Die Gruppenlehre

In einem Land gab es einen König, der über die Menschen herrschen wollte. Die Menschen in diesem
Land waren so erzogen worden, dass sie zum Gehorchen bereit waren. Allerdings gab es auch die
Lehre, dass alle demütig sein sollten und sogar jemand, der die Führung übernimmt, wie der Jüngste
und der Dienende sein sollte. Man durfte auch keinen Menschen als Führer betrachten. Denn ihr
Glaube bestand darin, dass es nur einen unsichtbaren Führer und einen unsichtbaren Vater im
Himmel gibt.

Der König fragte sich nun, wie er erfolgreich und ohne Anfechtung über sie herrschen könnte. Da
hatte er eine geniale Idee. Ein zweiter König, der auf seiner Seite steht, sollte sich ihm anschließen.
Dann herrschen sie abwechselnd. Wenn der Andere gerade die Anweisungen gibt, ordnet er sich
diesen unter und stellt sich als demütig, gehorsam und unterwürfig dar. Danach, wenn die
Anweisungen von ihm kommen, ordnet sich der Andere demutsvoll unter. „So können wir die
Bewohner des Landes davon überzeugen, dass wir selbst demütig sind und uns unterordnen, obwohl
wir doch über sie herrschen.“

Dann überlegten sie, dass das Ganze noch wirkungsvoller wird, wenn sie nicht nur zu zweit auftreten,
sondern eine Gruppe von mehreren Personen bilden. Dann ist es immer so, dass sich die meisten von
ihnen der Entscheidung des einen, der gerade die Anweisungen gibt oder der „Gruppenmeinung“,
unterordnen. Denn wer gerade die Anweisungen gibt, interessiert dann auch niemand mehr. „So
können wir also erfolgreich über sie herrschen und gleichzeitig die demütigen Untergebenen
spielen.“ Sie probierten es aus und es funktionierte hervorragend. Man schmückte das Ganze noch
mit der Lehre, dass diese heilige Gruppe direkt von dem unsichtbaren Führer im Himmel angeleitet
wird. Dann war die Sache perfekt. Alle folgten der Führung und beteten sie regelrecht an. Kaum einer
merkte den Schwindel.

Dann stellte es sich sogar heraus, dass es noch einen Vorteil gibt. Wenn jemand sie wegen der
verheerenden Auswirkungen ihrer Entscheidungen zur Verantwortung ziehen möchte, treten sie alle
als Einzelpersonen auf, die keine Verantwortung für die Entscheidungen haben, da sie sich ja nur
demütig unterordneten.

Autor: Bernd Oelschlägel

CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

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Die inspirierte Geschichte "Ein Landarzt" von Franz Kafka beschreibt in Symbolsprache, wie ich ein Zeuge Jehovas wurde und was ich dann erlebte!