Es gibt doch den Spruch: Gib einem Bettler einen Fisch und er wird jeden Tag kommen. Was ist deshalb besser: Ihm jeden Tag einen Fisch zu geben oder ihm das Angeln beizubringen?
Natürlich ist es besser, ihm das Angeln beizubringen, weil er sich dann selbst versorgen kann.
Nun war da ein Lehrer, der einem Bettler das Angeln lehrte. Er brachte ihm bei, wie man die Angel handhabt, wie man Essbares von Ungenießbarem, guten und schlechten Fisch unterscheiden kann. Und schließlich die Zubereitung. Alles bekam er von diesem Lehrer erklärt und beigebracht. Und nicht nur das! Im Laufe der Zeit kamen sehr viele weitere Bettler hinzu, um von dem Lehrer zu lernen.
Nun war es an der Zeit, die Bettler selbstständig fischen zu lassen. Man hätte sie anfangs noch ein wenig begleiten und korrigieren können, bevor man sie allein lässt.
Nun aber verbot der Lehrer ihnen das Fischen und erklärte, dass sie Vertrauen haben sollten, jeden Tag frischen Fisch von dem Lehrer zu bekommen. Den Bettlern war dies sogar recht. Denn selbst zu fischen wäre ja mühevolle Arbeit gewesen und das mochten sie nicht so.
Aber kannst du mir erklären, warum der Lehrer ihnen zuerst geduldig und mit großen Anstrengungen das Fischen beibrachte, um es ihnen dann zu verbieten, sodass sie weiterhin jeden Tag Fisch von ihm brauchen würden? Warum die Mühe, um danach ewig weiter für sie sorgen zu müssen?
Vielleicht war es, weil er befürchtete, die Bettler würden zu viele Fehler machen und sich dann vergiften. Außerdem war es den Bettlern ja recht und sie hatten auch sehr wenig Selbstvertrauen. Aber hätte der Lehrer das nicht vorher wissen können und sich gar nicht erst die Mühe machen brauchen, ihnen das Angeln beizubringen? Wäre es nicht wenigstens einen Versuch wert, sie selbstständig angeln zu lassen nach dieser intensiven Schulung, die ja eine große Investition war? Warum sollte er ihnen das Angeln dann regelrecht verbieten?
Vielleicht sollte man die Vorgeschichte noch in Betracht ziehen, um den Lehrer zu verstehen.
Dem Lehrer lag womöglich gar nichts daran, die Bettler in Selbstständigkeit zu entlassen. Vielleicht wollte er, dass die Bettler immer abhängig von ihm bleiben und sich in Dankbarkeit jeden Tag vor ihm verneigen mussten, wenn sie wieder neue Fische von ihm bekommen.
Die Bettler hatten zuvor jeden Tag zwar etwas bekommen. Aber es war oft kaum genießbar, sodass sie angewidert von dem schlechten Fisch lieber nichts mehr aßen. Statt dankbar zu sein, waren sie über ihren Geber eher empört. Das änderte sich nun.
Dadurch, dass der Lehrer ihnen das Fischen beibrachte, bekamen sie vertrauen in die Fähigkeiten des Lehrers. Sie glaubten an die guten Beweggründe des Lehrers, sie so in die Freiheit führen zu wollen. Und als das Angelverbot kam, dachten sie: „Der Lehrer, der uns das Angeln so hervorragend beibringen konnte, muss ein Profi sein und es ist bestimmt viel besser, wenn er angelt und uns die Fische gibt!“ So nahmen sie künftig die täglichen Fische dankbar an, auch wenn sie verdorben waren. Sie vertrauten einfach darauf, dass der Lehrer ihnen nur gute Speise geben würde.
Aber die Fische wurden immer schlechter. Irgendwann musste doch der eine oder andere aufbegehren, zumal einige schon krank von dem verdorbenen Fisch wurden. Doch sie sammelten sich in Gruppen. Derjenige, der am meisten von der Qualität der Fische überzeugt war, wurde zum Aufseher ernannt. Er ermahnte dann die anderen, genauso überzeugt zu sein, wie er. Wer murrte oder gar den Versuch unternahm, selbst zu angeln, wurde von ihm rausgeschmissen und von allen gemieden. Es galt als ein Zeichen guter Gesinnung, wenn jemand beim Essen des verdorbenen Fisches ein besonders glückliches und dankbares Gesicht machte.
Und so war es kein Problem, dass der Fisch immer noch schlechter wurde. Einige starben dann an Lebensmittelvergiftung. Doch die anderen aßen scheinbar fröhlich mit verklärtem Blick weiter von dem verdorbenen Fisch. Und wenn sie auch dann noch nicht gestorben sind, essen sie noch heute!