Ein Traum

In dieser Geschichte Kafkas wird beschrieben, wie es ist, wenn wir, angeregt durch das Zeugnis der Zeugen Jehovas, die biblische Wahrheit kennenlernen. Man schließt sich dieser Glaubensgemeinschaft an und lässt sich als ein Zeuge Jehovas taufen.
Online Lesemöglichkeit des Kafka-Textes z. B. https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-kafka/books/franz-kafka-erzaehlungen-i/chapter/12/

Der erste Satz lautet:

Josef K. träumte:
Es war ein schöner Tag und K. wollte spazieren gehen. Kaum aber hatte er zwei Schritte gemacht, war er schon auf dem Friedhof.

Mein schöner Tag, an dem ich die Wahrheit kennenlernte

Es war ein schöner Tag gewesen, an dem wir die biblische Wahrheit kennenlernten. Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen, heißt es in Johannes 8:32. Man hatte sich befreit gefühlt von den falschen Lehren der Christenheit und der Scheinwissenschaft, die die Evolutionstheorie lehrt. Außerdem erhielt man eine wunderbare Zukunftshoffnung. Dieses bedrückende System der Menschenherrschaft, das wir heute haben, wird bald enden und durch Gottes Königreich ersetzt.

Wir haben gelernt, dass die Kirchen der Christenheit zu Babylon der Großen zu zählen sind und verurteilt worden sind. Durch ihre Geistlichen wurden die Menschen nur irregeführt. Zur Machterhaltung wurden die Menschen durch Lehren, wie die von der ewigen Qual in einer Feuerhölle, die Sündern in Aussicht steht, eingeschüchtert. Sie mussten sich mit den Geistlichen gut stellen, damit sie nicht in die ewige Verdammnis geraten würden. Durch solche Lehren gerieten sie auch in die geistige babylonische Gefangenschaft, da sie von der Kirche und der Gunst der Geistlichen völlig abhängig wurden.

Ein Friedhof für Babylon die Große

Babylon die Große ist bereits gefallen! Das wurde von den Zeugen Jehovas öffentlich verkündet. Ein Buch trägt diesen Titel. Die Botschaft „Das Ende der falschen Religion ist nahe!“ wurde in Verbindung mit einem Flyer (Königreichsnachrichten, Nr. 37) im Jahr 2006 öffentlich verbreitet.

Babylon die Große wird in der Bibel auch als große Hure oder Prostituierte bezeichnet. Denn aus ihrem Machtstreben heraus ist es ihr gelungen, durch Bündnisse mit weltlichen Herren große Macht auszuüben. Dieses Gemisch aus Menschenherrschaft und Glauben an die Gottesherrschaft ist Hurerei im geistigen Sinne. Durch viele feurige Ansprachen der ernsten Bibelforscher gegen die Kirchen der Christenheit wurden sie sozusagen schon beerdigt.

Schon wieder auf dem Friedhof

Nachdem wir nun diese Dinge an einem schönen Tag kennengelernt hatten, wollten wir auch aktiv werden, Zeugnis geben. Und so kam es, dass man sich den Reihen der Zeugen Jehovas anschloss. Dadurch wurde man Teil einer Organisation, in der Älteste die Führung übernehmen. Es wird stets betont, wie wichtig Gehorsam gegenüber denen ist, die die Führung übernehmen. Also tat man alles so, wie sie es wollten. Statt wirklich frei zu sein, wurde man Sklave einer Organisation.

So war man schon nach zwei Schritten auf dem Friedhof, auf dem Babylon die Große beerdigt wird! Denn zuerst fühlte man sich aus Liebe zum Christus gedrängt, Jehova zu dienen und sich ihm hinzugeben, aber im zweiten Schritt schloss man sich einer Organisation an und wurde Sklave einer Organisation.

Erfahrungen in der Organisation der Zeugen Jehovas

Dann machte man solche Erfahrungen, wie in der Geschichte weiter beschrieben:

Es waren dort sehr künstliche, unpraktisch gewundene Wege, aber er glitt über einen solchen Weg wie auf einem reißenden Wasser in unerschüttlerlich schwebender Haltung.

Man macht schnell die Erfahrung, wie umständlich, ja ineffektiv der Dienst als Zeuge Jehovas ist, da man sich an so viele Regeln halten muss und nicht frei ist, aus eigenem Antrieb in Übereinstimmung mit dem eigenen Gewissen zu handeln. Aber man wird auf den Kongressen und in allen Zusammenkünften in berauschender Art und Weise so ermuntert und gepusht, dass es geradeso den Anschein hat, man schwebe über die Wege. Man wird regelrecht mitgerissen.

Aber schon von der Ferne fasst man einen frisch aufgeworfenen Grabhügel ins Auge. Wir wollten am liebsten gleich dort sein, denn wir wollten das Gericht Jehovas sehen. Babylon die Große sollte noch endgültig vernichtet und begraben werden, wie es in Offenbarung Kapitel 17 und 18 erklärt wird. Dies sollte der Beginn des Tages Jehovas sein. Doch wird dieser Gedanke zeitweise durch den Jubel überlagert, der innerhalb der Organisation herrscht:

Jubel statt Erwartung des Urteils gegen Babylon

Manchmal aber sah er den Grabhügel kaum, er wurde ihm verdeckt durch Fahnen, deren Tücher sich wanden und mit großer Kraft aneinanderschlugen; man sah die Fahnenträger nicht, aber es war, als herrsche dort viel Jubel.

Gottes Königreich herrscht bereits, durch diese großartige Organisation, die Jehovas Organisation darstellen soll (vergleiche Jesaja 24:13-16). So feiert man begeistert die Organisation und die Einheit, wie es Fahnenträger gegenüber ihrer Nation oder Vereinigung tun. Da Jehovas Zeugen den Fahnengruß ablehnen, sah man die Fahnenträger in der Geschichte nicht.

Dann kommen so viele sich immer schneller überstürzende Änderungen innerhalb der Organisation und es macht geradezu den Eindruck, als würde man die zu erwartenden Entwicklungen überholen.
In der Geschichte musste sich (Josef) K. ins Gras niederwerfen, um neben dem frisch aufgeworfenen Grabhügel zu landen.

Verlegenheit eines Künstlers wegen des Urteils

Das Grab wird bei seinem Eintreffen nun mit dem Grabstein versehen und ein Künstler fängt an, den Grabstein mit sehr schönen Goldbuchstaben zu beschriften, obwohl er nur einen Bleistift hat: „Hier ruht …“. Doch dann hält er inne, während K. gespannt auf den Grabstein blickt. Ja, er ist sehr daran interessiert, zu erfahren, wie es nun weitergeht und wie und wann der Tag Jehovas nun hereinbricht. Er wartet auf das Gericht Jehovas, wie er Babylon die Große endgültig richten wird. Doch der Künstler ist verlegen und kann deshalb nicht weiterschreiben:

Tatsächlich setzte der Mann wieder zum Weiterschreiben an, aber er konnte nicht, es bestand irgendein Hindernis, er ließ den Bleistift sinken und drehte sich wieder nach K. um. Nun sah auch K. den Künstler an und merkte, daß dieser in großer Verlegenheit war, aber die Ursache dessen nicht sagen konnte. Alle seine frühere Lebhaftigkeit war verschwunden. Auch K. geriet dadurch in Verlegenheit; sie wechselten hilflose Blicke; es lag ein häßliches Mißverständnis vor, das keiner auflösen konnte.

Das zog sich einige Zeit hin. Eine Glocke von der Grabkapelle fing schon an zu läuten und der Künstler musste durch einen Wink deuten, dass es zu früh sei. K. wollte, dass er weiterschreibt, aber er konnte nicht. Widerwillig schrieb er ein weniger kunstvolles „J“.

Auflösung des Rätsels: Du bist gemeint, das ist die Wahrheit

Der Grund für das Problem wird dann später aufgelöst. Das Problem: Man hat falsche Erwartungen. Man möchte das Gericht Jehova sehen, denkt aber gleichzeitig, man würde selbst auf der Seite derjenigen stehen, die Jehovas Wohlgefallen hätten und deshalb nicht gerichtet und verurteilt werden. So muss man jeden als Gegner ansehen, der die Organisation von Jehovas Zeugen schlecht macht. Darum war der Künstler so verlegen. Auf der einen Seite wollte Joseph K., dass er weiterschreibt, aber bloß nicht das, was er wahrheitsgemäß schreiben musste.

Erst als der Künstler zornig in die Erde stampfte, begriff K. Er musste nicht lange graben und rutschte geradezu von alleine in das Grab, während die Aufschrift auf dem Grabstein nun ungehemmt mit mächtigen Zieraten vollendet werden konnte. Es war sein Name!

Die Organisation, in der er gedient hatte, ist die neue Vertreterin Babylons der Großen, die eigentlich schon ihr Grab in diesem Friedhof gefunden hatte. Die alten Gräber sind die Kirchen der Christenheit. Der neue Grabhügel ist diese Organisation. Sie wurde schon von den ernsten Bibelforschern durch ihre Ansprachen mit beerdigt. Und als Zeuge Jehovas wurde er Teil Babylons der Großen und muss als solcher mit beerdigt werden, obwohl er doch ursprünglich eine Kirche verlassen hatte, um ein Zeuge Jehovas werden zu können. Der Anfangsbuchstabe „J“ könnte auch für „jw.org“, „Jehovas Zeugen“ oder „Jehovah’s Witnesses“ stehen.

Joseph K. erwachte aus diesem Traum entzückt. Denn die Auflösung der Dinge bedeutet eine Erkenntnis, die er ja immer gesucht hatte. Babylon die Große ist nicht zu heilen, auch nicht durch diese Organisation (Jeremia 51:9)!

Autor: Bernd Oelschlägel

CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

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