Das Romanfragment Kafkas „Das Schloss“ bringt die Organisation von Jehovas Zeugen in den Fokus. Es behandelt die Schwierigkeiten, dieses eigentümliche Gebilde zu verstehen. Eine interessierte Person, die sich freudig der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas anschließen möchte, ahnt zu Beginn kaum etwas von den unerwarteten Problemen, mit denen man immer mehr konfrontiert wird (vergleiche hierzu auch die Geschichten Ein Landarzt und Vor dem Gesetz).
Online Lesemöglichkeiten z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/schloss/schloss.html. Es sind auch Hörbücher erhältlich.
Der Rahmen und seine Bedeutung
Der Roman „Das Schloss“, aufgeschrieben von Franz Kafka, ist aus der Perspektive einer Person (K.) geschrieben worden, die Jehova kennengelernt hat und nun für ihn tätig werden möchte. In der Regel fängt der Werdegang eines Zeugen Jehovas damit an, dass ihm durch jemanden geholfen wird, die Bibel zu verstehen und er daraufhin an die biblischen Verheißungen zu glauben beginnt.
Es könnte sich um einen Arbeitskollegen oder um zwei Glaubensbrüder (oder Schwestern), die ihn im Haus-zu-Haus-Dienst oder auf der Straße angetroffen haben, handeln. Durch sie erfährt der Interessierte, dass viele Lehren der Kirchen falsch sind, dass wir in den letzten Tagen leben, wer Babylon die Große ist und wie sich heute die biblischen Prophezeiungen erfüllen. Das begeistert ihn so sehr, dass er unbedingt tätig werden möchte und so schließt er sich der Organisation der Zeugen Jehovas an. Er hofft nun, innerhalb dieser Organisation für seinen neu gewonnenen Glauben aktiv werden zu können.
Der Landvermesser
Die Erfahrungen, die er dann macht, sind so, wie es auch in der Geschichte „Vor dem Gesetz“ beschrieben wird. Der Mann vom Lande erreicht sein Ziel nicht. Und auch in diesem Roman kann er seinen Beruf als Landvermesser nicht ausführen. Er gibt sich Mühe, es scheint aber alles viel schwieriger zu sein, als er gedacht hat. Die Vertreter der Organisation verlangen ständig Gehorsam und sie stellen viele Bedingungen. Dass der Neuankömmling in Übereinstimmung mit seiner Liebe und seinem Gewissen einfach nur seinen Schöpfer ehren möchte, beachten sie gar nicht. Dass er in Übereinstimmung mit seiner neu erworbenen Erkenntnis als freie Mensch, dem Dienst nur aus Liebe verpflichtet, aktiv werden möchte, interessiert sie nicht.
Der Beruf des Landvermessers stellt also die Aktivität dar, die der Interessierte aus Liebe und Hingabe an Jehova zu tun gelobt hat. Doch die Zusammenarbeit mit den Ältesten und den anderen Gliedern der Versammlung lenkt ihn davon ab, er kommt nicht zum Zug. Es ist wie ein einziges Missverständnis. Was er aus Liebe tun möchte, findet keinen Anklang, dafür gibt es keinen Platz. Er ist doch eigentlich in der Organisation, die dafür geschaffen wurde, Jehova zu dienen. Trotzdem sagt man gewissermaßen: „Wir brauchen keinen Anbeter Jehovas“. Was andere von ihm getan haben möchten, darf er stattdessen tun. Und dafür soll er dankbar sein. Schließlich ist es ja nur aus Kulanz (oder unverdienter Güte), dass er überhaupt etwas tun darf.
Des Herrn Grafen Westwest
Die Organisation wird von den Zeugen auch als Jehovas Organisation bezeichnet, die von Jehova und von Christus, den Königen vom Sonnenaufgang her (Offenbarung 16:12), also vom Osten her, geleitet wird. Dies ist aber offenkundig ein Trugschluss. Hier in dem Roman stellt die Organisation nämlich das Schloss des Herrn Grafen Westwest dar. Sie ist also das genaue Gegenteil und bringt uns von Jehova und Christus fort. Der Name Westwest, in dem der Westen doppelt vorkommt, deutet an, dass diese Organisation so weit sowohl von Jehova als auch von Christus entfernt ist, wie der Osten und der Westen in entgegengesetzte Richtungen liegen!
Man könnte auch sagen: Diese Organisation ist das „Negativ“ der von Jehova und Jesus Christus geschaffenen Christenversammlung (siehe Der Umkehrprozess der Christenversammlung).
Die Gehilfen
Die alten Gehilfen des Landvermessers stellen diejenigen dar, die ihm geholfen haben, Jehova kennenzulernen und seinen Entschluss zu fassen, sich Jehova hinzugeben. Sie sind zwar auch von der Organisation ausgesandt worden, sind aber in irgendeine Weise von den Vorgaben abgewichen, sodass sie Gehilfen des Interessierten werden konnten. Er konnte mit ihrer Hilfe die biblische Wahrheit finden.
Doch die Organisation ignoriert den Unterschied zwischen Menschen, die durch ihr eigenständiges wahrheitsliebendes Denken jemanden Helfen konnten, die Wahrheit zu erkennen und solchen, die nur der Organisation ergeben sind. Man kümmert sich scheinbar um ihn, indem man ihm weiterhin Gehilfen zuteilt. Sie können ihm aber nicht helfen. Stattdessen tragen nur dazu bei, dass er abgelenkt wird. Sie unterstützen ihn nicht in seinem Entschluss, Jehova ausschließlich ergeben zu sein und in Übereinstimmung damit zu handeln. Es zeigt sich, dass sie zwar scheinbar harmlos, kindlich wirken, in Wirklichkeit der Organisation (Behörde) ergeben sind.
Die Gehilfen sind nicht Jehova hingegeben, sondern der Organisation. Sie tun, was ihnen Menschen (nicht Jehova) aufgetragen haben. Sie dienen eben dem Herrn Graphen Westwest. Es könnten sogar buchstäblich die gleichen Personen sein wie die alten Gehilfen, nur dass sie wieder zum angepassten Gehorsam gegenüber einer Organisation zurückgekehrt sind.
Der ewige Winter
Ähnlich wie in der Geschichte „Ein Landarzt“ ist es Winter und alles ist voll mit Schnee. Dies deutet auf die Schwierigkeiten hin, denen man ausgesetzt ist, wenn man sich der Organisation anschließt. So wie im Winter das Leben beschwerlicher ist und man im Schnee sich schwerer fortbewegen kann, ist das Zusammenspiel mit der Organisation beschwerlich, kalt, unbehaglich. Man muss sich mit dicker Kleidung gut schützen, kann sich verkühlen, krank werden. All das ist in sinnbildlicher Hinsicht zu verstehen und hier offenkundig ein Dauerzustand:
„Wie lange haben wir noch bis zum Frühjahr?“ fragte K. „Bis zum Frühjahr?“ wiederholte Pepi, „der Winter ist bei uns lang, ein sehr langer Winter und einförmig. Darüber aber klagen wir unten nicht, gegen den Winter sind wir gesichert. Nun, einmal kommt auch das Frühjahr und der Sommer und es hat wohl auch seine Zeit, aber in der Erinnerung, jetzt, scheint Frühjahr und Sommer so kurz, als wären es nicht viel mehr als zwei Tage und selbst an diesen Tagen, auch durch den allerschönsten Tag fällt dann noch manchmal Schnee.“
Kafka
Alle wissen, dass sich an den Zuständen nicht viel ändern wird. Die Hoffnung auf Frühjahr und Sommer ist wage und es ist nur für ganz kurze Zeit, obwohl man doch an das Paradies glaubt. Im Winter gibt es auch viel weniger Licht als im Sommer. So bleibt das erhoffte geistige Licht aus.
Zu Kapitel 1 Ankunft
Obwohl K. als Landvermesser doch herbestellt wurde und nun seinen Dienst antreten möchte, kommt er wie ein Landstreicher in das zum Schloss gehörende Dorf. Er muss auf einem Strohsack übernachten. Das wenigstens hat ihm der Wirt erlaubt, der Sohn eines Kastellans widerspricht. Man braucht für alles eine Genehmigung, darf nicht ohne Genehmigung im Dorf übernachten. Erst durch Telefonanrufe wird die Sache so scheinbar geklärt, dass er wenigstens bleiben darf.
Das ist die paradoxe Situation, in die man als Interessierter gerät. Man hat mit Jehovas Zeugen die Bibel studiert, ist herzlich eingeladen worden, die unverdiente Güte Jehovas anzunehmen und die Wahrheit, die frei macht, zu erkennen und dann aus Liebe getrieben, ein Anbeter Jehovas zu werden. Nun will er die Einladung annehmen. Die Türe scheint ja weit offenzustehen. Doch was passiert dann? Er wird mit einer Unzahl von Regeln konfrontiert. Man verlangt immer mehr von ihm. Will er in den Predigtdienst gehen, muss er erst die formale Genehmigung für den Status eines ungetauften Verkündigers haben. Oft weiß er gar nicht, wie er den bekommt, was er noch alles für Anpassungen vornehmen muss, damit die Ältesten ihn akzeptieren.
Das unnahbare Schloss
Es ist so wie in der Geschichte. K. wollte ja im Schloss arbeiten. Er kam aber nie dahin. Als er einmal auf einem Weg, der in Richtung Schloss führte, entlanglief, bog dieser Weg ab und er kam dem Schloss einfach nicht näher. Das höchste, was er erreichen konnte, ist eine Botschaft vom Schloss zu empfangen, die der zunächst vielversprechende Bote Barnabas ihm mitbringen konnte. Als er ihn ins Schloss begleiten wollte, ging dieser nur in sein eigenes Haus, nicht ins Schloss. In einem Brief von dem hohen Schlossbeamten Klamm, den ihm Barnabas mitbrachte, erkennt man ebenfalls die widersprüchliche Situation. Auf der einen Seite ist er wie ein freier Mensch, auf der anderen Seite nur ein kleiner Arbeiter, dem Dorfvorsteher unterstellt.
Seine neuen Gehilfen, die dann zu ihm kamen, hatten keine Instrumente wie die alten Gehilfen. Sie verstehen nichts von Landvermessung. Und so paradox ist die Situation auch für den, der nun ein Zeuge Jehovas werden möchte. Ist er ein freier Mensch, der seinem biblisch geschulten Gewissen folgt, oder ein Sklave der Organisation und der Versammlungsältesten?
Warum unterwirft man sich eigentlich der Organisation, wenn man doch einen christlichen Lebensweg gehen möchte und die Wahrheit frei macht und nicht versklavt?
Überlegungen des Landvermessers
Folgende Überlegungen hat der Landvermesser in der Geschichte:
Das Schloß hatte ihn also zum Landvermesser ernannt. Das war einerseits ungünstig für ihn, denn es zeigte, daß man im Schloß alles Nötige über ihn wußte, die Kräfteverhältnisse abgewogen hatte und den Kampf lächelnd aufnahm. Es war aber andererseits auch günstig, denn es bewies seiner Meinung nach, daß man ihn unterschätzte und daß er mehr Freiheit haben würde als er hätte von vornherein hoffen dürfen. Und wenn man glaubte durch diese geistig gewiß überlegene Anerkennung seiner Landvermesserschaft ihn dauernd in Schrecken halten zu können, so täuschte man sich, es überschauerte ihn leicht, das war aber alles. … „Ich kenne den Grafen noch nicht“, sagte K., „er soll gute Arbeit gut bezahlen, ist das wahr? Wenn man wie ich so weit von Frau und Kind reist, dann will man auch etwas heimbringen.“ „In dieser Hinsicht muß sich der Herr keine Sorgen machen, über schlechte Bezahlung hört man keine Klage.“ „Nun“, sagte K., „ich gehöre ja nicht zu den Schüchternen und kann auch einem Grafen meine Meinung sagen, aber in Frieden mit den Herren fertig zu werden, ist natürlich weit besser.“
Kafka
Bei Jehovas Zeugen
Man sieht seine Lage so, dass die Organisation Autorität ausübt und man durch sie auch kontrolliert werden soll, fühlt sich aber doch frei, denkt, man kann den Kampf gewinnen und sich Freiheit verschaffen. Schließlich würde man sich schon getrauen, seine Meinung zu sagen. Doch der Grund, weshalb man es dann nicht tut, ist der Wunsch, Frieden zu halten. Und auf dieser Basis unterwirft man sich der Organisation mit der Hoffnung, am Ende doch siegreich und als moralisch überlegen hervorzugehen. Darüber hinaus hat man Hoffnung auf den Lohn, der uns in Aussicht gestellt wird, da der Segen Jehovas auf der Arbeit ruht, wie man uns versichert.
Ein frisch getaufter Glaubensbruder möchte Jehova dienen und auch die Organisation immer besser kennenlernen. Doch nach Jahren stellt er fest, dass er nicht mehr versteht als zu Beginn. Er ist nicht weitergekommen. Vielleicht hat er im Bethel gedient, hat doch eigentlich so viel kennengelernt. Dann wird er hinausgeschickt und es scheint gerade so, wie wenn man noch ganz am Anfang steht. Was hat man eigentlich erreicht, mag man sich fragen?
Irre Hierarchie
Der Anruf des Landvermessers im Schloss ergab zunächst nur ein Stimmengewirr. Erst nach einiger Zeit meldete sich jemand. Dies wird später erklärt. Wenn man im Schloss anruft, klingeln eigentlich alle Telefone der untersten Abteilungen. Die meisten haben die Glocke ausgeschaltet. Dann geht irgendjemand ans Telefon, der die Glocke nur zu seiner Zerstreuung eingeschaltet hat. Das, was er sagt, ist aber eher als Scherz aufzufassen, da er ja gar nicht für die Sache zuständig ist.
Und so ist es, wenn wir wegen eines ernsten Problems einen Verantwortlichen der Organisation erreichen wollen. Ruft man ins Bethel an, bekommt man jemand ans Telefon, der nichts tun kann, sondern nur beruhigende und beschwichtigende Worte sagen soll. In einer Ältestenschaft hat der einzelne Älteste nichts zu entscheiden, da die Gruppe entscheidet. Spricht man also mit einem einzelnen Ältesten über das Problem, kann er auch nur beschwichtigen oder etwas Unverbindliches sagen. Man kommt so also nicht wirklich weiter.
Natürlich werden am Ende Entscheidungen schon von Einzelpersonen getroffen, da jeder ein bisschen zuständig ist. Irgendeine Schnapsidee von einer Einzelperson mag dann umgesetzt werden. Verantwortlich für die Folgen ist jedoch keine Einzelperson, sondern die Gruppe, die aber als Person oder Ansprechpartner nicht existiert.
Die Kommunikation funktioniert höchstens in eine Richtung: vom Aufseher zum Untergebenen. Doch auch diese gestaltet sich manchmal wegen der Zweideutigkeit der Botschaft und unterschiedliche Botschaften von verschiedenen Autoritätspersonen als schwierig. Und so ist auch die Geschichte Kafkas voller Kommunikationsprobleme.
Zu Kapitel 2
Wie alles anfing
Als K. mit Barnabas, dem Boten, unterwegs war, erinnert er sich, was er früher erlebt hat. Ein Triumphgefühl hatte er, als er (K.) die als schwer besteigbaren hohen Mauer des Kirchenfriedhofes bestiegen hatte. Und es war nicht schwer, er war gleich oben. Nur beim Absprung, als der Lehrer ihn dazu genötigt hatte, verletzte er sich.
Jeder Interessierte macht die Erfahrung, dass es sehr leicht ist, die Kirchen als falsch und als Babylon die Große zu entlarven. Das ist mit dem Erklimmen der Friedhofsmauer gemeint, denn Babylon die Große ist eigentlich schon beerdigt. Nur die darauf folgende Situation und der erzwungene Absprung verursachen Verletzungen. So ist es, wenn man schließlich die Organisation der Zeugen Jehovas verlassen muss, weil man ausgeschlossen wurde.
Bedeutung der Szene mit Frida und Klamm
Wie bei den anderen Geschichten Kafkas auch, dürfen die verschiedenen Handlungen nicht ganz buchstäblich verstanden werden, sondern sie sind auf einer geistigen Ebene gehoben worden.
Die Szene, in der Frieda vor Klamms Büro sitzt und K. durch ein Guckloch den schlafenden Klamm zeigt (Kapitel 3), deutet die völlige Ergebenheit Friedas zu der Behörde und ihre Vertreter an. Dass sie sich dann in K. verliebt, mit ihm auf dem Boden sich wälzt, bedeutet, dass sie insgeheim nach einem Befreier verlangt, um sie hier wegzuholen. Glaubensbrüder, die der Organisation völlig ergeben erscheinen, suchen Kontakt zu Außenstehenden und Interessierten, denen sie predigen können. Manche Glaubensschwestern, die geradezu fanatisch der Organisation ergeben sind, haben dann Männer geheiratet, die gar nicht getauft sind. Was Frieda auch zu K. hinzieht, ist die Tatsache, dass er mit Olga kam, eine Frau, die in schlechtem Ruf steht. Frieda muss K. also befreien und ihm helfen.
Dass Klamm schläft, ist auch passend, denn die Vertreter der Organisation schlafen in geistiger Hinsicht. Sie achten nicht auf das Tun Jehovas und sie wissen die Zustände innerhalb ihrer Organisation und auch das Verhalten ihrer „Schafe“ nicht zu deuten! Sie merken kaum etwas und haben auch kein Interesse. Scheinbar nur ehren und lieben sie ihre Glaubensbrüder, was von ihren „Schafen“ dann so gedeutet wird. Nur wenn ihnen etwas stört, werden sie aktiv.
Der Tanz mit den Ältesten
Besonders interessant ist die Szene mit den Bauern, die die Olga in einer Art Tanz umherschleudern:
Aber die Bauern ließen sie nicht, sie hatten einen Tanz erfunden, dessen Mittelpunkt Olga war, im Reigen tanzten sie herum und immer bei einem gemeinsamen Schrei trat einer zu Olga, faßte sie mit einer Hand fest um die Hüften und wirbelte sie einigemal herum, der Reigen wurde immer schneller, die Schreie, hungrig röchelnd, wurden allmählich fast ein einziger, Olga, die früher den Kreis hatte lächelnd durchbrechen wollen, taumelte nur noch mit aufgelöstem Haar von einem zum andern.
Kafka
Wer diese Bauern sind, wird von Frieda erklärt. Es ist Klamms Dienerschaft. Da Klamm für einen hohen Vertreter der Organisation steht, stellen die Bauern die Versammlungsältesten dar. Manchmal nehmen die Ältesten einen Glaubensbruder oder -schwester, den sie ermahnen oder maßregeln wollen, beiseite. Sie gehen beispielsweise in einen kleinen Raum, wo sie ihn meist zu zweit mit ihren Worten bearbeiten. Dieses Verhalten kann man dann mit einem solchen Tanz vergleichen. Der Glaubensbruder (oder Schwester) wird hierbei durch die vielen Worte in geistigem Sinne herumgewirbelt, sodass er oder sie keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.
In den Stall mit ihnen
Dass Frieda, die eine solche Ehrfurcht vor der Organisation hat, die Ältesten nun in den „Stall“ treiben konnte, ist natürlich nicht buchstäblich zu verstehen. Sie hat hohes Selbstbewusstsein, weil sie sich von der Organisation geliebt fühlt. Das ist ja gerade der Grund, weshalb viele in den sogenannten Vollzeitdienst gehen, den Pionierdienst oder den Bethel- oder Missionardienst verrichten. Sie fühlen sich dann von der Organisation geliebt, aufgewertet und in geistigem Sinne fühlen sie sich dann den Ältesten überlegen, können sie geistig besiegen.
Denn viele empfinden in ihrem Innern, vielleicht ohne es zuzugeben, einen tiefen Ekel vor den anmaßenden Ältesten. Tief im Herzen, mit den innersten Gedanken, schreien sie: „In den Stall!“. In der Geschichte „Ein Landarzt“ kam der Pferdeknecht, der ebenfalls für einen Ältesten steht, aus dem Stall. Der Stall steht für Babylon die Große. Aber wer von denen, die in der gesamten Organisation die Führung übernehmen, versteht schon, wie niederträchtig viele Älteste sind? Sie schlafen in geistiger Hinsicht.
Zu Kapitel 5
Die Interessen der Ältesten
Der Dorfvorsteher, der für die Ältestenschaft steht, erklärt dem Landvermesser, dass es sich um ein Missverständnis handelt und man keinen Landvermesser benötigt. Dies bringt K. in Bestürzung:
„Aber wie ist das möglich“, rief K., „ich habe doch diese endlose Reise nicht gemacht, um jetzt wieder zurückgeschickt zu werden.“
Kafka
Man hat schon viel investiert, um ein Zeuge Jehovas zu werden, und dann ist man hier bei dieser Organisation falsch? Der Beruf des Landvermessers steht auch für die Tätigkeit eines Bibelforschers. Man möchte gemäß Johannes 17:3 Jehova und sein Vorhaben in Verbindung mit Jesus Christus immer besser verstehen. Man möchte das geistige Land vermessen, um immer besser zu wissen, was Jehovas Wille ist. Doch die auf Menschenherrschaft ausgerichtete Ältestenschaft sagt ihm, dass es für denkende Menschen einfach keinen Bedarf gibt. Alles ist schon gemäß den Machtinteressen dieser Leute abgesteckt.
Die Mizzi, seine Frau, steht für die Diener der Ältesten, etwa Dienstamtgehilfen oder auch andere Mitälteste. Langwierige Amtswege, Vergesslichkeit und dass man die Möglichkeit, dass Fehler geschehen, gar nicht in Betracht zieht, zeichnet die Bürokratie der Ältesten aus. Der Landvermesser möchte keine Gnadengeschenke, sondern sein Recht. In amtlicher Hinsicht steht der Landvermesser völlig ohne Rechte da. Man könnte ihn jederzeit hinauswerfen. Doch wird von der Organisation wohlwollen bekundet. Herr Klamm möchte sich um ihn kümmern, steht in dem Brief. Aber es ist ein Privatbrief. Und sonst bleiben ihm die Worte: „Wie sie wissen“.
Die Situation der untergebenen Glaubensbrüder
Ja, egal, wie lange man schon ein Zeuge Jehovas ist, man hat keine wirklichen Rechte, kann jederzeit hinausgeworfen werden. Das, was bleibt, ist der eigene Gedanke, warum man hier ist und welche Rechte man sich selbst zubilligt. Da Jehova uns doch geliebt hat, müssten wir doch eigentlich auch Rechte haben. Zeitweise fühlen wir uns sicher, weil wir einen Status haben. Wir sind vielleicht Bethelmitarbeiter. Doch morgen sind wir rausgeschickt worden und bald sind wir gar nichts mehr.
Was hält einen Zeugen Jehovas davon zurück, die Organisation zu verlassen?
… die Opfer, die ich brachte, um von zuhause fortzukommen, die lange schwere Reise, die begründeten Hoffnungen, die ich mir wegen der Aufnahme hier machte, meine vollständige Vermögenslosigkeit, die Unmöglichkeit jetzt wieder eine entsprechende Arbeit zuhause zu finden und endlich nicht zum wenigsten meine Braut, die eine Hiesige ist. …
Kafka
Und so bleibt man der Organisation treu, obwohl die Bedingungen eigentlich unerträglich sind.
Dann, aus dieser Situation heraus, ist man lauter Zwängen ausgesetzt. Der Landvermesser musste den Job eines Schuldieners annehmen, obwohl er es gar nicht wollte. Aber die Wirtin, die ihm sein Nachtlager entzog und die Rücksicht auf seine Verlobte Frieda brachte ihn dazu, die Stelle anzunehmen. Eigentlich waren sie doch in seiner Schuld, da er nur Opfer der Bürokratie und der Umstände wurde. Doch sie drehten alles um und sehen sich selbst als solche, die sogar übergroße Güte an den Tag legen, er aber der Bittsteller ist.
Auch was Respekt betrifft, sahen sie die Dinge anders herum als er.
Auf den Kopf gestellt
Nach dem richtigen Verständnis, das der Bibelstudent erworben hat, ist eine Organisation nur ein Werkzeug, das dazu dienen sollte, den Dienst für Jehova, nicht für Menschen zu organisieren. Denn schließlich gibt man sich Jehova, dem Gott, der die Bibel inspiriert hat, hin. Man fühlt sich ausschließlich Jehova und seinem Hingabeversprechen verpflichtet. Man möchte ja durch seinen Predigtdienst bewirken, dass Menschen nicht mehr der Geistlichenklasse einer Kirche ergeben sind, sondern sich nur dem unsichtbaren Gott Jehova verpflichtet fühlen.
Menschen in der Organisation sind nur Diener, keine Herren. Älteste sollten wie Sklaven ihren Mitbrüdern dienen. Aber der Spieß wird umgedreht. Älteste verlangen Respekt wie große Herren. Wenn sie irgendetwas für ihre Mitbrüder tun, ist es höchstens übergroße Güte. Ihre Fehler müssen die Mitbrüder, die als Untergebene gesehen werden, auf ihre eigene Kappe nehmen. Und was sie zu bieten haben, ist nicht in Übereinstimmung mit dem Dienst, den man aufgrund seines Hingabeversprechens Jehova gegenüber tun möchte.
Die Rolle der anderen Glaubensschwestern
Die Wirtin steht für eine Glaubenschwester. Sie ist geprägt durch ihre Ehrfurcht gegenüber den Beamten der Behörde. Die Stellung, die durch das Verhältnis gegenüber einem hohen Amtsträger wie Klamm definiert wird, ist ihr das Wichtigste. Das ist eigentlich schwer verständlich, denn Klamm kann jemanden von einem Augenblick auf den anderen für immer vergessen. Aber diese Treulosigkeit nimmt man einfach als Spielregel hin und handelt dann selbst ebenso.
Und so ist auch ihr Verhalten gegenüber dem Landvermesser zu verstehen. Er hat die Frieda von Klamm abgezogen, was schlecht ist in ihren Augen. Wegen seiner Wünsche und Entscheidungen bekam sie kalte Füße und setzte ihn sofort vor die Tür, obwohl sie sich schon eingerichtet haben. Er war auch um der Frieda Willen gezwungen, sich anders zu entscheiden und den Job anzunehmen.
Ergebnis
So wird man von seinem ursprünglichen Vorsatz nach und nach abgebracht. Statt Jehova ausschließlich ergeben zu sein und seinem Hingabeversprechen zu folgen, wird man immer mehr Sklave einer Organisation, obwohl man sich durchaus nicht kampflos geschlagen geben möchte, wie es ja K. auch nicht tat. Seine Entschlusskraft bleibt zunächst erhalten. Das erkennt man an der nächsten Szene.
Das begehren, Klamm zu sprechen
Der Landvermesser möchte unbedingt Klamm sprechen. Da Peppi, die Nachfolgerin Friedas, erklärt, dass er hier nicht mehr zu finden ist, da er gleich ins Schloss fährt, geht er in den Hof und wartet auf Klamm. Er steigt in die gute gewärmte Kutsche ein, da der Kutscher ihm dies einräumte, um von ihm bedient zu werden. Doch dann kommt ein Herr aus dem Haus in den Hof. Es war aber nicht Klamm. Der Herr hat kein Verständnis für sein warten auf Klamm, da er ihn auf jeden Fall verfehlen würde. Aber K. blieb bei seinem Entschluss und war schließlich allein, da auch der Kutscher auf Befehl des Herrn nun seine Kutsche in den Stall fuhr und das Tor schloss. K. sah sich als Sieger und frei, aber es machte keine Freude, es nutzte ihm nichts. Er kann seine Ziele nicht erreichen.
Das Scheitern des Bemühens, Jehova in Verbindung mit der Organisation näherzukommen
Und so ist es auch in Wirklichkeit. Selbst wenn man fest entschlossen ist, bei seinen Entscheidungen zu bleiben und sich nicht einschüchtern und einlullen lassen möchte, nutzt es nichts. Man hat nichts erreicht. Das Bemühen, Jehova in Verbindung mit der geheimnisvollen Organisation näher zu kommen, führt immer zum Misserfolg, egal, wie man es anstellt. Entweder man wird Sklave der Organisation oder man landet im Niemandsland. Den richtigen Weg, den man durchaus vor Augen hat, als freier Mensch Jehova zu dienen und seinem Gewissen zu folgen, findet man nicht.
Stattdessen weicht die Möglichkeit einer Klärung der Situation ständig. Aber es wird ein Fünkchen Hoffnung verbreitet. Wenn er sich für die Dorfregistratur verhören lässt, vielleicht kommt er dann weiter. Es gibt aber überhaupt keine verbindliche Zusage. Er lehnt dies ab, da er keinen Nutzen sieht. Die Wirtin legt ihm nahe, dass nur der Weg durch diese Bürokratie eine kleine Chance enthält.
So ähnlich sieht die Lage auch in Wirklichkeit aus. Es wird einem nahegebracht, sich dem System, alle Regeln, etwa auch der Pflicht für die Berichterstattung seines Predigtdienstes, nachzukommen. Nur wenn man brav und gehorsam ist, findet man vielleicht Anerkennung und kann der Verwirklichung seiner Ziele näherkommen. Aber auch das ist nur eine Idee. Aus der Praxis weiß man, wie viele ihr Leben lang treu alles mitgemacht haben, ohne irgendetwas zu erreichen oder am Ende sogar ausgeschlossen zu werden.
Verrat und Naivität
Obwohl K. sich sehr bemüht, seine Integrität zu wahren, geriet er in immer weitere Abhängigkeiten. Seine Hoffnung war nun der Bote Barnabas, der ihn aber auch enttäuschte. K. wusste noch nicht, das auch die Kontakte Barnabas zum Schloss nur scheinbar waren. Später wird er vom Lehrer aus seiner Schuldienerschaft entlassen, nur weil er aus der Not heraus handelte, um sich vor der Kälte im Schulzimmer zu schützen, in dem er und Frieda übernachteten. Auch hier blieb K. standhaft und lehnte die Entlassung ab. Frieda opferte sich, um die Schuld von K. abzuwenden und sagte die Unwahrheit. Die Gehilfen verrieten sie in ihrer Naivität. Frieda verriet sich selbst in ihrer Naivität, um die Gehilfen vor Strafe zu schützen.
Auch solche Situationen treten in der Realität auf. Dass man sich gegenseitig und auch sich selbst verrät, kommt häufig vor. Auch die Neigung, sich zum Märtyrer zu machen, sich für jemand anderem zu opfern, wie es Frieda hier tat, ist normal. Natürlich ist es nutzlos und man gerät in eine Situation, in der man sich selbst in der Schuld sieht.
Schuldgefühle
Dass ein Klassenzimmer nicht für den Unterricht genutzt werden kann, eine Katze verletzt wird, ein Holzschuppen aufgebrochen wurde und alles schmutzig wurde, stellt Lehrer und Lehrerin in der Geschichte als Opfer dar und sie als Täter. Genauso gerät man durch Umstände, die eigentlich die Organisation verschuldet hat, in Situationen, in denen man selbst als böse dasteht mit der Folge, dass man sich selbst verurteilt. In der Geschichte blieb der Landvermesser standhaft und durchschaute die Situation. Er ließ sich keine Schuldgefühle einreden. Er argumentierte logisch und behielt so die Oberhand. Der Lehrer konnte deshalb nichts gegen ihn tun.
Frieda hingegen steht unter dem starken Einfluss der Organisation. Auf der einen Seite liebt sie den Landvermesser, auf der anderen Seite wird sie gequält durch Schuldgefühle und durch den Einfluss der Organisation. Ihre ambivalente Denkweise zeigt sich auch in ihrer Einstellung zu den Gehilfen. Soll man sie als Übeltäter sehen oder Mitgefühl haben?
Weil sie Mitgefühl gegenüber den Gehilfen hat und ihren geliebten Verlobten verrät, hat sie wieder Schuldgefühle. Wenn die Gehilfen Abgesandte Klamms sind, dann kann man sie nicht loswerden und man sollte sich sogar über sie freuen. Ständig wird Klamm zu einer Art Gottheit erhoben, obwohl er doch nur ein Beamter ist.
Übergroße Ehrfurcht vor der Organisation
Das Leben eines Zeugen Jehovas ist geprägt von einer übergroßen Ehrfurcht vor der Organisation, die man auch als sichtbarer Teil der Organisation Jehovas bezeichnet. Was man in Verbindung mit den Vertretern dieser Organisation erlebt, gilt immer irgendwie als von Jehova veranlasst. Auf der Gefühlsebene wird man genauso gebeutelt, wie das hier in der Geschichte dargestellt wird. Das Leben liegt in der Hand einer Organisation, dessen Vertreter man eigentlich gar nicht kennt. Auf der einen Seite spürt man sein eigenes Bedürfnis nach Befreiung. Auf der anderen Seite ist man emotional gebunden.
Aber nicht nur bei Frieda zeigen sich in der Denkweise Widersprüche. Auch der Landvermesser verstrickt sich in Widersprüche:
„Was hätte mich denn in dieses öde Land locken können, als das Verlangen hier zu bleiben.“
Kafka
Er lehnt Friedas Vorschlag ab, das Land zu verlassen. Schließlich war ja auch Frieda schön in seinen Augen, gerade weil sie so ein gutes Verhältnis zur Organisation zu haben schien. So ist auch er von der Organisation angetan.
Ja, wenn man sich entschlossen hat, hierherzukommen, dann kann man auch nicht loslassen. Und selbst wenn man hier einen geliebten Menschen gefunden hat, liebt man diesen vielleicht gerade wegen seines eifrigen Dienstes in Verbindung mit der Organisation. Wie soll man hier die Bande lösen können? Wie soll man seine Integrität bewahren? Man kann einen geliebten Menschen auch nicht hier herausholen!
Das ambivalente Verhalten der Glaubensschwester
Frieda, die Glaubensschwester, sieht einen Sinn in ihrem Leben durch ihre Hingabe, entweder für die Organisation oder jetzt für ihren Verlobten. An der fanatischen Ehrfurcht Friedas vor der Behörde hat sich auch durch ihr Verhältnis zu K. nichts geändert.
So verstößt sie K., nur weil er einen Abend mit den anrüchigen Familienangehörigen des Barnabas verbracht hat. Dabei ging es ihm ja nur darum, eine Botschaft von Barnabas von der Behörde zu erhalten, um endlich das Missverständnis um seine Anstellung im Schloss aufzuklären. Eigentlich ist er ja die ganze Zeit damit beschäftigt, mit der Kommunikationsstörung zur Behörde fertig zu werden. Man hatte ihn eigentlich als Landvermesser beworben und nun wird alles als Irrtum hingestellt und er kann seinem Beruf und dem eigentlichen Zweck seiner Anreise zum Schloss gar nicht nachkommen. Was er nun tun sollte, möchte er ja von Klamm erfahren. Hierzu ist er aber auf einen Boten, Barnabas, angewiesen.
In der Wirklichkeit läuft es ebenfalls nicht selten so ab. Glaubensbrüder können sich von einem zurückziehen, nur weil man irgendwelche Kontakte zu Personen hat, die als zweifelhaft gelten und das selbst dann, wenn es vernünftige Gründe für den Kontakt gibt, wenn man einfach nur in Übereinstimmung mit seinem Gewissen handelt, irgendein Problem lösen möchte.
Warum die Familie Barnabas überhaupt in schlechtem Ruf geriet, ist genauso kurios und hat wieder mit der übergroßen Ehrfurcht vor den Vertretern der Organisation zu tun, die gleichzeitig völlig unnahbar sind. Genaueres darüber in einem anderen Beitrag.
Autor: Bernd Oelschlägel
CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)
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