Die Blume

Ein Blumenzüchter pflanzte eine wunderschöne Blume auf einen Berg. Die Blume war so schön, wie es keine auf der ganzen Erde sonst gab. Er rief die Leute herbei, damit sie die Blume entdecken und Freude daran haben konnten. Außerdem beauftragte er sie, auszuziehen, um anderen davon zu erzählen, damit auch diese zu dem Berg heraufkommen und Freude an der Blume haben konnten. Das taten dann bald immer mehr und viele hatten schließlich große Freude an der Blume und sie wurde ihr Ein und Alles.

Einige, die mit Begeisterung anderen von der Blume auf dem Berg erzählten, fragten sich, ob sie nicht noch mehr tun konnten. Die Blume ist ja sehr kostbar und muss besonders präsentiert und auch geschützt werden. Sie bauten schließlich ein prächtiges Gebäude drum herum und brachten viele Hinweisschilder an und führten auch eine Hausordnung ein. Und sie errichteten einen Zaun um das Gelände, auf dem die Blume war, und bauten dazu die Eingänge. Dann postierten sie dort Leute, die überwachen sollten, wer reinkommen darf.

Im Laufe der Zeit wuchs der Eifer um die Überwachung der Blume und des Gebäudes. So manche, denen man vorwarf, sich nicht würdig zu benehmen oder der Hausordnung zuwiderzuhandeln, wurden hinaus getan. Andere durften nicht hineinkommen, weil sie die hohen Anforderungen, die man als Einlassbedingungen aufstellte, nicht erfüllen konnten. Aber die Blume musste ja geschützt werden und viele stellten sich mit Eifer zur Verfügung, am Eingang zu stehen und aufzupassen. Das war eine große Ehre, denn es brachte sehr viel Ansehen ein. Die Leute, die rein wollten, mussten sich tief vor ihnen verneigen, denn sonst wurden sie nicht hereingelassen.

Schließlich waren die Leute so sehr damit beschäftigt, die Eingänge zu überwachen und auch einen bevorrechtigten Platz am Eingang zu bekommen, dass sie die Blume gar nicht mehr richtig sahen und immer weniger Freude an ihr hatten. Und während sie denen nachschauten, die raus mussten oder draußen bleiben mussten, kehrten sie der Blume den Rücken.

Endlich kam der Blumenzüchter und schaute sich alles genau an. Da wurde er traurig, weil sie keine Freude mehr an der Blume hatten. Anfangs hatte er sich gefreut, dass viele so eifrig anderen von der Blume erzählt hatten. Auch dass sie die Blume als so kostbar einstuften und dass sie deshalb ein Gebäude errichtet hatten, um sie zu schützen, war in seinen Augen nicht schlecht.

Aber nun musste er erkennen, dass sie gar nicht mehr an der Blume, sondern an anderen Dingen Gefallen gefunden hatten. Einen bevorrechtigten Platz am Eingang zu bekommen und dass die Leute ihnen dann Ehre zollen mussten, das war ihnen wichtig! Außerdem kränkte es ihn, dass die meisten schließlich eher das Gebäude bewunderten, als die Blume.

Und so überlegte er sich, was zu tun wäre.

Schließlich nahm er Samen und pflanzte die Blume in ein großes Tal, das nach Norden und Süden von Bergen eingeschlossen war, die Schutz vor fremden Eindringlingen boten.

Nun kamen viele von denen, die hatten draußen bleiben müssen oder hinausgeworfen worden waren, ja alle, die wirklich Freude an der Blume hatten und für die sie ihr Ein und Alles war, sie kamen freudig in das Tal zu der Blume. Da die Blume in dem Gebäude verwelkte, da sie nicht mehr gegossen wurde und schließlich das Gebäude durch ein gewaltiges Unwetter und ein Erdbeben stark beschädigt wurde, flohen die meisten, die drinnen waren, nun auch in das Tal.

Allerdings gab es etliche, die ihren Blick so auf die Eingänge gerichtet hielten und mit ihrer wichtigen Aufgabe der Überwachung beschäftigt waren, dass sie gar nichts merkten und überhaupt nicht verstanden, was vor sich ging. Sie blieben vor Ort. Während sich die Anderen an der wunderbaren Blume erfreuten mit einer Freude, die noch nie so groß war, blieben sie an den Eingängen und wurden allmählich stumm und blind. So starben sie schließlich.

Aber einige von ihnen merkten noch rechtzeitig ihre Verirrung und gingen auch in das Tal. Und wenn sie dies wirklich mit Freuden taten und sich über die Befreiung von ihrer Verirrung freuten, wurden sie nicht stumm und blind.

Nun wurde eine Abordnung von Leuten losgeschickt, die nach den Toten sehen sollten, um sie ins Tal zu bringen und sie dort zu begraben. Viele Menschen hörten von diesen Ereignissen, auch viele, die zuvor nicht auf den Berg zu der Blume steigen gewollt hatten und kein besonderes Interesse gehabt hatten, sie zu sehen. Auch diejenigen, die das alles nur für ein Märchen gehalten hatten, hörten nun von diesen Ereignissen und wie die Gestorbenen nun begraben werden.

Doch all diejenigen, die weiterhin kein Interesse an der Blume hatten, wurden schließlich stumm und blind. Sie fielen übereinander her und starben schließlich alle. Und so blieben auf der ganzen Erde nur diejenigen übrig, die wirklich echte Freude an der Blume hatten.

Matthäus13:45, 46; Micha 4:2; Matthäus 28:19, 20 und 24:14; Jesaja 29:13-16;
Sacharja 14:4, 5, 12, 13, 18, 19; Hesekiel 39:7, 11-16

einlandarzt

Die inspirierte Geschichte "Ein Landarzt" von Franz Kafka beschreibt in Symbolsprache, wie ich ein Zeuge Jehovas wurde und was ich dann erlebte!