Welche Erfahrungen man bei Jehovas Zeugen machen kann, wenn man lange Zeit mit geistiger Gesinnung aufopferungsvoll gedient hat und nun in einer neuen Versammlung Fuß fassen will, erzählt uns diese inspirierte Geschichte Kafkas in anschaulicher Art und Weise.
Online Lesemöglichkeit des Kafka-Textes z. B. https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/erzaehlg/chap021.html
Der Segen Jehovas macht reich
Gewöhnlich halten Älteste Vorträge, um zu einer Form des ganzherzigen hingebungsvollen und opferbereiten Dienstes für Jehova zu ermuntern. Man lädt die Glaubensbrüder ein, sich für eine Form des Vollzeitdienstes zu bewerben. Lass deine weltliche Karriere. Gehe in den Pionierdienst oder bewerb dich für den Betheldienst oder gehe ins Ausland, werde Missionar. Jehova ist der beste Arbeitgeber. Er wird dich nie im Stich lassen. Er ist nicht ungerecht, dass er deine Liebe und deine mühevolle Arbeit je vergessen könnte. Häuf dir auf diese Weise Schätze im Himmel auf, da sie nicht durch Motte oder Rost zerfressen werden können und dort auch Diebe nicht einbrechen und stehlen können. Denn eine weltliche Karriere ist nur von kurzer Dauer und bald sind alle Erfolge vergessen. Aber der Dienst für Jehova ist für die Ewigkeit.
Änderungen ergeben sich
Nachdem man auf diesen Rat gehört hatte und nun schon etliche Jahre im Vollzeitdienst zugebracht hatte, ergaben sich Änderungen. Man wurde im Zuge der sogenannten Neustrukturierung der Organisation aus seinem Dienstverhältnis entlassen. Vielleicht arbeitete man vorher jahrzehntelang im Bethel (dem Zweigbüro der Zeugen Jehovas) und wurde dann hinausgeschickt. Oder man war Sonderpionier oder in einer anderen Form des ganzherzigen Einsatzes beschäftigt. Jedenfalls ist man jetzt einfach nur ein Glied in der neuen Versammlung, zu der man zugeteilt wurde bzw. in dessen Einzugsgebiet man wohnt.
In dieser neuen Situation, in der man wieder einer Ältestenschaft untersteht, durch die man vorher so ermuntert wurde, seinen Vollzeitdienst aufzunehmen, macht man nun Erfahrungen, wie sie in der Geschichte „Der Kübelreiter“ von Franz Kafka anschaulich in Symbolsprache geschildert wird.
Meine Erfahrungen nach dem segenbringenden Dienst
Die Symbole in der Geschichte können folgendermaßen gedeutet werden:
Die Wärme eines Kohlenfeuers stellt die Liebe, Respekt, Anerkennung und Ehre dar, die man jemandem entgegenbringt. Die Kohle steht für die Stellung, Einstufung und für den guten Ruf eines Menschen, um ihn entsprechend zu würdigen.
Der Kübel, in dem sich normalerweise ein beträchtlicher Kohlevorrat befinden sollte und der nun leer ist, steht für seine frühere gute Stellung, an der sich jedenfalls nichts durch eigenes Verschulden geändert haben müsste. Trotzdem scheint jede Anerkennung nun weg zu sein und auch der vom Himmel von Jehova oder auch von der Organisation kommende Segen ist völlig verschwunden.
Während man sich nun an die neuen Lebensumstände gewöhnen und sich wieder einleben muss, bemüht man sich zwischendurch, die anderen daran zu erinnern, was man für Jehova im Dienst schon getan hat. Sie müssen einem doch Anerkennung zollen. Die vielen Jahre des aufopferungsvollen und selbstlosen Dienstes für Jehova sollten doch eigentlich weiterhin gewürdigt werden. Aber da ist keine Anerkennung weit und breit. Und so reitet man sozusagen auf seinem leeren Kübel, schwebend, da man die Anerkennung ja verdient hätte. Und man bettelt sozusagen um Anerkennung.
Der Kohlenhändler, der die Zuteilungen vergibt
Der Kohlenhändler steht für Personen, die in der Organisation übergeordnet die Führung übernehmen und die Zuteilungen vergeben. Die Frau steht für die Versammlungsältesten oder die Ältestenschaft der neuen Versammlung, der man zugeteilt ist.
Für den Kohlenhändler ist man alte Kundschaft. Da man eine Form des Vollzeitdienstes gewählt hatte, bekam man von ihnen schon in der Vergangenheit entsprechende Zuteilungen. Als ehemaliger Bethelmitarbeiter sind die Zweigkomiteemitglieder, die man auf Kongressen antrifft, alte Bekannte. Man hatte mit ihnen zusammengearbeitet. Darum hat der Kohlenhändler noch am ehesten gute Gefühle für den Kübelreiter und möchte ihm eigentlich entgegenkommen.
Die Bitten, die man in der Vergangenheit an sie gerichtet hat, stießen allerdings auf taube Ohren, sodass man an dem Verlauf der Entwicklungen auch nichts ändern konnte. Für die Ältesten der Versammlung ist der Kübelreiter jedoch wie Luft. Nur wenn dieser sich ein wenig Geltung verschaffen möchte, ist er sozusagen Konkurrenz und man weist ihn zurück. Und das gelingt auch, sie haben die Oberhand.
Versammlungsälteste
Sie haben ihre eigenen Interessen. Für all ihre Machenschaften erhalten sie Rückendeckung von der Organisation. Sie sind wohlig im Rücken gewärmt. Und der Kübelreiter hat für sie keinen Nutzen. Er dient ihren Interessen nicht. Und die Organisation soll sich nicht um ihn kümmern, sondern um sie. Sie geben dann vor, sich selbst als Hirten um den Neuen in der Versammlung zu kümmern, tun dies aber nicht. Sie behandeln ihn stattdessen, wie wenn er gar nicht existieren würde.
Der Kübelreiter kann das kaum begreifen. Er sagt sich, sie müssten ihm doch eigentlich wenigstens etwas entgegenkommen, wenn sie sich doch nur an die elementarsten Gebote der Nächstenliebe erinnern würden. Sie kennen doch zumindest das Gebot: „Du sollst nicht töten!“ Natürlich kann sich der Kübelreiter am Ende nur kopfschüttelnd von ihnen entfernen und allein mit dem völligen Fehlen jeder Anerkennung zurechtzukommen suchen.
Autor: Bernd Oelschlägel
CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)
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