Ein Landarzt – Meine Geschichte

In der von Kafka aufgeschriebene Geschichte „Ein Landarzt“ erkannte ich meine eigene Geschichte. Darum kann ich diese Erzählung sehr detailliert kommentieren. Eigentlich bin ich Wissenschaftler und schrieb gerade an meiner Doktorarbeit. Ich wollte neue Erkenntnisse gewinnen, die am Ende auch von Nutzen für andere Menschen oder für die ganze Menschheit sein sollten. Doch ich fragte mich, auf welchem Forschungsgebiet könnte ich zukünftig arbeiten?
Online Lesemöglichkeit des Kafka-Textes z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/erzaehlg/chap010.html

Neuorientierung nach meiner Doktorarbeit

In dieser Zeit besuchte ich einen Englischkurs im Tagungs- und Bildungszentrum Irsee, um mein schlechtes Englisch aufzubessern. In den Pausen konnte man eine angegliederte Klosterkirche besichtigen. Es war so, wie wenn uns für diese Tage das Kloster gehören würde. Durch diese besondere Stimmung, die dadurch entstand, dachte ich tief über die Geschichte der Religion nach. Ich merkte, dass die Menschen früher viel Eifer in Verbindung mit ihrem Glauben gehabt hatten, sodass sie sehr viel taten, Kirchen und prunkvolle Kloster bauten und ein Gott hingegebenes Leben führten. Warum taten sie das? Was ist aus der Religion und ihrem Glauben geworden, wenn ich an die ganze Heuchelei der Kirchen denke. Ein Irrenhaus? Immerhin wurde es in der Vergangenheit zu einem Sanatorium umfunktioniert und heute finden in dem Gebäudekomplex eben solche Kurse statt.

Wie sehr wurde doch der Glaube der Menschen durch die Herrschenden ausgenutzt. Sie wurden nur ausgebeutet. Aber müsste da nicht ein Schatz versteckt sein? Denn wo der Schatz ist, müssen die Diebe sein und wo die Diebe sind, da muss es auch einen Schatz geben.

Mein neues Forschungsgebiet

Danach lernte ich durch eine Glaubensschwester, die mich zusammen mit einer anderen Schwester besuchte, die Bibel und ihre Verheißungen kennen. Ich lernte, dass ihre Prophezeiungen sich heute erfüllen, dass wir heute, seit 1914, in den letzten Tagen leben. Wie wichtig ist doch diese Erkenntnis! Die ganze Menschheit steht vor dem Abgrund. Man hat Atomwaffen aufgehäuft, die im Falle, dass sie im Krieg zum Einsatz kommen, jedes menschliche Leben auslöschen könnten. Man beutet die Erde aus, gräbt in kürzester Zeit die ganzen Rohstoffe aus und macht das Ökosystem kaputt.

Viele Wissenschaftler glauben durchaus, dass die Menschheit vor dem Abgrund steht. Aber wenn diese Dinge, die heute geschehen, vorausgesagt wurden, aufgeschrieben in einem Buch, das vor Tausenden von Jahren entstand und dadurch bewiesen wird, dass es einen Gott gibt, der die Zukunft und seinen Vorsatz voraussagt, dann ist das wirklich von entscheidender Wichtigkeit! Das müssten alle Menschen zur Kenntnis nehmen und man müsste sich unbedingt weiter damit befassen!

Daraus ergab sich dann mein neuer Forschungsauftrag, der sogar direkt damit in Verbindung stand, andere Menschen zu helfen, so wie mir die Glaubensschwester zu der Erkenntnis verholfen hat. Und es ging darum, weiterzuforschen, wie sich heute biblische Prophezeiungen erfüllen. Was hat es mit der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas auf sich, wollte ich wissen.

Ein Problem ergab sich

Doch nun entstand ein Problem. Wie soll ich weiter vorgehen? Wo ist meine Arbeitsstätte oder mein Büro? Wo kann ich meine Forschungsergebnisse veröffentlichen? Wer würde auf mich hören, wenn ich als Einzelperson auftrete? Seither war die Universität meine Forschungsstätte. Aber nun? Ich habe nie gehört, dass gelehrte und studierte Leute die Bibel als prophetisches Wort verstanden haben, das gerade jetzt, in dieser Zeit, in Erfüllung geht! Kein Forschungsinstitut und keine Uni würde sich mit diesem Thema abgeben. Denn es herrscht eine Übereinkunft, dass Wissenschaft nichts mit Gott oder mit von Gott inspirierten Schriften zu tun hat. Man kann sich zwar mit der Bibel befassen, ihre Ursprachen studieren. Aber das nur als Wissenschaft ohne Gott, ohne eine Inspiration anzunehmen.

So erklären jene Bibelgelehrte, dass das Bibelbuch Jesaja gleich von mehreren Personen geschrieben wurden. Man redet von einem Deuterojesaja oder gar von Patchwork. Warum? Weil man nicht in Betracht zieht, dass ein Jesaja die Geschichte Israels Jahrhunderte im Voraus schreiben konnte, weil er von Gott inspiriert wurde. So etwas wird noch nicht einmal als Hypothese in Betracht gezogen.

Meine Situation glich die des Landarztes in Kafkas Geschichte

Nun also, was sollte ich tun? Ich war in großer Verlegenheit.
Es ist wie die Situation des Landarztes, der durch seine Nachtglocke einen Ruf zu einem Schwerkranken erhalten hatte, aber nicht weiß, wie er da hinkommt, weil das Pferd fehlt. Das eigene Pferd ist in dem eisigen Winter verendet. Dann kommt in der Geschichte das Dienstmädchen Rosa vor, die ihm behilflich war und der „ekle Pferdeknecht“ im Schweinestall, der ihm aber das fehlende Pferd anbot.

Ich bin in diesem Fall der Landarzt, weil ich ja andere Menschen helfen wollte und nun eine wichtige Aufgabe darin sah, die Menschen auf die Bibel aufmerksam zu machen. Das Dienstmädchen Rosa ist die Glaubensschwester, die mir die Bibel erklärt hat. Das fehlende Pferd stellt meine Situation dar, nicht zu wissen, wie ich mich einbringen könnte, wo ich forschen und lehren könnte. Die Glaubensschwester wollte, dass es weitergeht und sie brachte dann einen Ältesten zum Bibelstudium mit. Er vertritt ja eine Organisation, die mir vielleicht das fehlende Pferd liefern könnte.

Doch für mich war die Organisation zweifelhaft. Auch die Kirchen der Christenheit waren für mich wegen ihrer Wissenschaftsfeindlichkeit und ihrer Heuchelei völlig verkehrt. So konnte sie mir kein „Pferd“ beschaffen. Ich hatte deshalb schon lange nichts mehr mit der Kirche oder der organisierten Religion zu tun. Sie wurde für mich eben ein „unbenutzter Schweinestall“. Die Glaubensschwester „schwenkte mit der Laterne“, indem sie mir das geistige Licht aus der Bibel zeigte.

Eine zweifelhafte Lösung

Doch in meiner Verzweiflung ließ ich mich auch auf den Ältesten ein, denn er schien ja überzeugt und willig, mir das fehlende Pferd zu beschaffen. In den Gesprächen warf ich die Frage auf, wie das sein könnte, dass bei der Sintflut die ganzen Berge bedeckt gewesen wären. Das wäre ja ein Meeresspiegel über 8000 m höher als heute. Das ist doch nicht möglich! Er meinte, die Berge hätten früher so dich nebeneinandergestanden, dass dazwischen sehr wenig Platz gewesen sei, sodass verhältnismäßig wenig Wasser genügt hätte. Nach dieser unsinnigen Antwort hörte ich auf, ihm weiter Fragen zu stellen.

Es war so, wie es in der Geschichte auf sinnbildliche Art beschrieben wurde. Ein Schweinestall (die organisierte Religion) und extrem niedrig, was das eingeschränkte Denkvermögen veranschaulicht. Aber es wurde mir auf der anderen Seite klar, dass die Organisation mir immerhin das fehlende Pferd liefern könnte. Ich könnte als getaufter Glaubensbruder aktiv sein, um anderen die Botschaft aus der Bibel zu bringen. Jedenfalls schien die Sache alternativlos zu sein. Ich sah keinen anderen Ausweg:

Erfahrungen mit dem Ältesten

„Hilf ihm“, sagte ich, und das willige Mädchen eilte, dem Knecht das Geschirr des Wagens zu reichen. Doch kaum war es bei ihm, umfaßt es der Knecht und schlägt sein Gesicht an ihres. Es schreit auf und flüchtet sich zu mir; rot eingedrückt sind zwei Zahnreihen in des Mädchens Wange. „Du Vieh“, schreie ich wütend, „willst du die Peitsche?“, besinne mich aber gleich, daß es ein Fremder ist; daß ich nicht weiß, woher er kommt, und daß er mir freiwillig aushilft, wo alle andern versagen.

Anfangs brachte die Glaubensschwester, die mir schon seit Wochen in vielen Gesprächen die Bibel verständlich gemacht hatte, den Ältesten mit. Doch der Älteste fiel ihr dann immer wieder ins Wort, ließ sie nicht ausreden und riss alle Initiative an sich. Sie schaute zu mir, wie wenn sie mich um Hilfe bitten wollte. Ich war auch empört und fand sein Verhalten gegenüber der Glaubensschwester, die sich schon so viel Mühe gegeben hatte, sehr ungerecht. Am liebsten hätte ich geschrien: „Willst du die Peitsche?“ Dies aber nur in Gedanken. Es war so, wie in Kafkas Erzählung. Ich musste das irgendwie hinnehmen, da ich sonst ja keine Möglichkeit gesehen habe. Später hat der Älteste sie gar nicht mehr mitgenommen, sondern kam mit anderen Dienstpartnern zu mir.

Doch wie sollte es weitergehen? Die Glaubensschwester hat mir die Dinge auf rechte Weise erklärt und es war geistig für mich so, wie wenn sie mit mir im gleichen Haus wohnt. Der Älteste war für mich hingegen ein Fremder. Für die Glaubensschwester wohl nicht, denn in der Geschichte macht sie die Bemerkung: „Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause vorrätig hat“.

Das Dienstmädchen

Die Rolle des Dienstmädchens

In der Geschichte war die Rosa mein Dienstmädchen in einem gemeinsamen Haus und ich fand den Pferdeknecht. Man könnte nun Folgendes einwenden: In Wirklichkeit gehörten doch der Pferdeknecht und die Rosa zusammen, da sie beide Zeugen Jehovas waren, und sie war eher das Dienstmädchen des Pferdeknechts, eines Ältesten, und sie brachte ihn mit. Das passt nicht mit der Geschichte zusammen. Dazu muss man Folgendes beachten:

Sie konnte mir helfen, die Dinge zu verstehen und mein Dienstmädchen sein, weil sie von den Regeln der Organisation abwich! Schon die ersten einleitenden Worte (von einer anderen Glaubensschwester) war eine Abweichung. Sie erklärten mir, dass wir seit 1914 in den letzten Tagen leben. Beachtet man die vielen Ratschläge der Organisation, wie man ein Gespräch beginnen kann, sucht man diese Einleitung vergeblich. Kein Gesprächsvorschlag beginnt mit dem Thema „Letzte Tage seit 1914“!

Als ich die Rosa aufgefordert hatte, die Beweise zu liefern, ging sie darauf ein und erklärte mir auf mein Beharren hin diese Dinge gleich dreimal. Dann fädelte sie unauffällig ein systematisches Bibelstudium ein, ohne die von der Organisation kommende monotone Vorgehensweise zu verwenden, die darin besteht, dass man einen Absatz liest, die angegebenen Bibeltexte aufschlägt, die vorgegebene Frage liest und beantwortet.

Durch ihre Abweichung konnte sie mich zum Nachdenken anregen, sodass ich die biblische Wahrheit im weiteren Verlauf bei eigenem Nachdenken auf meinen Spaziergängen verstand. Dadurch ist sie mein Dienstmädchen geworden. Sie konnte mir so mit der Laterne leuchten, aber das fehlende Pferd war auf dieser Basis nicht aufzutreiben. Dazu bedarf es den Pferdeknecht, der natürlich zu allen Regeln zurückkehrte, mir ganz sicher nichts verständlicher machen konnte, aber eben das fehlende Pferd durch die Organisation besorgen konnte. Und es war ja meine Entscheidung, in Erwägung dieser Dinge, den Pferdeknecht zu akzeptieren.

Das Verhalten des Dienstmädchens

Nachdem ich mich also auf den Ältesten eingelassen hatte und schon damit beschäftigt war, manche Anpassungen vorzunehmen, um die von ihm aufgestellten Bedingungen gerecht zu werden, war ich dennoch fest entschlossen, meinen eigenen Weg zu gehen:

„Steigt ein“, sagt er dann, und tatsächlich: alles ist bereit. Mit so schönem Gespann, das merke ich, bin ich noch nie gefahren und ich steige fröhlich ein. „Kutschieren werde aber ich, du kennst nicht den Weg“, sage ich. „Gewiß“, sagt er, „ich fahre gar nicht mit, ich bleibe bei Rosa.“ „Nein“, schreit Rosa und läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit ihres Schicksals ins Haus; ich höre die Türkette klirren, die sie vorlegt; ich höre das Schloß einspringen; ich sehe, wie sie überdies im Flur und weiterjagend durch die Zimmer alle Lichter verlöscht, um sich unauffindbar zu machen.

„Du fährst mit“, sage ich zu dem Knecht, „oder ich verzichte auf die Fahrt, so dringend sie auch ist. Es fällt mir nicht ein, dir für die Fahrt das Mädchen als Kaufpreis hinzugeben.“ „Munter!“ sagt er; klatscht in die Hände; der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in die Strömung; noch höre ich, wie die Tür meines Hauses unter dem Ansturm des Knechtes birst und splittert, dann sind mir Augen und Ohren von einem zu allen Sinnen gleichmäßig dringenden Sausen erfüllt.

Interessant ist, dass der Pferdeknecht mit dem Wort „steigt ein“ (Mehrzahl) zuerst andeutet, dass Rosa, das Dienstmädchen, mitfährt. Erst nach dem Einwand des Landarztes, selbst fahren zu wollen, bringt er beiläufig durch sein Wort „ich bleibe bei Rosa“ zum Ausdruck, dass sie nicht mitfahren würde. Sie hätte da bleiben können und der ersten Aufforderung, einzusteigen, nachkommen können. Erst durch ihre Reaktion, ins Haus zu rennen und sich unauffindbar zu machen, gerät sie in die Gewalt des Pferdeknechtes, vor der sie sich schützen möchte.

Und so war es auch in Wirklichkeit. Es schien mir, wie wenn sich die Glaubensschwester verstecken würde. Ich sah sie lange Zeit nicht. Ich ließ mich taufen, aber es gab weiterhin kaum Gelegenheit, Kontakt zu ihr zu haben. Es war nicht wegen einer räumlichen Trennung, denn später wohnte ich sogar dort ganz in der Nähe, wo sie arbeitete. Aber sie war trotzdem kaum auffindbar. Es war wie durch eine Absprache mit den Ältesten verursacht. Stattdessen hätte sie in geistigem Sinne bei mir und der Abweichung von den Regeln, das Beharren auf Eigenständigkeit, bleiben können.

Meine Einstellung zu den Ältesten

Schon damals waren die Ältesten in meinen Augen Betrüger. Sie nutzen die Tatsache aus, dass man keine Alternative weiß, als das mitzumachen, was sie verlangen, um sich taufen lassen zu können. Sonst wäre man allein, wüsste nicht, was man dann für die neu gewonnene Erkenntnis und den Glauben tun könnte. Bevor man sich taufen lassen kann, geht man oft mehr als ein Jahr lang ein kleines Büchlein absatzweise mit ihnen durch. Es ist total langweilig und bringt gar nichts, da man so ein kleines Buch in wenigen Tagen durchlesen kann und dann schon alles weiß.

Aber nachdem sie sich ja auch selbst unnötigerweise die Zeit genommen hatten, stellen sie sich als die großartigen Helfer und Vermittler des Glaubens und eines guten Verhältnisses zu Jehova dar. Man hätte ihnen einfach so viel zu verdanken und schulde ihnen weiterhin auf Dauer Gehorsam.

Dies wird noch dadurch verstärkt, dass man gewisse äußerliche Änderungen vorgenommen hatte. Ich hatte zum Beispiel meinen Vollbart abrasiert. Wieder wird es so dargestellt, wie wenn solche Dinge aus mir einen anderen Menschen gemacht hätten, wie wenn ich erst durch das Befolgen ihrer Richtlinien für Jehova annehmbar wurde oder sozusagen von einem Affen zu einem Menschen wurde. Mehr Einzelheiten werden in der Geschichte „Ein Bericht für eine Akademie“, erklärt.

Und so verlangen sie dauerhaften und nie endenden Gehorsam. Und sie behalten sich das Recht vor, zu behaupten, man sei kein Zeuge Jehovas mehr, wenn man ihnen nicht ständig ergeben bleibt. Aber in Wirklichkeit haben sie gar nichts beigetragen. Das, was meine neue Erkenntnis und meinen Glauben eingebracht hatten, waren die Erklärungen der Glaubensschwester und mein Nachdenken darüber. Als ich dann den Entschluss gefasst hatte, diese Dinge ernst zu nehmen und einen neuen Weg einzuschlagen, hatte ich noch mit keinem Ältesten gesprochen und noch keine Zusammenkunft oder Kongress besucht!

Mein Vorsatz

Mir war klar, dass man die Anmaßung der Ältesten schließlich zurückweisen muss, nur wann? Ich war zornig wegen ihres Verhaltens gegenüber der Glaubensschwester. Aber ich wollte erst einmal alles genau prüfen, alle Fakten ermitteln. Ich ging nach dem Grundsatz vor, am Anfang steht die Unschuldsvermutung und im Zweifelsfall für den Angeklagten. So blieb ich erst einmal ganz gehorsam und ohne mich übermäßig kritisch zu äußern. Auch hier sah ich kaum einen anderen Weg.

Aber ich beobachtete sehr genau und analysierte die Dinge, die ich in Erfahrung bringen konnte, um schließlich alle Beweise zu bekommen.
Ich wusste, dass die Kompromisse, die ich eingehen musste, unglücklich und irgendwie verkehrt sind und eine Richtigstellung fordern. Wenn die Zeit dann reif ist, dann werde ich den Ältesten schließlich widersprechen müssen und all den Betrug entlarven und verurteilen müssen. Das wollte ich auch für die Glaubensschwester tun, denn ich merkte schon durch ihre Körpersprache, dass sie es schwer hat und leidet. In allem war sie für mich Antrieb und Motivation.

Schlimme Erlebnisse

Erfahrungen des Dienstmädchens

Später, als ich im Bethel, dem Zweigbüro der Zeugen Jehovas war, erfuhr ich, was sie bei ihrem Auslandsaufenthalt, bei dem sie auf eigene Kosten missionarisch tätig war und das schon etliche Jahre, durchmachen musste. Sie wurde von den Ältesten in verleumderischer Art und Weise angeklagt und erhielt eine sogenannte Zurechtweisung, wobei sie den ganzen Tag verhört wurde, ohne etwas zu Essen zu bekommen, wie sie mir später erzählt hat. Ein halbes Jahr lang blieb sie dort in diesem Zustand, in dem sie Strafauflagen befolgen musste. Dann gab es noch mal ein schlimmes unversöhnliches Gespräch mit ihnen, worauf sie fluchtartig das Land verließ.

Ich wollte ihr helfen und machte ein Fotoalbum für sie, das ich in ihrer Versammlung zum Unterschreiben herumreichte. Durch Bilder mit Beschreibung und Bibeltexte legte ich dar, dass schlechte Erfahrungen mit Ältesten nichts anderes als Verfolgung bedeutet und von Jehovas Widersacher, Satan den Teufel ausgeht und nicht unehrenhaft, sondern ehrenhaft für den Verfolgten ist, da Jehova ihn belohnen wird. Sie wurde gerade ein zweites Mal zurechtgewiesen.

Meine Erfahrungen und Überlegungen in der Versammlung

Meine Erfahrungen in der Versammlung der Zeugen Jehovas war dann genau so, wie sie in Kafkas Geschichte beschrieben werden. Auf der einen Seite war man willkommen und der Umgang war recht locker. Gleichzeitig war es wegen der beschränkten Denkweise einiger Glaubensbrüder oft kaum zu ertragen. Viele waren träge, in der monotonen Routine gefangen. Viele kamen mir lau vor. Ich dachte, dass ihnen vor allem echter Eifer und Wertschätzung mit Begeisterung für die biblische Wahrheit fehlte. Hier war wieder Rosa, die Glaubensschwester, mir ein Vorbild. Sie war voller Eifer. Ihre Worte hatten Überzeugungskraft.

Die Organisation freilich bemüht sich sehr, mithilfe vieler Appelle, den Eifer anzufachen. So war das Urteil über den „Patienten“: Der Junge ist gesund, ein wenig schlecht durchblutet, von der sorgenden Mutter [die Organisation] mit Kaffee durchtränkt, aber gesund und am besten mit einem Stoß aus dem Bett zu treiben.

Außerdem sind sie wie der Junge in der Geschichte, der keine ärztliche Hilfe wünscht, sondern lieber sterben wollte. Sie wollen alle so bleiben, wie sie sind und sich nicht korrigieren lassen. Sie wollen nichts dazulernen.

In dieser Situation fragt man sich, was man hier eigentlich zu tun hat. Es ist doch zwecklos. So möchte man nun gerne handeln und die Dinge richtigstellen und nicht weiter seine Zeit verschwenden. Doch man weiß nicht, wie man hier abspringen kann. Dann wird die Sache noch kritischer. In der Geschichte wird der Pelz, der für die Bewahrung einer gewissen Distanz und der eigenen Würde steht, wird dem Landarzt abgenommen.

Meine Machtlosigkeit

Ich merkte, dass ich nicht viel tun kann, denn ich muss mich ja selbst immer an die Regeln der Ältesten halten. Es ist, wie wenn man ein behäbiger Beamter wäre. Aber man macht alles unentgeltlich. Im Bethel hat man nur Kost und Logis und ein Taschengeld. Die Arbeit ist wegen der Regeln und des Gehorsamsanspruchs der Aufseher sehr ineffektiv. Aber man tut sozusagen seine Pflicht. So erkennt man immer wieder, dass die eigenen Bemühungen ziemlich nutzlos sind. Besonders als ich über die schlechten Erfahrungen der Glaubensschwester gehört hatte, wollte ich ihr helfen und sie aus dem Unrecht irgendwie herausholen.

Doch dann ergeben sich neue Erfahrungen. In der Geschichte erkennt der Landarzt, dass der Junge doch krank ist. Er sieht eine rosa Wunde und darin fingerdicke Würmer kriechen. Es ist kein Zufall, dass die Farbe „Rosa“ an den Namen des Dienstmädchens erinnert:

In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend hat sich eine handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen, dunkel in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit ungleichmäßig sich aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. … Würmer, an Stärke und Länge meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht. … die Schwester sagt’s der Mutter, die Mutter dem Vater, der Vater einigen Gästen, die auf den Fußspitzen, mit ausgestreckten Armen balancierend, durch den Mondschein der offenen Tür hereinkommen. „Wirst du mich retten?“ flüstert schluchzend der Junge, ganz geblendet durch das Leben in seiner Wunde.

Meine Erlebnisse mit Rosa

Es war, als ich mit Rosa in Briefkontakt war und sie von einer befreundeten Glaubensschwester erfuhr, dass der noch nicht getaufte „Interessierte“, den ich betreute, zu seinem Geburtstag für seine Arbeitskollegen etwas ausgab. Das hätte er nicht tun sollen, denn Jehovas Zeugen feiern keinen Geburtstag und er wollte ja einer werden. Ich hätte ihn zur Rede stellen sollen, damit drohen, mich nicht mehr um ihn zu kümmern, jede Freundschaft aufzukündigen, wenn er so etwas Schlimmes tut.

Von da an hatte ich ständig Streit mit ihr, zumal ich mich auch von der Glaubensschwester distanzierte, die hinter meinem Rücken Schlechtes über den „Interessierten“ erzählt hatte. Diese Schwester, die die Arbeitskollegin des Interessierten war und ursprünglich ihn dazu bewegte, ein Bibelstudium zu beginnen, hatte ständig sehr viel an ihm auszusetzen. Sie verhielt sich so, wie „eine kleine Frau“ von Franz Kafka aufgeschrieben.

Und wie in der Geschichte, war er sozusagen ein Gast, der auf Fußspitzen ging. Er wollte ja ungetaufter Verkündiger werden, aber die Ältesten sahen zu viele Mängel an ihm. Das lag natürlich auch an der Schwester, die ständig nachteilig über ihn redete. So kam er nicht weiter und: „Werde ich ihm helfen können (in Richtung Taufe und damit zur Rettung)?“ Diese Frage musste er sich wohl gestellt haben. Sein Vertrauen zu mir konnte nicht groß sein, da ich auch völlig machtlos dastand und die Arbeitskollegin und Glaubensschwester, die sich mit Rosa befreundet hatte, dann auch einen Keil zwischen mir und Rosa trieb. Die Tür war für den Gast ja offen. Der Mondschein in Kafkas Geschichte steht für den Einfluss und die Macht der Ältesten (Mond).

Nach einem Hirtenbesuch

Dann, zweieinhalb Jahre später, hatte ich einen Hirtenbesuch von zwei Ältesten bekommen. Einer von ihnen war ungefähr 25 Jahre jünger als ich. Sie hatten mir geraten, doch den sogenannten Sporttreff der Versammlung zu besuchen. Es gab in der Versammlung einmal in der Woche so ein Treffen zum gemeinsamen Sporttreiben. Das hat mit der Anbetung zwar nichts zu tun, wurde aber geradezu halboffiziell wie eine theokratische Veranstaltung betrachtet. Denn auch einige Älteste und Dienstamtgehilfen wirkten bei der Organisation dieser Treffen mit.

Als ich der Rosa nun schrieb und mich etwas spöttisch über die Ideen der Ältesten äußerte, war das in ihren Augen böse. Ich sollte Respekt haben vor Älteste und der Einrichtung des Hirtenbesuchs. Jehova hat bestimmt diesen Besuch veranlasst, damit ich durch den Rat wieder auf den rechten Weg komme. Dann wollte sie keinen weiteren Briefkontakt mehr. Als ich dann erst ein dreiviertel Jahr später wieder einen Brief schrieb, reagierte sie mit der Forderung, zu einem Ältesten meiner Wahl zu gehen, um ihm alle meine Gedanken, die ich ihr in den Briefen schrieb, mitzuteilen.

Sie gab mir eine Frist und schickte dann selbst einige Briefe an die Ältesten der Versammlung mit zum Teil ziemlich vertraulichem Inhalt. Sie schickten sie ans Bethel weiter. Zwei Älteste, einer aus der Versammlung und der Abteilungsaufseher, führten dann Gespräche mit mir. Sie fragten, ob ich ein Prophet sei. Dann erklärten sie mir, dass man der Organisation nicht vorauseilen darf und wie wichtig Loyalität gegenüber der Organisation ist.

Krank durch Indoktrination

Durch diese Erfahrung änderte sich nun das Bild. Mir wurde klar, was die Indoktrination durch die ständige Belehrung auch bei der Rosa angerichtet hatte. War sie vorher mein Vorbild, sah ich sie jetzt krank durch Indoktrination.

Das fängt mit einer sich ständig wiederholenden Belehrung an. Sie wird auf logische und einleuchtende Art und Weise gegeben, sodass man fast ganz (im spitzen Winkel) damit einiggeht. Und das ist das Gefährliche. In der Geschichte heißt es: „Im spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke geschaffen. Viele bieten ihre Seite an und hören kaum die Hacke im Forst, geschweige denn, daß sie ihnen näher kommt.

Man verinnerlicht sich den sich ständig wiederholenden Appell. Dazu gehört die Forderung, dass ein Glaubensbruder mit Gedanken, die nicht ganz auf Linie sind, zu den Ältesten gehen sollte, um seine abweichenden Gedanken zu „beichten“ und sich „helfen zu lassen“. Nachdem man sich diese Regeln verinnerlicht hat, führen sie ein Eigenleben. Sie sind wie die Würmer in der Wunde und führen zu solchen Handlungen, wie sie die Rosa begangen hat. Die meisten merken gar nicht, wie sie dadurch irregeführt werden. Sie sind arglos und bieten sozusagen ihre Seite an.

Bearbeitet durch Älteste

Doch durch die Gespräche mit den Ältesten wurde auch ich „bearbeitet“. Und ich hatte nur die Wahl, entweder den Einsichtigen zu spielen, der sich von den Ältesten „heilen“ lässt, oder aber für unverbesserlich gehalten zu werden, aus dem Bethel geschickt zu werden. Oder sie würden schlimmstenfalls ein Rechtskomitee gegen mich bilden und mich ausschließen.
Es ist wie in der Geschichte:

Und sie kommen, die Familie und die Dorfältesten, und entkleiden mich; ein Schulchor mit dem Lehrer an der Spitze steht vor dem Haus und singt eine äußerst einfache Melodie auf den Text: „Entkleidet ihn, dann wird er heilen, Und heilt er nicht, so tötet ihn! ’Sist nur ein Arzt, ’sist nur ein Arzt.“

Sie würden mich also geistig töten (durch Gemeinschaftsentzug), wenn ich nicht heilen würde, mich also nicht erfolgreich von den Ältesten bearbeiten ließe. In der Geschichte wird der Landarzt dann auf der Seite, wo die Wunde ist, zu dem Patienten ins Bett gelegt. Es leuchtet sicher jedem ein, dass wenn ein Arzt zu dem Patienten ins Bett gelegt wird, der eine ansteckende Krankheit oder ein Parasit hat, der Patient dadurch nicht gesund, sondern der Arzt krank wird.

Und so ist ja auch die Wirklichkeit. Durch das, was man erlebt, hat man keine Möglichkeit jemanden zu Helfen, sich von Indoktrination zu befreien, sondern man wird selber krank, indoktriniert. Eigentlich hatten die ernsten Bibelforscher den Wunsch gehabt, Menschen von Indoktrination, besonders von den furchteinflößenden Lehren der Kirchen, wie etwa die Lehre von der Feuerhölle, zu befreien. Doch dann ist die Glaubensgemeinschaft selbst unter dem Einfluss der Indoktrination geraten.

Befreiung von Indoktrination

Ich war entschlossen, mich von jeder Indoktrination zu befreien. Also sagte ich gar nichts mehr, wurde total verschlossen und befreite mich dann im Denken. Doch die Glaubensbrüder sind wie die Kinder in der Geschichte, die singen: „Freuet Euch, Ihr Patienten, Der Arzt ist Euch ins Bett gelegt!“ Sie glauben, dass der durch Indoktrination bearbeitete Arzt besser ist. Das wird ja auch durch die Bezeichnung „Blume“ für die Wunde hervorgehoben. Es ist wie etwas Schönes, Erstrebenswertes, obwohl man daran zugrunde geht.

Ich studierte intensiv die Bibel, schrieb meine Erkenntnis auf. Das merkten die anderen natürlich nicht, weil ich alles ganz allein im Geheimen tat. Und da ich überzeugt war, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, an dem Babylon die Große fällt, war ich in Aufbruchsstimmung. Doch dann ging es nicht munter voran. Ich musste länger warten, als ich je gedacht hätte. In der Zwischenzeit war ich auch kein Bethelmitarbeiter mehr, da sie ältere durch jüngere Diener ersetzen wollten. Die Erfahrungen in der neuen Versammlung entsprechen denen des „Kübelreiters“, einer anderen Geschichte Kafkas.

Man steht ja als ehemaliger Bethelmitarbeiter auch dumm da, da man finanziell schon keine Möglichkeit hatte, auf einen grünen Zweig zu kommen. Und nun zählt der ganze Dienst, den man im Bethel verrichtet hatte, überhaupt nichts. Es ist, wie die Geschichte es sagt. Man wird von keinem der Glaubensbrüder, denen man als Bethelmitarbeiter und in der Versammlung gedient hatte, mit Würde und Respekt behandelt. Dabei haben Älteste bei ihren Vorträgen stets hervorgehoben, dass Jehova den Vollzeitdienst und auch den Betheldienst sehr segnen würde.

Fazit

Wie in der Geschichte, der Landarzt, komme ich zu dem Schluss, von den Ältesten ständig betrogen zu werden. Für ihre Dienste, die sie als absolut notwendig und ausschlaggebend für ein gutes Verhältnis zu unserem Schöpfer und Lebengeber hinstellen, verlangen sie endlos Gehorsam. Sie verlangen, dass man in Wirklichkeit nicht gottergeben ist, sondern ihnen gegenüber völlige Unterwürfigkeit bekundet und das ein ganzes Leben lang und danach bis in alle Ewigkeit. Denn sie glauben ja, dass sie nach der Auferstehung in der neuen Welt Erdenfürsten sein werden!

Unser Verhältnis zu unserem Schöpfer erklären sie als völlig von ihnen abhängig. Denn sie behalten sich stets das Recht vor, jemanden durch eine kurze Bekanntmachung, die lautet: „… ist ein Zeuge Jehovas mehr“, zu einem geistig Toten zu erklären, für den man noch nicht einmal mehr beten sollte. Und dabei spielt es keine Rolle, wie lange er schon alles tat, was man von ihm verlangt hatte. Das könnten viele Jahrzehnte sein! Er könnte seine ganzen Mittel im Dienst für Jehova, aber eigentlich im Dienst nach Anweisungen der Ältesten, verbraucht haben und dann für geistig tot erklärt werden!

Autor: Bernd Oelschlägel

CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

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einlandarzt

Die inspirierte Geschichte "Ein Landarzt" von Franz Kafka beschreibt in Symbolsprache, wie ich ein Zeuge Jehovas wurde und was ich dann erlebte!