Den meisten Menschen ist bekannt, dass Jehovas Zeugen Bluttransfusionen ablehnen (gemäß Apostelgeschichte 15:20). Denn Blut ist heilig. Blut steht für Leben, das ebenfalls heilig ist. Das Blut, das wirklich Leben rettet, ist das vergossene Blut Jesu.
Wir wollen diese Dinge einmal genauer unter die Lupe nehmen. Dabei wollen wir auch darüber nachdenken, was Jesus seinen Jüngern antwortete, als es um das Thema Mord ging. Oder was meinte Paulus, als er sagte: Bestimmt hat jemand, der für die Seinigen nicht sorgt, den Glauben verleugnet (1. Tim 5:8)? Dann wollen wir außerdem das Gleichnis von den Schafen und den Böcken mit in das Thema einbeziehen (Matthäus 25:31-46).
Hintergrund
Als Noah aus der Arche ging, erhielt er für seine Nachkommen von seinem Schöpfer das Gebot, kein Blut von geschlachteten Tieren zu essen. Damals gab es noch keine Israeliten und noch keine Christenversammlung. Später musste Blut von geschlachteten Tieren nach dem mosaischen Gesetz zur Erde ausgegossen werden.
Für die Christenversammlung wurde das Gebot in Bezug auf Blut gemäß Apostelgeschichte 15:28, 29 bestätigt, indem es dort heißt:
Denn der heilige Geist und wir selbst haben es für gut befunden, euch keine weitere Bürde aufzuerlegen als folgende notwendigen Dinge: euch von Dingen zu enthalten, die Götzen geopfert wurden, sowie von Blut und von Erwürgtem und von Hurerei.
Apostelgeschichte 15:28, 29 (NWÜ nicht revidiert)
Hier ist von Erwürgtem die Rede. Das sind geschlachtete Tiere, die nicht ausgeblutet sind. Aber warum wird in dem Bibeltext Blut noch mal extra erwähnt, wenn schon in dem Wort „Erwürgtem“ das gemeint ist, an was sich bereits Noah und seine Nachkommen halten sollten?
Und warum heißt es in 3. Mose 17:11 „das Leben ist im Blut“? Blut ist zwar ein wichtiges Organ, das alle Körperteile miteinander verbindet und sie versorgt. Aber zum Leben gehören auch andere Organe. Hier müssen wir an den Anfang der Menschheitsgeschichte zurückkehren, um zu sehen, wie Blut seine sinnbildliche Bedeutung bekommen hat:
Blut als Sinnbild
Wie es begann: Der erste Mord
Es muss schrecklich ausgesehen haben. Abel lag tot auf dem Erdboden und das Blut strömte aus seinem Körper, bis er in einer Blutlache lag. Was für ein Anblick bot sich hier. Kain hatte gerade seinen Bruder Abel ermordet. Wahrscheinlich konnte er diesen Anblick niemals vergessen. Er musste etwas ganz Furchtbares getan haben. Sein Gewissen klagte ihn an.
Darauf nahm sein Schöpfer nun Bezug mit folgenden Worten (1. Mose 4:10; NWÜ 1986): „Was hast du getan? Horch! Das Blut deines Bruders schreit vom Erdboden her zu mir.“
Hier musste er sofort verstanden haben, was sein Schöpfer meinte, wenn er von dem Blut Abels sprach, denn der Anblick Abels in der Blutlache hatte er vor Augen. Und von da an wurde Blut zum Sinnbild für gewaltsam genommenes Leben!
Blut steht sinnbildlich für gewaltsam genommenes Leben.
Ein Gebot für Noah und seine Nachkommen
Nachdem Noah mit seiner Familie aus der Arche hinausging, erhielten sie einige Anweisungen von Gott. Durften sie Tiere essen und zu diesem Zweck töten? Das ist ja nicht selbstverständlich, denn alles Leben gehört Gott. Er ist der Urheber aller Geschöpfe und hat damit auch das Urheberrecht.
Ihnen wurde nun aber von Gott das Recht zugebilligt, Tiere schlachten zu dürfen, damit sie ihnen als Speise dienten, aber unter einer Lizenzbedingung (1. Mose 9:1-4):
Sie sollten nicht das Blut essen.
So ist es heute ja auch bei Werken von Menschen, zum Beispiel bei einem Werk eines Künstlers. Der Künstler hat das Urheberrecht auf sein Werk, kann aber anderen eine Lizenz erteilen. Und diese ist meist an bestimmte Bedingungen geknüpft, z. B. dass der Lizenznehmer den Urheber mit Namen nennen und auf die Lizenz verweisen soll.
Und genauso hat der Schöpfer die Bedingung aufgestellt, das Blut von geschlachteten Tieren nicht zu essen.
Würde man sich also nicht an dieses Gebot halten und das Blut essen, dann würde Gott dies als unerlaubtes Töten eines Tieres ansehen. Man würde sein Urheberrecht missachten.
In 1. Mose 9:5, 6 ist dann noch von „Vergießen von Menschenblut“ die Rede. Hier ist natürlich Mord gemeint und Gott erklärt hier die Strafe für Mord.
Jesu Blut
Auch über Jesus wird gesagt, dass sein Blut vergossen wurde. Das bedeutet, er starb an einem gewaltsam herbeigeführten Tod. Er wurde von Menschen ermordet.
Doch dieses vergossene Blut rettet tatsächlich Leben. Wer das verstehen möchte, kann sich mit der Abhandlung Die Himmelsleiter befassen. Hier wird der Wirkmechanismus erklärt.
Schon Abel wusste, dass ein Opfertod nötig ist, um die Nachkommen von der Sünde seiner Eltern zu erlösen. Er schlachtete Tiere als Beweis seines Verständnisses. Das war nicht unerlaubt, sondern Ausdruck seines Glaubens. Sein Schöpfer hat ihm das nicht als unerlaubtes Töten angerechnet, sondern ihn dafür gesegnet (Römer 3:28).
Für uns heute
Was sollen wir also heute tun? Bestimmt ist es gut, wenn wir aus Respekt vor unserem Schöpfer auch weiterhin kein Blut von geschlachteten Tieren essen. Denn das Gebot, das Noah für seine Nachkommen erhalten hatte, ist nicht aufgehoben worden. Denken wir einfach an die Lizenzbedingung und dass einem Tier das Leben durch die Schlachtung gewaltsam genommen wurde.
Aber wie sieht es mit Bluttransfusionen aus? Hier sollten wir uns die Frage stellen: Wird durch eine Bluttransfusion Leben genommen, wie es ja beim Schlachten eines Tieres der Fall ist? Stammt das Blut, das transfundiert wird, von einem Geschöpf (Tier oder Mensch), das dafür getötet wurde?
Was bedeutet nun aber der Gedanke aus Apostelgeschichte 15:20, sich des Blutes zu enthalten? Was schließt das alles ein?
Wie wir gesehen haben, ist Blut ein Sinnbild für gewaltsam genommenes Leben. Wenn wir uns also des Blutes enthalten sollen, dann bedeutet dies vor allem, dass wir keinen Mord begehen. Aber was schließt das noch ein? Gibt es noch eine erweiterte Bedeutung?
Thema Mord
Betrachten wir die Worte Jesu aus Matthäus 5:21, 22 zum Thema Mord. Jesus beginnt mit dem überlieferten Gebot „du sollst nicht Morden“. Doch dann redet er scheinbar von etwas anderem, nicht von buchstäblichem Mord und seinen Konsequenzen. Es geht ihm um scharfe, verurteilende Worte gegen seinen Mitbruder, um ihn zu diskreditieren. Jesus stellt es so dar, als ob es sogar schlimmer sei als buchstäblicher Mord, wenn man seinem Bruder mit Worten in Verruf bringt. Aber warum ist das so? Sind Worte wirklich so schlimm?
Jesus unterteilt hier in drei Schweregrade der Diskreditierung seines Mitbruders.
Die Wortwahl ist in den unterschiedlichen Bibelübersetzungen nicht einheitlich. Wir wollen aber den Sinn erfassen.
Drei Eskalationsstufen
Die erste Stufe ist fortgesetzter Zorn. Das ist dann der Fall, wenn man seinem Mitbruder immer wieder schwere Vorwürfe macht und er es nicht recht machen kann. Das geschieht oft in der Versammlung. Manchmal wollen auch zwei Älteste im Nebenraum mit einem Bruder ein Gespräch führen, um ihn zu tadeln. Oder ein Glaubensbruder macht die Erfahrung, dass ein Mitbruder ihm ständig Dinge an den Kopf wirft, ihn tadelt und er gar nicht weiß, was er dagegen tun kann.
In solchen Fällen liegt also Eskalationsstufe 1 vor. Wer seinen Mitbruder so diskreditiert, wird sich vor dem (göttlichen) Gericht, wenn auch einer unteren Instanz verantworten müssen.
Bevor wir zur zweiten Eskalationsstufe kommen, betrachten wir erst einmal die dritte Kategorie, um zu verstehen, was Jesus meinte.
In der NWT (Neue-Welt-Übersetzung, revidiert) werden die Worte Jesu mit „Wer sagt: ‚Du bist das Allerletzte'“ wiedergegeben. In der Bibelübersetzung „Gute Nachricht“ steht hier „Wer … sagt: ‚Geh zum Teufel'“. Noch klarer ist die Aussage in der Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“. Hier steht: „Wer ihn [seinen Mitbruder] verflucht. Und das ist die Bedeutung: Wer seinen Mitbruder verflucht, sodass dieser geächtet wird, wie es bei verfluchten Personen üblich ist, der erfüllt die dritte Eskalationsstufe.
Bei Jehovas Zeugen wird eine kurze Mitteilung gemach: „Person X ist kein Zeuge Jehovas mehr“. Danach wissen alle, dass diese(r) nun ausgeschlossen ist und man meidet ihn oder sie. Man redet wahrscheinlich kein Wort mehr mit dieser Person.
Bei der zweiten Eskalationsstufe geht es noch nicht so weit. Diese liegt vor, wenn jemand zwar zurechtgewiesen wird, Auflagen wie Kommentargebeverbot und Verlust von sogenannten „Dienstvorrechten“ erhält, aber eben noch nicht ausgeschlossen wird.
Jesus erklärt, dass diejenigen, die das tun, die also ein Rechtskomitee bilden oder deren Bildung veranlassen, dem obersten (göttlichen) Gericht, also der höchsten Instanz Rechenschaft ablegen müssen.
Wer den Betreffenden aber ausschließt, sodass ihn danach die Glaubensbrüder und auch die Ältesten, die ihn ausgeschlossen haben, meiden, der muss gar nicht erst Rechenschaft vor einem göttlichen Gericht ablegen. Die Strafe hierfür steht schon fest, nämlich die Gehenna. Er ist also sozusagen für Gottes Mülleimer bestimmt. Das heißt, er wird von Gott verworfen.
Ist das nicht zu streng?
Hört auf zu richten
Überlegen wir einmal. Die Ältesten sind Hirten und sollten sich um alle, auch um das „verlorene Schaf“ kümmern. Nachdem sie aber einen Mitbruder ausgeschlossen haben, reden auch sie kein Wort mehr mit ihm. Der Ausgeschlossene soll denken, Gott hat ihn so verworfen, dass er jetzt keine Möglichkeit mehr hat, die Dinge in einem Gespräch etwa mit Ältesten zu klären, sich zu rechtfertigen oder zu korrigieren. Und genauso sieht Jehova die Ältesten, die ihn ausgeschlossen haben. Auch er braucht mit ihnen nicht mehr reden. Er betrachtet sie als Gegenstand für die Gehenna (Matthäus 7:1, 2).
Was es bedeutet, für seine Angehörigen nicht zu sorgen
Paulus spricht davon, dass ein Glaubensbruder, der für die Seinigen und besonders für seine Hausgenossen nicht sorgt, den Glauben verleugnet hat (1. Timotheus 5:8). Es ist schlimmer, als überhaupt keinen Glauben zu haben. Was wollte Paulus damit sagen?
Um das zu verstehen, ist ein Wort in seiner Aussage besonders wichtig, nämlich das Wörtchen „nicht“. Manche in der Christenversammlung haben schon ihrem Mitbruder (oder Schwester) vorgeworfen, sich zu wenig um die Angehörigen zu kümmern und haben hierbei diesen Bibeltext hervorgehoben.
Doch das ist nicht gemeint. Hier ist nicht von „zu wenig“ die Rede, sondern von „nicht“. Wann trifft das zu? Das ist besonders dann der Fall, wenn ein Angehöriger ausgeschlossen wurde. In diesem Fall kümmert man sich oft überhaupt nicht mehr um ihn. Man weiß nicht, wie es ihm geht, ob er dringend Hilfe bräuchte. Vielleicht behandelt man ihn so, wie wenn er schon gestorben wäre, obwohl er doch lebt und wahrscheinlich die Unterstützung seiner Angehörigen dringen bräuchte.
Wer so handelt, hat also nach den Worten des Paulus den Glauben verleugnet. Er braucht nicht denken, von Jehova anerkannt zu werden, weil er doch angeblich ein gläubiger Mensch ist und meint, dadurch sogar einen heiligen Dienst zu tun (Johannes 16:2).
Wer sind die Schafe und wer die Böcke in Jesu Gleichnis?
Es waren die religiösen Führer unter den Anbetern Jehovas, die gegen Jesus Gericht gehalten hatten, um ihn zu verurteilen und an den Pfahl zu bringen. Aus diesem Grund nimmt es Jesus persönlich, wenn heute die Ältesten der Christenversammlung ein solches Gericht bilden (Rechtskomitee), um einen Mitbruder dem sozialen und geistigen Tod auszuliefern. Er betrachtet die geächteten Ausgeschlossenen als seine Brüder. Und wie man diese seine Brüder behandeln würde, sieht er so, wie wenn man ihn so behandeln würde.
Die geächteten Ausgeschlossenen sind oft hungrig und durstig, etwa nach tröstenden Worten und dass man nach ihnen sieht, denn sie werden ja gemieden und sind oft ganz allein. Sie sind auch wie Fremde geworden und sehnen sich nach Gastfreundschaft. In geistigem Sinne sind sie oft auch nackt. Man hat ihnen ihre Hoffnung genommen. Wenn sie krank sind, wünschen sie sich, dass sich jemand um sie kümmert. Sie sind wie im Gefängnis, da man sie ja verurteilt hat.
Wer ihnen nun hilft und ihnen Gutes tut, wird von Jesus als Schaf eingestuft und gesegnet (Matthäus 25:34-36). Er darf in die verheißene neue Welt. Wer ihnen nichts Gutes tut, sie also völlig im Stich lässt, wird als Bock eingestuft und in gleicher Weise wie der Teufel verurteilt (Matthäus 25:41-43).
Autor: Bernd Oelschlägel, aufgeschrieben 2022
CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)
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