Was ist Loyalität eigentlich? Bedeutet es, einem Führer oder einer Regierung ergeben zu sein? Oder ist es etwas anderes?
In einer autoritären Organisation werden Mitglieder, die nicht alles mitmachen oder mitvertreten, was dort beschlossen wird, für böse erklärt, ausgeschlossen und oft auch verfolgt. Man fordert Loyalität von jedem Einzelnen. Aber hat das überhaupt etwas mit dem göttlichen Prinzip der Loyalität zu tun?
Könnte es sein, dass Loyalität eine der erhabensten und wichtigsten Eigenschaften ist, durch die sich der Schöpfer des Universums auszeichnet? Dann würde auch seine Schöpfung diese Eigenschaft widerspiegeln. Und das, was Menschen unter Loyalität verstehen, ist dann eine verdrehte Form, durch die ein Herrschaftssystem aufgerichtet werden soll.
Sehen wir uns zunächst an, was in der Bibel zum Thema Loyalität steht, und dann wollen wir ein Beispiel aus der Schöpfung betrachten.
Was wir beim Bibellesen über Loyalität erfahren
Jehova ist loyal
Gemäß Psalm 145:17 ist Jehova loyal in allem, was er tut. Loyalität hat also etwas mit dem Handeln zu tun. Und in Offenbarung 15:4 heißt es sogar, dass er allein loyal ist. Wegen dieser großartigen Eigenschaft müssen wir einfach Ehrfurcht vor ihm haben und seinen Namen verherrlichen. Sein Name steht aber für die Zuverlässigkeit, dass seine Verheißungen Wirklichkeit werden. Er setzt alles um, was er angekündigt hat, egal, wie viel Zeit bereits verstrichen ist. Zu seiner Zeit werden seine Verheißungen wahr werden. Davon handelt die ganze Bibel.
Die Bibel handelt davon, dass Jehova einen Bund mit Abraham geschlossen hatte. Seine Nachkommen sollen viele werden und ein bestimmtes Land in Besitz nehmen. Schließlich sollen sich sogar alle Nationen durch ihn segnen (1. Mose 18:18). Zu der Zeit, als Abraham die Verheißung erhielt, war seine Frau unfruchtbar. Er hatte keine Kinder. Aber er glaubte daran, dass Jehova alles, was er gesagt hat, Wirklichkeit werden lässt. Musste er lange warten? Er wurde 175 Jahre alt und lernte gerade noch seinen Enkel Jakob kennen, der Erbe der Verheißung werden sollte. Alles andere lag noch in der Zukunft.
Bis zum heutigen Tag hält Jehova an dem Bund mit Abraham fest und setzt nach und nach alles um, was er vorausgesagt hat. Die Nachkommen Abrahams waren nicht immer loyal, aber gemäß Jeremia 3:12 bittet Jehova sie, umzukehren, denn er möchte sein Angesicht nicht zürnend auf sie senken, da er loyal ist. Er hält unter allen Umständen am Bund mit dem Samen Abrahams fest.
Die Loyalgesinnten
Gemäß Apostelgeschichte 2:27 ist Jesus Christus Jehovas Loyalgesinnter. Er hat dies durch sein tiefes Vertrauen in Jehova bewiesen (1. Petrus 2:23). Er wurde abgeschnitten mit nichts für ihn selbst, indem man ihn wie ein Verfluchter an einem Pfahl hingerichtet hatte. Jehova brachte ihn innerhalb von drei Tagen, bevor die Verwesen einsetzt, zur Auferstehung. Denn es war für Jehova unmöglich, dass sein Loyalgesinnter die Verwesung sieht.
Da Jesus uns ein Beispiel gegeben hat, können auch wir loyal gesinnt sein. Jehova segnet die Loyalgesinnten (Psalm 4:3; 18:25). Wer loyal gesinnt ist, wird umgekehrt Jehova segnen (Psalm 145:10). Denn dann verstehen wir, wie wunderbar diese Eigenschaft ist und wir haben große Wertschätzung. Jehova wird unsere Wege behüten (Sprüche 2:8, 9).
Die neue Persönlichkeit oder Identität für Christen, von der Paulus spricht, ist nach Gottes Willen in wahrer Gerechtigkeit und Loyalität geschaffen (Epheser 4:24).
Wir hatten schon in Verbindung mit der Eigenschaft der Unparteilichkeit gesehen, dass dieses Prinzip sogar in der unbelebten Schöpfung überall zu finden ist. Die Naturgesetze, die der Schöpfer gemacht hat, sind von dieser Eigenschaft geradezu durchdrungen. Kann das auch für die Eigenschaft der Loyalität gesagt werden?
Loyalität in den Naturgesetzen: Das EPR-Paradoxon
Obwohl Loyalität etwas mit dem freien Willen zu tun hat und somit diese Eigenschaft nur vernunftbegabte Geschöpfe haben können, finden wir das elementare Prinzip der Loyalität sogar in den Naturgesetzen, die das Verhalten kleinster Teilchen beschreiben.
Die Quantenphysik kennt folgendes Phänomen: Wenn zwei Teilchen, die ursprünglich zusammen waren, auseinanderfliegen und sich immer weiter voneinander entfernen, bleiben sie doch auf geheimnisvolle Art und Weise miteinander verbunden. Man sagt, sie befinden sich im selben Quantenzustand. Wird nun an einem der beiden Teilchen eine Messung vorgenommen, dann wirkt sich das auch auf das andere Teilchen aus, weil der Quantenzustand, der beide Teilchen umfasst, geändert wurde.
Ein einfaches Beispiel ist die Messung der Eigendrehung (auch Spin genannt) eines Teilchens. Bei bestimmten Teilchen gibt es hier nur zwei Messwerte, nennen wir sie Plus und Minus. Als die beiden Teilchen noch zusammen waren, hatten sie keine Eigendrehung. Das bedeutet nach dem Drehimpulserhaltungssatz, der wiederum aus dem Prinzip der Unparteilichkeit hervorgeht, dass das eine Teilchen plus und das andere dann minus sein muss. Bevor man jedoch eine Messung vornimmt, befinden sich beide Teilchen in einem Quantenzustand, bei dem der Wert des einzelnen Teilchens noch nicht festgelegt ist. Wenn eine Messung an einem der beiden Teilchen vorgenommen wird, dann ist es mit 50 % Wahrscheinlichkeit plus oder sonst minus. Doch jetzt, nach der Messung, ist der Wert des einen Teilchens festgelegt. Dann muss das andere Teilchen auch festgelegt sein und es muss den entgegengesetzten Wert haben.
Eine einfache Erklärung misslingt.
Man könnte argumentieren: Es ist, als ob man eine rote und eine blaue Kugel hat und auf Reisen schickt. Man weiß, dass eine rot und die andere blau ist, aber man hat noch je einen Würfelbecher über beide Kugeln, sodass man nicht weiß, welche der beiden Kugeln nach rechts oder nach links bewegt wird. Öffnet man dann später den Würfelbecher über eine der Kugeln, dann kennt man auch die Farbe der anderen, obwohl man die andere nicht beeinflusst hat.
Aber um es gleich zu sagen: So ist es in der Quantenphysik nicht. In der Quantenphysik sind die beiden Teilchen in einem Zustand, bei dem wirklich noch nicht entschieden ist, welchen Messwert man bei der Messung eines Teilchens erhalten würde. Aber nach der Messung ist auch entschieden, welcher Messwert das andere Teilchen haben muss. Bei dem oben angeführten Beispiel war schon alles entschieden, aber man wusste es nur nicht, weil der Würfelbecher drüber war. In der Quantenphysik findet wirklich eine kuriose Fernwirkung statt, obwohl sie das nicht wirklich ist.
Jenseits des Kausalitätsprinzips
Das relativistische Kausalitätsprinzip besagt, dass eine Fernwirkung nur maximal mit Lichtgeschwindigkeit möglich ist. Will also das eine Teilchen einen Befehl an das andere Teilchen geben, etwa: „Ich bin Plus, also werde Minus“, dann ist dazu Zeit notwendig. Der Befehl kann nur maximal mit Lichtgeschwindigkeit von dem einen Ort zum anderen gelangen. Doch so ist es nicht bei diesem quantenphysikalischen Phänomen. Es scheint keine Zeit zu benötigen. Ist das eine Teilchen festgelegt, dann ist zeitgleich auch das andere Teilchen festgelegt. Da die beiden Teilchen am Anfang zusammen waren und nur deshalb zusammenwirken, kann damit auch keine nichtlokale Theorie begründet werden.
Das Phänomen wird als EPR-Paradoxon oder ausgeschrieben als Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon bezeichnet. In der Wissenschaft ist es üblich, nicht den Schöpfer, sondern Menschen zu ehren, indem man die Dinge nach den Namen der Wissenschaftler bezeichnet. Einstein, Podolsky und Rosen waren drei Physiker, die schon viel verstanden hatten und nun die Hoffnung hatten, gemeinsam auch dieses Phänomen zu verstehen. Dazu zerbrachen sie sich den Kopf und führten auch Erklärungen ein, die der oben erwähnten einfachen Erklärung entsprachen. Das ist ihnen aber nicht gelungen.
Man konnte schließlich mithilfe der statistischen Auswertung von Experimenten beweisen, dass die oben erwähnten Erklärungen nicht funktionieren und die drei Physiker es also nicht verstehen konnten. Darum heißt das Phänomen eben EPR-Paradoxon. Paradoxon, weil sie es nicht verstehen können. Ich glaube, dieses Mal muss die Ehre an den Schöpfer gehen. Seine Gedanken sind einfach höher als die Gedanken der Menschen (Jesaja 55:8–11). Auf eine ganz unerklärliche Art und Weise sind die beiden Teilchen einander loyal. Sie gehören auch dann noch zusammen, wenn sie beliebig weit voneinander entfernt sind. Was mit dem einen Teilchen passiert, lässt das andere nicht unbeeinflusst. Aber es gibt keinen Befehl dazu.
Was können wir daraus lernen?
Göttliche Loyalität ist etwas ganz anderes als das, was Organisationen uns weismachen wollen. Jede aufgezwungene Loyalität benutzt die Androhung von Kausalität. Wenn du nicht gehorchst, hat das Konsequenzen. Aber da das Kausalitätsprinzip bei der göttlichen Loyalität gar keine Rolle spielt, ist sie etwas gänzlich anderes.
Diese Eigenschaft kann auch nicht geübt werden. Sie ist einfach eine gottgegebene Eigenschaft, genauso, wie es auch die Frucht des Geistes ist. In Galater 5:22 werden Eigenschaften aufgezählt, die als Frucht des Geistes bezeichnet werden: Liebe. Freude, Frieden, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Glauben, Milde, Selbstbeherrschung. Manche üben an dieser Eigenschaft, weil sie denken, dass sie dadurch bessere Menschen werden oder im Geschäftsleben Vorteile haben. Aber das ist nicht gemeint. Wer mit heiligem Geist durchdrungen ist, hat diese Eigenschaften automatisch. Gott gibt denen, die ihn lieben und die darum bitten, seinen Geist. Böse Menschen erhalten ihn nicht.
Genauso ist es mit Loyalität. Es heißt doch in Epheser 4:24, dass die neue Persönlichkeit nach Gottes Willen in wahrer Gerechtigkeit und Loyalität geschaffen worden ist. Das ist die Eigenschaft der neuen Persönlichkeit, nicht etwas Eingeübtes oder Aufgezwungenes. Und diese erhalten wir von Gott, wenn wir die richtige Gesinnung haben und aufgrund unserer Reue zu einer genauen Erkenntnis der Wahrheit gelangt sind (2. Timotheus 2:25; Kolosser 3:10).
Ehrfurcht vor dem Schöpfer und tiefer Glaube und Liebe der Loyalgesinnten
Die göttliche Eigenschaft der Loyalität ist unbegreiflich, wie wir gesehen haben. Durch seine unergründliche Loyalität geht sein Wort, das er zu seinen Propheten geredet hat, in Erfüllung. Gemäß Jesaja 55:8–11 macht er uns darauf aufmerksam. Seine Wege sind höher als unsere Wege und seine Gedanken höher als unsere Gedanken. Darum geht sein Wort ganz sicher in Erfüllung, auch wenn viele Jahrtausende schon verstrichen sind, seit Abraham die Verheißung empfing.
Die Eigenschaft der Loyalität ist fest mit Jehovas Liebe verbunden. An vielen Bibelstellen wird ein Wort verwendet, das man mit „loyale Liebe“ übersetzen kann. Als Moses Jehovas Wege wissen und seine Herrlichkeit sehen wollte, stellte sich Jehova als ein Gott vor, der tausenden loyale Liebe bewahrt (2.Mose 33:12, 13, 18; 34:5–7). Loyalität und Liebe gehören also zusammen.
Wenn wir wegen Jehovas wunderbarer Eigenschaften und seiner loyalen Liebe Jehova segnen und dann selbst große Liebe empfinden, dann können wir zu seinen Loyalgesinnten gehören, die er segnet. Das ist viel größer als Loyalität gegenüber einer Organisation. Und es ist das, was echter Glaube und die wahre Anbetung und Hingabe an Jehova bedeuten.