wird manchmal ernstlich ermahnt und wenn er keinen Fortschritt macht, stellt man auch die Drohung auf, das Studium abzubrechen und dass er so nie die Gunst Jehovas erhält. Aber man weist dann auch wieder auf die Langmut Jehovas hin und macht weiter. Oft studiert oder besser gesagt, bearbeitet man einen Interessierten viele Jahre lang, bevor er sich dann taufen lässt. Oft werden viele Anläufe gemacht mit vielen verschiedenen Lehrern, die sich um ihn bemühen.

Passe dein Denken kritiklos an die begeisternden Lehren an

Eine Sache, mit der er sich besonders lange schwertat, war das richtige Trinken aus der Schnapsflasche. Auch dies ist natürlich sinnbildlich zu verstehen. Der Schnaps veranschaulicht das Erlangen von geistiger Trunkenheit. Man ist berauscht von der geistigen Belehrung. „Wir sind in der Wahrheit“, ruft man freudestrahlend aus. Der Interessierte soll schließlich von der geistigen Speise so begeistert sein, dass er nichts mehr kritisiert, sondern alles völlig logisch und richtig findet.

Auch das ist oft ein langer Weg. Er ist kritisch, kann manches an den Lehren nicht akzeptieren, schlägt zornig manche Ratschläge in den Wind oder möchte einfach nicht so denken, wie ein Zeuge Jehovas zu denken hat. Dann bemüht man sich lange Zeit um ihn, gibt nicht auf. Und schließlich, wenn er anfängt, Lehren zu akzeptieren und Ratschläge umzusetzen, freut sich sein Lehrer riesig.

Der Lehrer zeigt ihm, wie man es macht:
… und nun weit die Flasche von sich streckend und im Schwung sie wieder hinaufführend, trinkt er sie, übertrieben lehrhaft zurückgebeugt, mit einem Zuge leer. Ich, ermattet von allzugroßem Verlangen, kann nicht mehr folgen und hänge schwach am Gitter, während er den theoretischen Unterricht damit beendet, daß er sich den Bauch streicht und grinst.

Er gibt mit Begeisterung den indoktrinierenden Lesestoff wieder, zeigt durch überzeugendes argumentieren, wie großartig und herrlich die Lehren sind und wie sehr dadurch alle geistigen Bedürfnisse befriedigt werden und man so zufrieden und glücklich wird. Und dann ist natürlich er an der Reihe. Auch er muss dahin kommen, den Lesestoff mit so großer, uneingeschränkter Überzeugung zu vertreten und darin die volle Befriedigung zu finden. Glücklich ist der Mensch erst, wenn er sein eigenes logisches Denkvermögen so manipuliert hat, dass es mit der offiziellen Lehre übereinstimmt.

Übe entwürdigende Kritik, denn wir sind Sünder

Das gegenseitige Anspeien ist natürlich auch sinnbildlich zu verstehen. Man übt Kritik gegeneinander. Da wir ja alle voller sündiger Neigungen sind (die Affennatur), müssen wir uns auch gegenseitig kritisieren. Nur die Organisation und das System werden niemals kritisiert. Man hat großen Respekt vor der Organisation und ihrer Leitung, aber keinen gegenseitigen Respekt. Dass der Affe sein Gesicht wieder sauber leckt, der Lehrer aber nicht, deutet an, dass der Lehrer eben schon ein „Hungerkünstler“ ist, der Schüler noch nicht (siehe die Geschichte „Ein Hungerkünstler“).
Natürlich ist ein Interessierter, der noch nicht genug Fortschritte gemacht hat, kein guter Umgang. Er hat sozusagen „Flöhe“, die überspringen könnten. Das ist für den Lehrer zwar beklagenswert, doch nimmt man es hier als unvermeidliches und zu akzeptierendes Berufsrisiko hin.

Geschafft, es gibt sowieso keine Alternative

Der Interessierte lernt schließlich, seinen Lehrer nachzuahmen. Dies macht er, weil er nur so einen Ausweg findet. Man wüsste nicht, welche Alternative man sonst hätte. Es geht ihm nicht um Freiheit. In der Erzählung, „Ein Landarzt“ bestand das Problem darin, dass das „Pferd“ fehlte. Nur der Pferdeknecht bot eines an. Und so schließt man sich der Organisation an und ahmt die Lehrer der Organisation nach. Und scheinbar wird dadurch ein großartiges Ziel erreicht: die Menschwerdung eines Affen!

einlandarzt

Die inspirierte Geschichte "Ein Landarzt" von Franz Kafka beschreibt in Symbolsprache, wie ich ein Zeuge Jehovas wurde und was ich dann erlebte!