Das Urteil

Kafka-Deutung
Verurteilt zum Tode des Ertrinkens! Sie können alles behaupten, neue Lehren einführen, die völlig unlogisch, unbiblisch und unhaltbar sind. Es regt sich kein Widerstand! Wie Tote schwimmen sie im Fluss der Belehrung durch die leitende Körperschaft. Wie kam es dazu?
Online Lesemöglichkeit des Kafka-Textes z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/erzaehlg/chap025.html

Das Rätsel, das uns die Geschichte Kafkas zu klären hilft

Kein Hinterfragen trotz vieler Änderungen

In der Organisation der Zeugen Jehovas wurden besonders in jüngster Zeit viele und zum Teil grundlegende Lehren geändert. Es gab auch sehr viele organisatorische Änderungen. Gehen eigentlich alle Zeugen Jehovas mit diesen Entwicklungen einig? Warum gibt es niemand, der auch nur vorsichtig sein Veto einlegt? Warum laufen alle scheinbar so überzeugt weiter, obwohl das, was sie gestern noch als „Wahrheit“ vertreten haben, von der leitenden Körperschaft geändert wurde? Warum gibt es keine Diskussionen darüber oder warum hat keiner auch nur einen Gedanken dazu? Warum prüft man nicht die Beweise, um selbst zu erkennen, welches Verständnis nun wirklich das Richtige ist?

Beispiele

Da hat man die Definition des „treuen und verständigen Sklaven“ geändert. Statt die Gesamtheit aller auf der Erde lebenden Geistgesalbten ist es jetzt nur noch die leitende Körperschaft, eine Gruppe von sieben oder acht Personen, die sich mit dieser neuen Lehre nur selbst erhöht hat.
Man hatte immer gelehrt, dass Gog von Magog für Satan, den Teufel steht. Das hat man geändert. Man sagt, er sei ein Zusammenschluss von Nationen. Man erklärt mit Daniel 11:40, dass der König des Nordens wieder Russland sei, obwohl man diesen Text bereits auf die Zeit unmittelbar nach 1914 anwandte. Eigentlich war nur noch die Prophezeiung Daniel 11:44, 45 auf die Zukunft bezogen.

Auch die Organisation war doch eigentlich schon in rechtem Zustand, wie man erläutert hatte (Daniel 8:14; siehe das Buch Die Prophezeiung Daniels – Achte darauf! Kap. 10 S. 177 [9]). Warum dann die vielen Änderungen?
Man ist treulos gegenüber langjährige Vollzeitdiener. „Mache den Betheldienst zu Deinem Lebensweg“, hat man gesagt. Heute schickt man sie einfach grundlos fort und das mit offenkundigen falschen, lügnerischen Begründungen.

Warum fragt man sich nicht, ob das Vorgehen der Ältesten in Rechtsangelegenheiten wirklich das von Jehova gewünschte ist? Und man macht sich auch dann keine Gedanken, wenn man selbst schlimmes erlebt hat oder man von Anklagen vor Gericht hört. Auch dass Jehovas Zeugen in Russland als extremistisch eingestuft wurden, bringt anscheinend kaum jemand unter ihnen zum Nachdenken. Warum ist das so?

In der Vergangenheit tat man doch alles aus eigener Überzeugung, oder?

Ich erinnere mich zurück, wie es vor etwa 25 Jahren war. Gegenüber heute fallen mir da erhebliche Unterschiede auf. Man unterhielt sich oft über die Erklärungen und hinterfragte auch mal etwas. Man sollte ja prüfen wie die Beröer. Doch in jüngster Zeit ist davon keine Spur mehr. Aber alle machen so weiter, wie wenn sie immer noch aus eigener Überzeugung tätig seien und nicht fremdbestimmt sind. Sie scheinen die Änderungen hin zur blinden Gefolgschaft einer Geistlichenklasse gar nicht zu merken. Warum wird das einfach von allen wie selbstverständlich hingenommen und man klatscht in die Hände und preist den „treuen und verständigen Sklaven“?

Da muss doch jemand von denen, die Verstand haben und die schon früher, bevor es die Änderungen gab, die Lehrer waren, Einspruch erheben! Warum tut das keiner? Schließlich hat man ja schon lange verstanden, dass echte Christen denkende Christen sein sollten und keine Laien in einer Kirche, die blind einer als unfehlbar eingestuften Geistlichenklasse hinterherlaufen. Man hatte die Trennung von Geistlichkeit und Laientum als grundlegendes Merkmal für „Babylon die Großen“ begriffen. Wir sollten selbst prüfen, was wahr ist. Wir sollten mutig auch im Widerstand gegen eine Geistlichenklasse für das eintreten, was wir als Wahrheit selbst durch unser Studium und unser Nachsinnen, durch Prüfen der Beweise, erkannt haben.

Welchem Zweck soll der Predigtdienst dienen?

Auch der Predigtdienst sollte ja eigentlich dem Zweck dienen, die Menschen wieder zu echter Gottesfurcht zurückzubringen. In der Resolution auf der internationalen Hauptversammlung der Bibelforscher in Toronto, Kanada (18.-25.07.1927) vorgetragen am 24.07.1927 heißt es auszugsweise:

In dieser Stunde der Verwirrung lässt Jehova Gott an die Völker die Aufforderung ergehen, das System dieses Scheinchristentums oder der „organisierten Christenheit“ aufzugeben, für immer zu verlassen, sich vollständig davon abzuwenden und ihm keinerlei Unterstützung zuzuwenden, worin sie auch bestehen möge, weil es des Teufels Organisation ist; und dass die Völker die Ergebenheit und Unterwürfigkeit ihres Herzens gänzlich Jehova Gott, seinem König und seinem Königreich zuwenden sollen, um volle Freiheit und Gottes Segnungen, die er für sie in Bereitschaft hält, zu empfangen.

Durch unseren Predigtdienst sollen die Menschen also aufgefordert werden, das Scheinchristentum und die organisierte Christenheit zu verlassen. Sie wird klar als des Teufels Organisation kenntlich gemacht. Es sollte sich keine Geistlichenklasse mehr zwischen den Menschen und Jehova Gott schieben können.

Wurde das Ziel erreicht?

Nun aber folgt man wieder in völligem Gehorsam den neuen Lehren und Regeln der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas und es gibt noch nicht einmal einen Hauch von Kritik gegen diese neuen Ideen, obwohl sie auch schlecht begründet wurden. Warum ist das so? Was ist geschehen?
Die Antwort auf diese Fragen wird uns in der von Franz Kafka aufgeschriebenen Geschichte „Das Urteil“ in anschaulicher Art und Weise sinngemäß nahegebracht.

Zusammenfassung der Geschichte „Das Urteil“

Zunächst einmal eine kurze Zusammenfassung der Geschichte:

Der Brief an den Jugendfreund

Der junge, erfolgreiche Kaufmann Georg Bendemann schreibt einen Brief an seinen wenig erfolgreichen Jugendfreund, der vor drei Jahren nach Petersburg ausgewandert ist, um dort eine neue Existenz zu gründen. Er hat ihm schon viele Briefe geschrieben, jedoch nicht ohne eine gewisse Befangenheit. Er wollte es stets vermeiden, mit seinen Worten bei ihm Neid auszulösen oder ihn zu beschämen. Also schreibt er ihm weniger von seinem Erfolg im Geschäft.

Doch nun hat er sich noch verlobt und seine Verlobte drängt ihn, seinen Jugendfreund doch zur Hochzeit einzuladen. Schweren Herzens teilt er ihm am Ende seines Briefes seine Verlobung mit, obwohl er befürchtet, ihn zu beschämen. Denn sein Jugendfreund lebt völlig allein und stellt sich schon auf ein ewiges Junggesellendasein ein.

Georg will mit seinem Vater über den Brief sprechen

In dieser unsicheren Haltung geht er nun zu seinem Vater, um mit ihm darüber zu sprechen. Obwohl er hierzu nur durch einen Gang laufen muss, um zu seinem Vater ins Wohnzimmer zu gelangen, ist er schon lange Zeit nicht mehr bei ihm gewesen. Das heißt aber nicht, dass er nie Kontakt zu seinem Vater haben würde, denn er arbeitet noch im Geschäft mit und sie nehmen manchmal auch gemeinsam das Mittagessen ein.

Während er den verwitweten Vater (die Mutter ist vor 2 Jahren gestorben) hier im Wohnzimmer antrifft, wundert er sich über die Körpergröße seines Vaters, die Dunkelheit des Zimmers und dass der Vater nicht lüftet und auch nur wenig zum Frühstück isst.

Er zeigt seinem Vater nun kurz den Brief, in dem er seine Verlobung im Widerspruch zu seinem ursprünglichen Vorsatz nun doch erwähnt. Doch dann bringt ihn die Reaktion seines Vaters, der infrage stellt, ob er überhaupt einen Jugendfreund in Petersburg habe, völlig aus der Fassung. Auf einmal ist ihm das Wohl seines Vaters wichtiger als alles andere. Er bietet ihm an, dass Zimmer zu tauschen, sodass sein Vater in sein helles Zimmer, er aber in das dunkle Zimmer seines Vaters einziehe. Er bietet sogar an, sein Geschäft aufzugeben, wenn dies für die Gesunderhaltung seines Vaters nötig sei.

Georg wird zum Tode des Ertrinkens verurteilt

Dann zieht er seinen Vater aus und trägt ihn ins Bett und hat dabei wieder Schuldgefühle, da die Unterwäsche unrein ist und er als Sohn doch über den Wäschewechsel seines Vaters hätte wachen müssen. Sein Vater spielt an der Uhrkette seines Sohnes. Im Bett deckt er sich selbst zu und fragt dann, ob er gut zugedeckt sei. Georg deckte ihn daraufhin besser zu und versucht ihn zu beruhigen. Doch der Vater springt auf und verneint seine Frage mit klarem Nachdruck. Er steht nun im Bett und scheint erstarkt zu sein. Nun beteuert er sogar, dass er der Vertreter seines Jugendfreundes sei, und macht Georg Vorwürfe. Seine Verlobte stellt er als Prostituierte dar und unterstellt Georg, nur zu seiner sexuellen Befriedigung sich mit ihr verlobt zu haben.

Nachdem er ihm erklärt hat, dass er eigentlich unschuldig noch eigentlicher aber ein teuflischer Mensch sei, verurteilt er ihn zum Tode des Ertrinkens. Georg reagiert erst emotional. Er fühlte sich aus dem Zimmer gejagt. Dann setzt er das Urteil aber in die Tat um, indem er sich von einer Autobrücke in den Fluss stürzt. Da in diesem Augenblick ein unendlicher Verkehr tobt, bemerkt dies niemand.

Bedeutung der Figuren in der Geschichte

Wenn wir nun aus dieser Geschichte das richtige Verständnis für die oben genannten Fragen erhalten wollen, müssen wir folgende Entsprechung verstehen:

Georg Bendemann steht für einen Zeugen Jehovas, der in der Organisation die Führung übernimmt.

Georgs Geschäft ist die Organisation der Zeugen Jehovas, die ein gewaltiges Wachstum zu verzeichnen hat. Von Jahr zu Jahr hat man eine gewaltige Mehrung an „Königreichsverkündigern“.

Der Freund in Petersburg stellt ein Aussteiger dar. Er hatte in der Vergangenheit vor längerer Zeit die Organisation verlassen.

Die Eltern Georgs stehen für „Babylon die Große“, das Weltreich der fehlgeleiteten organisierten Religion. Die Mutter steht für die Kirchen der Christenheit, die schon von den ernsten Bibelforschern als „Babylon die Große“ bezeichnet und als verurteilt betrachtet wurden (siehe die Resolution aus dem Jahre 1927). Es wurde dann das Buch „Babylon die Große ist gefallen!“ Gottes Königreich herrscht! (herausgegeben von Jehovas Zeugen) veröffentlicht.

Aber das endgültige Gericht gegen Babylon gemäß Offenbarung Kapitel 18 sollte ja noch kommen. Darum ist sein Vater, der ebenfalls „Babylon die Große“ repräsentiert, noch am Leben.

Die Braut und Verlobte Georgs steht für die Überzeugung, den einzig richtigen Weg, der die Gunst des Schöpfers und Jesu Christi hat und der zu ewigem Leben führt, gefunden zu haben. Im Gegensatz dazu hat der Jugendfreund (ein Aussteiger), da er sich auf ein ewiges Junggesellentum eingerichtet hat, in Georgs Augen keine Zukunft.

Der Tod des Ertrinkens stellt dann dieser Zustand dar, den wir heute beobachten. Wie Tote schwimmen sie in dem Fluss der Belehrung durch die leitende Körperschaft. Es regt sich kein Leben mehr in ihnen, sich zu wehren, falls unsinnige Dinge gelehrt werden. Schließlich werden sie ins Meer gespült.

Der Lebensbericht von Karl Klein zeigt die Problematik

Um diese Entwicklungen nun im Einzelnen analysieren zu können, ist es nützlich, sich einmal mit dem Lebensbericht von Karl Klein zu beschäftigen. Man findet ihn im Wachtturm vom 15.12.1984. S. 22 Jehova … hat mich in belohnender Weise behandelt.

Bruder Klein war lange Zeit ein Glied der leitenden Körperschaft.
Zu Beginn des Berichts bemerkt er:

WELCHE Segnungen doch jemand empfängt, der Jehova kennt und ihm dient! … Zum Beispiel habe ich das Vorrecht, zur Bethelfamilie in der Zentrale der Zeugen Jehovas zu gehören, und ich konnte beobachten, wie diese Familie von 150 bis auf 3 000 Glieder anwuchs. Welch ein Segen!

Ähnlich, wie in der Geschichte in Verbindung mit dem Geschäft Georg Bendemanns, wird hier das Wachstum so besonders hervorgehoben.
Doch dann ist auch von einer Glaubensprüfung die Rede, die von ihm eine Entscheidung abverlangte:

Kurz nach meiner Taufe im Jahre 1918 wurde meine Loyalität gegenüber anderen Bibelforschern auf die Probe gestellt. Der Erste Weltkrieg wütete, und obgleich die Brüder, die an der Spitze standen, wegen der Kriegsfrage zu Unrecht inhaftiert worden waren, erkannten diejenigen, die damals die Führung innehatten, die Notwendigkeit der christlichen Neutralität nicht völlig. Einige, in deren Augen der Fall klar war, nahmen Anstoß daran, trennten sich von den Bibelforschern und nannten sich die „Feststehenden“. Sie warnten mich davor, daß ich, wenn ich bei den Bibelforschern bliebe, nicht mehr zur „kleinen Herde“ der gesalbten Nachfolger Jesu gehören würde (Lukas 12:32). Mutter half mir, die richtige Entscheidung zu treffen, obwohl sie noch nicht getauft war. Ich konnte mir nicht vorstellen, diejenigen zu verlassen, von denen ich so vieles gelernt hatte, und daher beschloß ich, meinen Brüdern, den Bibelforschern, treu zu bleiben. (S. 23 „Brüderliche Liebe auf die Probe gestellt“)

Er traf also eine klare Entscheidung und fand durch das großartige Wachstum der Organisation, der er dadurch weiterhin angehörte, im Gegensatz zu dem mangelnden Erfolg der Aussteiger, eine überzeugende Bestätigung.

Doch diese Entscheidung hat weitreichende Folgen. Damit stempelte er alle Aussteiger zu Menschen, die auf der Verliererseite stehen, egal, wie berechtigt ihre Argumente auch waren oder sind.

Wir wollen im folgenden anhand der Geschichte Kafkas analysieren, was letztendlich die Konsequenzen aus dieser Entscheidung sind:

Das gestörte Verhältnis zu den Aussteigern

Gestört wie das Verhältnis Georgs zu dem Jugendfreund

Wir erfahren nicht, ob Karl Klein noch irgendwelchen Kontakt, etwa durch Briefe, aufrechterhielt. Falls er Kontakte gepflegt hatte, könnten die so ausgefallen sein, wie die Briefkontakte in der Geschichte zwischen Georg Bendemann und seinem Jugendfreund in Petersburg. Sicherlich hat er sich zumindest Gedanken gemacht, was er diesen Aussteigern sagen könnte:

Kafka:

… So arbeitete er sich in der Fremde nutzlos ab, der fremdartige Vollbart verdeckte nur schlecht das seit den Kinderjahren wohlbekannte Gesicht, dessen gelbe Hautfarbe auf eine sich entwickelnde Krankheit hinzudeuten schien. Wie er erzählte, hatte er keine rechte Verbindung mit der dortigen Kolonie seiner Landsleute, aber auch fast keinen gesellschaftlichen Verkehr mit einheimischen Familien und richtete sich so für ein endgültiges Junggesellentum ein. Was wollte man einem solchen Manne schreiben, der sich offenbar verrannt hatte, den man bedauern, dem man aber nicht helfen konnte.

Ja, was hätte Karl Klein einem solchen „Feststehenden“ wohl noch sagen können, nachdem er sich für die Treue zu der Organisation entschieden hatte, die danach immer mehr wuchs und so erfolgreich war?

Der Unterschied in der Zukunftshoffnung

Nun kommt aber eine weitere Überlegung ins Spiel. Nicht nur, dass er viel mehr Erfolg hat, als der Aussteiger. Er hat auch eine klare Zukunftshoffnung. Jehova segnet diese Organisation, wie man durch das Wachstum sehen kann. Wenn dann der Tag Jehovas hereinbricht, wird er bestimmt alle retten, die so treu zu der Organisation gehalten haben, während dann für die Aussteiger nur die endgültige Niederlage kommen kann. Dies wird in der Geschichte durch die Verlobung und die Verlobte angedeutet.

Aber durch diese Denkweise wird das Verhältnis zum Jugendfreund noch schwieriger. Er müsste es ihm ja jetzt ins Gesicht sagen, dass er im Gegensatz zu ihm keine Zukunft hat. Das wollte er in der Geschichte ja vermeiden:

Oft sprach er mit seiner Braut über diesen Freund und das besondere Korrespondenzverhältnis, in welchem er zu ihm stand. „Er wird also gar nicht zu unserer Hochzeit kommen“, sagte sie, „und ich habe doch das Recht, alle deine Freunde kennenzulernen.“ „Ich will ihn nicht stören“, antwortete Georg, „verstehe mich recht, er würde wahrscheinlich kommen, wenigstens glaube ich es, aber er würde sich gezwungen und geschädigt fühlen, vielleicht mich beneiden und sicher unzufrieden und unfähig, diese Unzufriedenheit jemals zu beseitigen, allein wieder zurückfahren. Allein – weißt du, was das ist?“

Dass seine Verlobte ihn gedrängt hatte, ihn zur Hochzeit einzuladen, deutet auf das Pflichtgefühl hin, andere Menschen warnen zu müssen.
Aber in welchem Zustand gerät dadurch ein Anbeter Jehovas?

Die Angst wächst

Endlich steckte er den Brief in die Tasche und ging aus seinem Zimmer quer durch einen kleinen Gang in das Zimmer seines Vaters, in dem er schon seit Monaten nicht gewesen war. Es bestand auch sonst keine Nötigung dazu, denn er verkehrte mit seinem Vater ständig im Geschäft.

Mit der Hoffnung, die mit dem Festhalten an der Organisation verknüpft ist, kommt auch die Notwendigkeit, bei denen, die die Führung übernehmen, in gutem Ruf zu bleiben. Denn schon vor unserer Taufe haben wir bemerkt, dass Älteste die Macht haben, uns zur Taufe zuzulassen oder nicht. Später könnten sie uns aus der Christenversammlung werfen. Wenn unsere Hoffnung aber an diese Dinge hängt, brauchen wir die Gunst der Ältesten. Darum ist es passend, dass Georg Bendemann sich nun an seinen Vater wendet. Der Vater steht für das Prinzip, das Babylon die Große auszeichnet, dass man einer Geistlichenklasse ergeben ist und dass echte Gottesfurcht durch die Furcht gegenüber einer Geistlichenklasse ersetzt wird.

Der Vater

Dass Georg schon lange nicht mehr bei seinem Vater war, deutet an, dass Jehovas Zeugen ja eigentlich mit dieser Trennung von Geistlichkeit und Laientum nichts zu tun haben wollten. Doch die Organisation ist ähnlich gesetzlich befestigt durch ihre Körperschaften, wie die Kirchen der Christenheit. Darum kann gesagt werden, dass der Vater sehr wohl noch im Geschäft mitarbeitet.

Dass das Zimmer des Vaters sehr dunkel war, ist einleuchtend, da Babylon die Große ja kein geistiges Licht zu bieten hat, wie schon die ernsten Bibelforscher verstanden. Doch wegen dieser oben beschriebenen Abhängigkeiten erscheint er immer noch als Riese und Georg fängt deshalb auch an, sich fürsorgliche Gedanken über seinen Vater zu machen.

Die Rolle der Ältesten

Nun aber bringt der Vater durch seine Worte Georg völlig aus der Fassung:

„Georg“, sagte der Vater und zog den zahnlosen Mund in die Breite, „hör’ einmal! Du bist wegen dieser Sache zu mir gekommen, um dich mit mir zu beraten. Das ehrt dich ohne Zweifel. Aber es ist nichts, es ist ärger als nichts, wenn du mir jetzt nicht die volle Wahrheit sagst. Ich will nicht Dinge aufrühren, die nicht hierher gehören. … Aber weil wir gerade bei dieser Sache sind, bei diesem Brief, so bitte ich dich Georg, täusche mich nicht. Es ist eine Kleinigkeit, es ist nicht des Atems wert, also täusche mich nicht. Hast du wirklich diesen Freund in Petersburg?“ Georg stand verlegen auf.

Stellen wir uns vor, wir wollten gerade einen Brief an einen Jugendfreund schreiben, der früher auch ein Zeuge Jehovas war, bevor er ausgestiegen ist. Wir gehen zu einem Ältesten und fragen ihn, ob er das gut findet. Was würde er antworten? Hast du dort wirklich einen Freund? Der ist doch weg, ausgeschlossen. Und wenn jemand ausgeschlossen ist, soll er ja so gemieden werden, wie wenn er schon gestorben wäre. Was hast du denn mit einem solchen Menschen zu schaffen? Es ist nicht der Rede Wert.

Und wie reagiert man als Zeuge Jehovas auf diese Äußerungen? Man hat Angst! Niemals möchte man als Abtrünniger gelten und so enden! Man muss alles daransetzen, ein gutes Verhältnis zu den Ältesten zu bewahren, dass sie bloß nie etwas gegen uns haben!

Die Folgen der Angst

Doch nun passieren Ungerechtigkeiten in erheblichem Ausmaß in der Christenversammlung, die wir nicht verstehen. Vielleicht telefonieren wir zum Zweigbüro, weil wir so entsetzt sind! Ein Bruder vom Bethelbüro tröstet uns mit ein paar Bibeltexten. Jehova sieht alles und er wird die Dinge zu seiner Zeit richtigstellen. Man zitiert Psalm 5:8, dass man nicht staunen sollte, sondern Jehova über die Dinge wacht. Der Bruder kann natürlich nichts tun. Er wurde nur zur Beschwichtigung eingesetzt.

Vielleicht hat man auch eine Tochter, die im Ausland sogar fleißig im Pionierdienst tätig ist und dann plötzlich angeklagt und vor ein Rechtskomitee gestellt wird. Der Vater, der selbst Ältester ist, versteht die Anklage überhaupt nicht und wendet sich an die zuständige Abteilung im Zweigbüro. Er bekommt zur Antwort, dass man besser nicht nachfragt, denn das gibt nur Ärger. Vielleicht wird sogar ein Familienmitglied ausgeschlossen und wir wissen noch nicht einmal warum!

Doch können wir solche Dinge überhaupt hinnehmen? Wollten wir nicht den gerechten Gott Jehova in einer gerechten Organisation dienen? Werden wir nicht, wenn es gar so schlimm wird, die Reißleine ziehen müssen? Betrachten wir, wie Georg auf die Bemerkungen seines Vaters reagiert:

Rückkehr zu Babylon der Großen

„Lassen wir meine Freunde sein. Tausend Freunde ersetzen mir nicht meinen Vater. Weißt du, was ich glaube? Du schonst dich nicht genug. Aber das Alter verlangt seine Rechte. Du bist mir im Geschäft unentbehrlich, das weißt du ja sehr genau; aber wenn das Geschäft deine Gesundheit bedrohen sollte, sperre ich es noch morgen für immer. Das geht nicht. Wir müssen da eine andere Lebensweise für dich einführen. Aber von Grund aus. Du sitzt hier im Dunkel, und im Wohnzimmer hättest du schönes Licht. Du nippst vom Frühstück, statt dich ordentlich zu stärken. Du sitzt bei geschlossenem Fenster, und die Luft würde dir so gut tun. Nein Vater! Ich werde den Arzt holen und seine Vorschriften werden wir befolgen. Die Zimmer werden wir wechseln, du wirst ins Vorderzimmer ziehen, ich hierher. Es wird keine Veränderung für dich sein, alles wird mit hinübergetragen.

Georg bietet seinem Vater sogar an, das Geschäft aufzugeben und mit ihm das Zimmer zu wechseln. Er war bereit, in das dunkle Zimmer seines Vaters zu ziehen, damit sein Vater im hellen Zimmer wohnen kann!

Und so ist es auch in der Wirklichkeit. Wegen unserer Angst, keine Alternative zu haben, sondern sonst als von Jehova verworfener Abtrünniger zu enden, tun wir alles für die Organisation und dulden jede Ungerechtigkeit. Für Loyalität gegenüber der Organisation sind wir bereit, alles zu geben, auch unsere Integrität als Person, die dem gerechten Gott Jehova dienen wollte. Und wir tun alles, um die Organisation in hellem Licht erstrahlen zu lassen, während wir die sinnbildliche Dunkelheit für uns in Kauf nehmen, die darin besteht, dass wir viele Dinge nicht verstehen, wie die oben angeführten Beispiele zeigen, und dass wir nicht einmal Aufklärung fordern dürfen!

Babylon soll geheilt und gleichzeitig besiegt werden

In der Geschichte hatte Georg schließlich wegen der unreinen Unterwäsche Schuldgefühle und macht sich Vorwürfe, nicht über den Wäschewechsel seines Vaters gewacht zu haben. Babylon die Große ist wirklich schmutzig in sinnbildlicher Hinsicht. Deshalb wollten Zeugen Jehovas nichts mehr mit ihr zu tun haben! Doch in dieser Situation möchte man Babylon heilen. Die Organisation wird als Rettungsboot betrachtet.

Doch man ist sich ja auch im Klaren, dass Jehova Babylon die Große richten wird. Georg versucht sich, als der Überlegene zu zeigen, indem er den Vater ins Bett steckt. Auf der einen Seite hält man die Organisation zur Rettung für unverzichtbar. Auf der anderen Seite hat man ja gelernt, dass die organisierte Religion mit ihrer Geistlichenklasse nicht mehr Herr über die Anbeter Jehovas sein darf. Als Zeuge Jehovas hat man die tiefe Überzeugung, selbst die Beweise geprüft zu haben und nicht einer Geistlichenklasse blind zu folgen. Wenn jemand das behauptet, weist man das empört zurück und spielt den Durchblicker.

Babylon die Große erstarkt

Lehren werden geändert

Der Vater spielt an der Uhrkette seines Sohnes. Man hat in der Tat die Zeiten geändert. Früher glaubte man, im Anschluss an das Kommen Jesu im Jahre 1914 wurde der „treue und verständige Sklave“ über die „ganze Habe“ gesetzt. Jetzt glaubt man, zu dieser Zeit wäre er erst ins Dasein gekommen. Über die „ganze Habe“ sollte er erst bei Jesu Kommen in der „großen Drangsal“ gesetzt werden. Auch diese Lehränderungen wurden einfach hingenommen, obwohl man grundlegende Argumente auf das ursprüngliche Verständnis stützte.

Schlechtes wird zugedeckt

Als der Vater fragte, ob er gut zugedeckt sei, deckte ihn Georg noch besser zu. Doch der Vater springt auf und scheint plötzlich erstarkt zu sein. Er beschwert sich, dass er nicht ausreichend zugedeckt ist.

Wenn durch Gegner und Aussteiger üble Dinge, die in der Organisation geschehen, aufgedeckt werden, wird verlangt, dass ein Anbeter Jehovas dies zudeckt. Und tatsächlich bemüht man sich sehr darum. Doch eigentlich haben schon die ernsten Bibelforscher sich darum bemüht, die bösen Machenschaften Babylons der Großen nicht zu-, sondern aufzudecken. Das ist ja gerade das Werk, das durch den Predigtdienst erreicht werden soll: Die falschen Lehren und die bösen Machenschaften der Religionsorganisationen aufzudecken und den Menschen klarzumachen, dass sie Babylon die Große verlassen müssten.

Ein weiterer Schlag durch Schuldgefühle

Darum beschwert sich der Vater, der Babylon die Große vertritt, natürlich. Doch sieht er nun seine Chance gekommen, da er bemerkt hat, dass Georg ihn zudecken wollte. Doch der Vater versetzt ihm jetzt einen weiteren Schlag, indem er ihm Schuldgefühle macht. Er macht ihm Vorwürfe, seinen Jugendfreund betrogen zu haben und ihn völlig untergekriegt zu haben, um dann mit der Heirat nur seinen Vorteil zu suchen.

Die Worte des Vaters haben eine starke Wirkung auf Georg:

Georg sah zum Schreckbild seines Vaters auf. Der Petersburger Freund, den der Vater plötzlich so gut kannte, ergriff ihn, wie noch nie. Verloren im weiten Rußland sah er ihn. An der Türe des leeren, ausgeraubten Geschäftes sah er ihn. Zwischen den Trümmern der Regale, den zerfetzten Waren, den fallenden Gasarmen stand er gerade noch. Warum hatte er so weit wegfahren müssen!

Dadurch, dass man Ausgeschlossene völlig meidet und sie dem geistigen und sozialen Tod aussetzt, während man sich selbst auf Erfolgskurs sieht, im Begriff, das „wirkliche Leben“ zu ergreifen, müssen unbewusst zwangsläufig schwerste Schuldgefühle entstehen. Es ist ja wirklich so, dass man seinen ausgeschlossenen Mitmenschen betrogen hat, wie der Vater Georg vorwirft. Dieser darf keine Hoffnung mehr haben, während man sich selbst schon im Paradies sieht! Dies ist wirklich ganz und gar schlimm und löst solche Gefühle aus, wie sie Georg dann gegenüber seinem Jugendfreund hatte.

Babylon siegt noch einmal

Dann macht der Vater ihm den Vorwurf, nur aus seiner sexuellen Lust heraus sich verlobt zu haben. Auch das ist treffend, denn man müsste zugeben, dass man eben nicht aus Liebe zu Jehova und zum Nächsten handelt, sondern es einfach reizvoll findet, zu dem Volk zu gehören, das in der besonderen Gunst Jehovas steht und dass die anderen entweder Abtrünnige, Sünder oder armselige Weltmenschen sind, denen man bald sowieso nur noch eine Gerichtsbotschaft bringen kann.

Auf diese Weise hat nun Babylon die Große doch noch einmal einen Sieg errungen. Wie oft haben sich Menschen in Religionskriegen gegenseitig hingeschlachtet. Und warum? Weil sich jede Partei in der Gunst Gottes sah und das legitimiert eben alles! Doch ein Zeuge Jehovas wollte Babylon die Große eigentlich besiegen. Und er hat sich schon oft ermahnt, wachsam zu sein und auf die bösen Machenschaften Babylons der Großen richtig und siegreich zu reagieren. Nun aber ist er wie gelähmt, wie wenn er alles vergessen hätte.

Georg hofft nun in seiner Verzweiflung, der Vater würde sich übernehmen und stürzen, sodass er besiegt ist. Das passiert aber nicht. Er versucht zwar, ihn mit Worten wieder kleinzukriegen, aber es gelingt ihm nicht. Der Vater erstarkt immer mehr. Schließlich macht er Georg den Vorwurf, nur sich selbst zu kennen.

Ein Zeuge Jehovas kennt ja tatsächlich nur sich selbst. Mit Aussteigern und solchen, die wegen einer Sünde ausgeschlossen wurden, möchte er überhaupt keinen Umgang haben. Er weiß nicht, wie es ihnen geht und was sie durchmachen. Mit den Leuten, die keine Zeugen Jehovas sind, die sogenannten Weltmenschen, will er nur zum Zwecke des Predigens oder nur im unvermeidlichen Umfang Kontakt haben. Die Freunde sucht er sich nur innerhalb der Religionsgemeinschaft.

Ergebnis: Der Tod des Ertrinkens

Eigentlich sind Zeugen Jehovas arglose, unschuldige Menschen, zumindest äußerlich betrachtet. Aber wegen dieser hier besprochenen Dinge und wegen des Anspruches, dass sie die Gunst Jehovas haben und alle anderen, die nicht auf sie hören, dann wohl nicht die Gunst des Schöpfers haben würden, wobei sie das nur durch die Blume sagen, sind sie noch eigentlicher teuflische Menschen.

Wegen dieser Dinge sind sie sozusagen zum Tode des Ertrinkens verurteilt worden. Man folgt nur noch blind der Lehren der Organisation, auch wenn diese geändert werden. Sie können alles behaupten, neue Lehren einführen, die völlig unlogisch, unbiblisch und unhaltbar sind. Es regt sich kein Widerstand! Wie Tote schwimmen sie im Fluss dieser Belehrung, bis sie ins Meer gespült werden, in dem jede Erkenntnis verloren gegangen ist.

Woher die Belehrung kommt, weiß man am Ende auch nicht mehr so genau, denn alle sind gefangen, von den Kleinsten in den Versammlungen bis zu den Gliedern der leitenden Körperschaft. Denn falls ein Glied der leitenden Körperschaft einen Einwand hat, die Dinge anders sieht und stopp sagt, kann es ihm passieren, dass er als Abtrünniger ausgeschlossen wird und er danach von allen einschließlich seiner Familienangehörigen gemieden wird, ein Horrorszenarium für ihn.

Und äußerlich scheint alles beim Alten geblieben zu sein. Durch die große Geschäftigkeit merkt man noch nicht einmal diese verheerende Entwicklung!

Welche Lehre sollten wir daraus ziehen?

Kehren wir noch einmal zu dem Bericht von Karl Klein zurück. Voller Dankbarkeit erklärt er am Ende seines Artikels, was er gelernt hat:

Ich möchte nur einige der vielen vorzüglichen Wahrheiten aufzählen, die Jehovas Volk allmählich verstanden hat, seitdem ich begann, die „Milch, die zum Wort gehört“, zu mir zu nehmen: … die Tatsache, daß Jehovas Rechtfertigung wichtiger ist als die Rettung von Geschöpfen …

Es ist ja bestimmt wertvoll, wenn man versteht, dass die eigene Rettung weniger wichtig ist, als Jehovas Rechtfertigung, wie er sich ausdrückt. Doch was bedeutet das in der Praxis? Wie könnte man diesen Gedanken mit Leben füllen? In dem Artikel betont er ja stets den Segen, den er von Jehova erhalten hat. Das scheint ihm besonders wichtig zu sein. Denken wir einmal an einen Wissenschaftler, der für die Erkenntnis bereit ist, lebensgefährliche Expeditionen oder Selbstversuche durchzuführen. Ihm ist der Fortschritt in der Erkenntnis wichtiger als seine eigene Person.

Und in gleicher Weise sollten wir die Erkenntnis über unserem Schöpfer und seines Vorsatzes höher achten, als unsere Rettung. Die Rechtfertigung Jehovas hängt ja unmittelbar mit der Erfüllung seines prophetischen Wortes zusammen. Und wenn uns diese Dinge wichtiger sind als die eigene Rettung, dann werden wir nicht zum Tode des Ertrinkens verurteilt!

Autor: Bernd Oelschlägel

CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

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